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Aus der Stadt „Schmierentheater“ nach Hells-Angels-Attacke
Hannover Aus der Stadt „Schmierentheater“ nach Hells-Angels-Attacke
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00:19 09.05.2015
Von Michael Zgoll
Quelle: dpa
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Hannover

Ein Amtsgerichts-Prozess um eine Schlägerei im Rockermilieu entwickelte sich am Dienstag zu einem Paradebeispiel dafür, wie der Ehrenkodex im Hells-Angels-Milieu funktioniert. Dass der wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagte Abdullah Rezan C. die Aussage verweigerte, kam für Prozessbeobachter nicht überraschend. Doch auch die beiden Opfer, ein Brüderpaar aus Hamburg und Gehrden, mochten den Angeklagten nicht im Geringsten belasten, spielten einen Überfall in der Langen Laube total herunter. Die Staatsanwältin, die die provokant zur Schau gestellten Erinnerungslücken und das anhaltende Grinsen des besonders heftig malträtierten Bruders sichtlich nervten, sprach von „Schmierentheater“.

Laut Anklage sollen C. und ein weiterer Mann an einem Septemberabend 2013 auf die vor einem Shisha-Café sitzenden Brüder losgegangen sein. Demnach attackierte der 27-jährige C. die zwei Männer mit Pfefferspray, schnappte sich einen Stuhl und prügelte vordringlich auf den älteren Bruder - ebenso wie er 27 Jahre alt - ein. Dieser floh ins Café, wurde dort mit weiteren Schlägen und Tritten überzogen. Auf Fotos wies sein Gesicht später erhebliche Schnitt- und Risswunden sowie Prellungen auf. Der 25-jährige Bruder wurde weniger schwer verletzt. Anschließend flohen die Angreifer in einem schwarzen BMW.

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Abdullah Rezan C. ist ein großer, breitschultriger Mann. Der Hartz-IV-Empfänger ohne Schulabschluss liebt Tätowierungen, auf einem Arm ist der Schriftzug „Hells Angels“ zu lesen. Im vergangenen Jahr war der ehemalige Chef der Rockerbande „Nomads Turkey Bielefeld“ aus dem Club geworfen worden. In einem Youtube-Video behauptete er, er sei wegen seiner Herkunft als „stolzer Kurde“ geschasst worden. Mit deutlich drohendem Unterton verwies er darauf, dass ihm das Kurdentum wichtiger sei als seine Hells-Angels-Mitgliedschaft; er schwor allen, die ihm und seiner Familie nachstellen würden, blutige Rache. Später soll sich der mehrfach vorbestrafte C. für seine abfälligen Bemerkungen über den türkischen Rockerclub entschuldigt haben. Ob der Angriff in der Langen Laube mit diesen Differenzen zu tun hat, kam gestern nicht zur Sprache.

Der ältere Bruder behauptete, er pflege zu C. eine jahrelange Freundschaft. Er habe sich noch nie mit den Hells Angels beschäftigt, sei vor der Sisha-Lounge keineswegs angegriffen worden und habe C. lediglich begrüßt. „Wie das Pfefferspray in meine Augen kam, weiß ich auch nicht“, sagte er. Sein Bruder gab immerhin zu Protokoll, dass der Ältere von mehreren Männern geschlagen worden sei, mehr wisse er aber auch nicht. Andere Zeugen im Café hatten gehört, wie eines der Opfer „Keine Aussage“ rief - ein deutlicher Hinweis auf das Aussageverhalten des Brüderpaars.

Amtsrichter Koray Freudenberg vernahm gestern auch etliche neutrale Beobachter der Prügelorgie; C.s Anwalt Mario Prigge mühte sich redlich, deren Glaubwürdigkeit zu erschüttern. Der Prozess wird in zwei Wochen fortgesetzt.

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