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Aus der Stadt Die Wunden von Hannover
Hannover Aus der Stadt Die Wunden von Hannover
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15:51 24.10.2013
„Zu groß, zu marktschreierisch“: Die gläserne Nord/LB am Aegi vom Stuttgarter Büro Behnisch spaltet wegen ihrer Dimension und der gestapelten Bauweise. Quelle: Rainer Dröse
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Hannover

Vor etwa 20 Jahren kam ein Besucher nach Hannover, der zuvor noch nie dort gewesen war. Er verließ den Bahnhof über den Nordausgang. Er sah das Passerellenloch mit irgendwo im Dunkel verschwindenden Gängen. Er sah das braune Trumm der Sparkasse. Er sah Parkhausfassade und Fernroder Tunnel und Justizbeton und in einiger Entfernung die Raschplatzhochstraße. Er fragte: „Gibt’s hier auch schöne Ecken?“

Ein hannoverscher Kommunalpolitiker, mit der Frage konfrontiert, sagte: „Ich glaube, die Schönheit Hannovers liegt in den Stadtteilen.“ Später wurde dieser Politiker Oberbürgermeister und ist heute niedersächsischer Ministerpräsident.
Wahrscheinlich hatte Stephan Weil recht. Wenn der Hannoveraner sich wohlfühlen will, zieht er sich in seinen Kiez zurück, in die Backsteingemütlichkeit der Südstadt, in die gründerzeitgetränkte List, ins beschauliche Kirchrode, ins quirlige Linden. Er geht jedenfalls nicht in die Stadt. Und man kann es ihm nicht verdenken. Wer mit offenen Augen durch die Innenstadt läuft, sieht, auch heute noch, viele einfallslose Fassaden.

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Architektur prägt das Gesicht einer Stadt. Und die Gefühle der Bewohner. In Hannover ist das wegen der massiven Zerstörungen besonders wichtig. Die Stadt verdient Besseres als Bauklötze.

Und wer sich, Jahrzehnte nach Ihme-Zentrum und Bredero-Hochhaus, heute anschaut, was derzeit im Bau ist, was geplant ist, was als Computersimulation durch Zeitungen und Internetseiten geistert, wird nicht optimistischer: Klötze mit Schießschartenfenstern (Deloitte am Aegi, GBH-Haus am Klagesmarkt), gestapelte Klötze (Klinikum Siloah), wuchtige Gleichförmigkeit (das geplante Justizzentrum hinterm Amtsgericht).

Auch das relativ elegante neue Kröpcke-Center krankt daran, dass man die ursprünglich geplanten offenen Arkaden zugunsten von mehr Verkaufsfläche aufgegeben hat. Und es krankt daran, dass es, vom selben Architekten, einen Zwilling in der Osterstraße bekommt, das Deutsche-Hypo-Haus, was das Original entwertet. Manche Leute sagen schon: »Sieht ja alles gleich aus.« Beton, Glas, Stahl. Ende.

Stadtbaurat sieht IBA-Idee skeptisch

Könnte eine Internationale Bauausstellung (IBA) Impulse für Hannovers Stadtbild bringen? Weil die für 2020 geplante Großschau in Berlin aus Geldgründen abgesagt ist, hat Matthias Herter, Chef der Wohnungsgenossenschaft Meravis, ein Einspringen Hannovers vorgeschlagen. Mit innovativen Bebauungsideen etwa für die Continental-Industriebrache in Limmer (Wasserstadt-Gelände) oder einem Weiterbauen der Expo-Wohnsiedlung Kronsberg (Mensch–Natur–
Technik) könne Hannover beachtliche Akzente setzen.

Auch Matthias Waldraff, CDU-Spitzenkandidat zur OB-Wahl im September, macht sich für die Idee stark. „Ich unterstütze alle Projekte, die identitätsstiftend für  Hannover wirken“, sagt Waldraff. Der Stadt biete sich eine Chance, „privaten Bauunternehmen ein Forum zur Darstellung ihrer Qualitäten zu bieten und dabei internationale Beachtung auf Hannover zu lenken“.

Stadtbaurat Uwe Bodemann steht der Idee dagegen reserviert gegenüber. Er ist Mitglied im IBA-Expertenrat des Bundesbauministeriums und sieht mit Sorge, dass IBAs immer häufiger veranstaltet werden. Der Begriff ist rechtlich nicht geschützt, jede Kommune kann solch ein e Veranstaltung nach eigenem Gusto ausrichten. „Inzwischen finden IBAs sogar parallel statt“, sagt Bodemann und zitiert Baukulturexperten Werner Durth, eine IBA müsse ein „organisierter Ausnahmezustand auf Zeit“ sein und internationale Strahlkraft entwickeln. „Ich sehe in Hannover aber keine Projekte von der Dimension eines Emscher-Parks, in dem zehn Jahre lang ein von Industrienutzung geprägtes Areal neu gedacht wurde, “, sagt Bodemann. „Mit allzu alltäglichen Themen sollte sich Hannover nicht lächerlich machen.“

Zurückhaltend ist auch das Land. „Solch eine Ausstellung ist zwar interessant für die Regionalentwicklung, aber auch mit erheblichen Kosten verbunden. Das Thema steht bei uns nicht auf der Tagesordnung“, sagt der Sprecher des Bauministeriums, Dominik Kimyon.

med

Für Bauherren besteht Architektur aus Bruttogeschossflächen und Kostenplan. Für Architekten ist sie die Gestaltung eines Objekts an einem bestimmten Ort. Für den gewöhnlichen Bürger aber geht es oft um etwas ganz anderes: um Gefühle. Um Identität. Es geht darum, eine Straße entlangzugehen und zu empfinden: Hier komme ich her. Diese Straße, diese Häuser gehören zu meiner Vergangenheit, zu meiner Gegenwart. Hier gehöre ich hin.

Das setzt eine gewisse Wertigkeit voraus. Die Gebäude müssen Qualität ausstrahlen, Charakter haben, sie müssen in Würde altern können. Und daran hapert es in Hannover. Denn Hannover ist eine verletzte Stadt.

Die Gründe liegen lange zurück, wirken aber bis heute. Da war, zum einen, der Krieg. 88 Luftangriffe, fast die Hälfte aller Wohnungen beschädigt, knapp 7000 Menschen tot – und die Innenstadt war zu 90 Prozent zerstört. Und dann kam, zum zweiten, Rudolf Hillebrecht. Der Stadtbaurat stürzte sich nach dem Krieg in das, was er nicht „Wiederaufbau“ nannte, sondern „Neuaufbau“. Und tatsächlich war, was er wollte, eine andere Stadt: Die großen Verkehrsadern, die er bauen ließ, zerhackten die Viertel. Plätze waren nicht mehr Stätten zum Verweilen, sondern Verkehrsverteilerknotenpunkte. Und das wenige, was der Krieg an historischer Bausubstanz gelassen hatte, war Hillebrecht auch noch ein Dorn im Auge – er ließ unter anderem das Friederikenschlösschen und die Wasserkunst am Leineschloss abreißen. Er wollte eine vorwiegend moderne, autogerechte Stadt. „Der Spiegel“ (Ausgabe 23/1959) feierte Hillebrecht und „Das Wunder von Hannover“. Tatsächlich machen Krieg und Hillebrecht und Nachkriegszeit die Wunden von Hannover aus.

Architekten und Stadtplaner betonen gern, man müsse solche Entwicklungen aus ihrer Zeit heraus beurteilen. Irrtum. Man muss die Zeit berücksichtigen, das ja. Man muss bedenken, dass damals viele Menschen die Gründerzeithäuser mit dem Klo auf halber Treppe verschmähten. Man muss einbeziehen, dass Wohnraum knapp war, dass es zügig gehen musste mit den Bauten, auch mit den Geschäftshäusern in der Innenstadt. Aber beurteilen darf man es auch aus heutiger Sicht. Man darf also sagen, dass Rudolf Hillebrecht der Stadt geschadet hat. Dass in Hannover immer noch zu viele Betonbanalitäten herumstehen und dass die großen Wohnungsbauprojekte in den Jahrzehnten nach dem Krieg (Vahrenheide, Sahlkamp, Roderbruch, Mühlenberg) mehr Probleme geschaffen als gelöst haben.

Die Wunden der Stadt sind nicht unbedingt vernarbt. Denn bis in die achtziger und neunziger Jahre hinein gab es in der Landeshauptstadt einen latenten Hang zu Bauklötzen. Vielleicht liegt das auch daran, dass sich Architekten bei ihren Entwürfen nahezu zwangsläufig an der Umgebung des geplanten Neubaus orientieren. Und wenn sie dort in der Mehrzahl „Quadratisch praktisch gut“-Bauten vorfinden, dann bleibt das nicht ohne Einfluss auf ihre Arbeit.

Dass das in Hannover besonders schmerzlich auffällt, liegt auch daran, dass dem Blick des Betrachters kaum ein Korrektiv in Gestalt historischer Bauten geboten wird. Man muss den Eindruck nur mit – beispielsweise – dem von Bremen vergleichen. Dort gibt es nahezu genauso viele Bausünden wie in Hannover. Aber: Die gute Stube der Stadt ist historisch. Die Altstadt ist auch klein, aber nicht schon nach wenigen Metern zu Ende. Bremen hatte das Glück, im Krieg nur zu 62 Prozent zerstört worden zu sein.

Der Wiederaufbau des Schlosses in Herrenhausen ist Ausdruck von Sehnsucht nach gebauter Geschichte. Doch man kann Geschichte nicht wiederaufbauen. Das Schloss ist kein Schloss. Es sieht nur aus wie eines. Die Lösung liegt also nicht in der Rekonstruktion.

Sie könnte aber in qualitätvoller moderner Architektur liegen, die keinen Trends (wie derzeit dem der Schießschartenfenster) folgt. Schauen wir uns noch einmal die geplanten Neubauten an. Sieht alles gleich aus? Nein, tut es nicht. Wer genau hinschaut, entdeckt in gewissen Grenzen die Handschriften der Architekten, entdeckt Individualität. Das Problem ist: All das fällt zu wenig auf. Es geht unter im gebauten Einerlei. Es gibt zu viele Kompromisse, zu viel Annäherungen ans Mittelmaß. Gerade in Hannover müsste die moderne Architektur noch besser, noch individueller den Orten angepasst sein, sie müsste manche Orte regelrecht heilen.

Wie geht das, ein Gebäude dem Ort anpassen? Ein Negativbeispiel, vier positive. Negativ: Die neue Nord/LB am Aegi passt da nicht hin. Sie ist zu groß, zu marktschreierisch. Positiv: die alte Nord/LB. Sie ist groß, sie ist elegant, aber zurückhaltend. Sie trumpft nicht auf. Positiv: die moderne weiße Wohnbebauung am Großen Garten in Herrenhausen. Auch positiv: die geplanten Neubauten von Wohn- und Geschäftshäusern am Hohen Ufer. Oder die zurzeit im Bau befindliche Wohnvielfalt im Pelikan-Viertel. Elegant, klar, eigenwillig, dem Ort entsprechend.

Hannover als verletzte Stadt braucht mehr städtebauliche Sorgfalt als andere Städte. Historie nachzubilden hilft nicht weiter. Idyllen führen nur zu neuen Illusionen. Moderne Architektur sollte sein wie die Musik Mozarts: Sie lebt nicht nur von Harmonien, sondern ebenso von Dissonanzen. Aber immer von Qualität. Einfache Bürokästen kann man sonstwo hinstellen. Hannover braucht mehr Gebäude, die sich der Stadt und ihren Bewohnern zuwenden. Die das Gefühl geben, hier zu Hause zu sein.

Von Bert Strebe

Der Verfasser war mehr als 18 Jahre lang HAZ-Redakteur, unter anderem im Lokal- und im Kulturressort. Er lebt heute als freier Autor in einem Dorf nördlich von Nienburg.

Kann denn Bauen Sünde sein?

Glücklich dürfen sich die Bewohner der Städte schätzen, die in diesem Buch nicht vertreten sind. Die Kunstgeschichtlerin Turit Fröbe hat Bausünden gesucht. Und sie ist fündig geworden. Reichlich. Die schönsten Bausünden hat sie jetzt in einem Bilderbuch versammelt. „Die Kunst der Bausünde“ ist ein Kabinett der Schrecklichkeiten: gesichtlose Investorenarchitektur, verspiegelte Tristesse, mangelnde Phantasie – oder zu viel davon. Am liebsten möchte man die Bilder von Einkaufszentren, die wie der Kampfstern Galactica aussehen, von Doppelhaushälften, die partout nicht zu ihrer Nachbarhälfte passen wollen, und von zusammengefrickelten An- und Ausbauten gleich schnell wegblättern. Aber man bleibt doch dran.

Hannover ist gleich zweimal in dem Band vertreten. Zum einen mit dem gelb-schwarzen Schachbrettmuster von Alessandro Mendinis Straßenbahnhaltestelle am Steintor (was ein bisschen ungerecht ist, weil die Haltestelle 1994 im Rahmen des „Internationalen Design-Projekts Hannover“ entstand, es sich hierbei also um eine Art Kunstwerk handelt), und zum anderen mit dem Parkhaus an der Osterstraße. Das Gebäude bietet fast jedem Auto, das hier parkt, seinen eigenen Balkon. Und so sieht die Fassade dann auch aus: geschachtelter Beton.
Eine Bausünde? Naja. Man hat sich ja schon daran gewöhnt. Das Buch hat aber auch ein paar gute Seiten: Braunschweig kommt noch öfter vor.

rom

 

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