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Aus der Stadt Niedersachsenross erhält Schönheits-OP
Hannover Aus der Stadt Niedersachsenross erhält Schönheits-OP
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20:52 19.01.2015
Von Simon Benne
„Sehr behutsam vorgehen“: Die Restauratoren Fabian Belter und Carla Leupold begutachten das Niedersachsenross aus dem Landtag in ihrer Restaurierungswerkstatt in Meine. Quelle: Hagemann
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Hannover

Weiß und stolz steht es da in der Scheune. Henning Argow beugt sich über das Pferd. Dann macht er sich daran, es zu putzen. Mit einer Art Radiergummi rubbelt er über den Rücken des Tieres: „Mit diesen Trockenreinigungsschwämmchen lassen sich Staub und Flecken problemlos lösen“, sagt er, während er sich Zentimeter für Zentimeter vorarbeitet. Um den Schmutz zu lösen, wird Argow vielleicht noch Mikropartikelstrahler einsetzen, kleine Sandstrahler, wie es sie auch in der Zahnmedizin gibt. Und selbstgedrehte Wattestäbchen. „Man muss sehr behutsam vorgehen“, sagt der 35-Jährige. Sein Atem kondensiert in der kalten Luft. Und irgendwo draußen, vor dem grünen Rolltor der Backsteinscheune, kräht ein Hahn.

Das Pferd, das der Restaurator so akribisch putzt, ist gewissermaßen ein Zeitzeuge. Zu seinen Hufen haben schon Politiker wie Ernst Albrecht und Gerhard Schröder diskutiert; mehr als ein halbes Jahrhundert lang zierte das Gipsrelief die Wand des Plenarsaals im Landtag. Über die Zeit wurde es zur Kulisse unzähliger Debatten – und zum Sinnbild für Niedersachsens Parlamentarismus. Als es im vergangenen Dezember wegen der Umbauarbeiten im Landtag weichen musste, brauchte es einen Kran, um das rund 1,5 Tonnen schwere Kunstwerk aus dem Gebäude zu hieven. Die Türen waren zu schmal für die etwa drei Meter lange Platte: Im Jahr 1961 hatte der Künstler Kurt Schwertfeger es direkt im Plenarsaal gegossen.

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Es ist ein Mammutprojekt: Drei Jahre lang soll der Umbau des Landtagsgebäudes in Hannover andauern. Ein Rundgang über die Baustelle.

Derzeit hat das Tier auf dem Lande ein Domizil gefunden – in der Konservierungswerkstatt, die die Restauratoren Fabian Belter und Carla Leupold im vergangenen Jahr auf einem alten Bauernhof im 830-Seelen-Dorf Grassel bei Meine (Kreis Gifhorn) eingerichtet haben. Das Konservatorenteam hier hat schon steinerne Sonnenuhren ausgebessert, die Wandmalereien einer westfälischen Dorfkirche wieder zum Leuchten gebracht oder den Roland in Quedlinburg neu herausgeputzt. „Ein Objekt wie dieses haben wir jedoch noch nie gehabt“, sagt Fabian Belter.

Mit detektivischem Spürsinn erforschen die Konservatoren, wie Kurt Schwertfeger das Ross damals geschaffen hat: „Die Verschalung für den Gipsguss hat er damals an der Wand gelassen, verborgen hinter dem Kunstwerk“, sagt Restaurator Argow schmunzelnd. Gleichwohl ziehen die Restauratoren den Hut vor den Handwerkstechniken, die Schwertfeger damals beherrschte: „Ein Künstler ist eben kein Handwerker, der vorgegebene Standards einhält – er setzt vielmehr eigene“, sagt Belter.

Anstrich stammt noch von 1961

Der Anstrich des Reliefs – das haben Proben ergeben, die Henning Argow mit dem Skalpell genommen hat – ist noch die Originalfarbe von 1961: „Er wirkt erstaunlich frisch“, sagt der Restaurator. „Im Landtag wurde gottlob selten geraucht.“

Dafür schauen aus Brust und Ohr des Pferdes kleine Pickel heraus. Erst aus der Nähe erkennt man diese Stahldrähte des so genannten Rabitz-Gitters, der Unterkonstruktion des Gipses. Bislang fielen diese kleinen Schönheitsfehler nicht auf, das Ross hing ja weit über den Köpfen der Abgeordneten. Und sein Haupt war 30 Zentimeter weiter in den Raum geneigt als die Hufe: „Ein optischer Trick, damit seine Proportionen von unten stimmig erscheinen“, sagt Belter. „Auch bei Michelangelos David ist der Kopf überproportional groß – aber von unten wirkt es nicht so.“

Kreidezusatz macht den Gips elastisch

Wenn das Pferd gereinigt ist, werden ausgebrochene Gipsstellen behutsam ergänzt: „Die Ausbrüche an den Kanten lassen sich natürlich nicht mit Gips aus dem Baumarkt kitten“, sagt Carla Leupold. Sie deutet auf Säcke mit Kies, Putz und Kalk, die in der Ecke der Scheune stehen: „Eventuell muss man Kreidezusätze in den Gips mischen, damit er weich und elastisch bleibt“, sagt sie. Schließlich dürfe es nicht zu ungewollten chemischen Reaktionen zwischen altem und neuem Material kommen.

Lange wird das Ross nicht mehr in der Werkstatt in Grassel bleiben: „Bis Ostern soll es in der Halle des Cölln-Hauses angebracht werden“, sagt Landtagssprecher Kai Sommer. In dem Gebäude vor der Marktkirche tagt das Parlament derzeit. Ob das Ross dort auch seinen endgültigen Platz finden wird, ist noch unklar: „Auch im neuen Landtag wird es ein Niedersachsenross geben“, sagt Sommer. „Doch ob es dieses sein wird, ist noch nicht entschieden.“     

Das Parlament ist eine Baustelle

Es ist ein Mammutprojekt: Anfang Dezember hob ein gewaltiger Kran das Relief mit dem Niedersachsenross durchs Dach aus dem Plenarsaal – in einer schützenden Holzverschalung. Seither geht der Umbau des Landtags voran – allerdings nicht so zügig wie geplant: „Wir gehen derzeit von einer Zeitverzögerung von etwa sieben Wochen aus und prüfen, wie sich diese aufholen lässt“, sagt Kai Bernhardt vom Finanzministerium, das für das Baumanagement zuständig ist.

Bereits im Dezember hatte das verantwortliche Architekturbüro Blocher Blocher Partners die Bauleitung ausgetauscht. Landtagspräsident Bernd Busemann versicherte bei der Gelegenheit, dass der Kostenrahmen in Höhe von 52,8 Millionen Euro nicht gefährdet sei und es bei der Fertigstellung im Sommer 2017 bleiben werde. „Die Arbeiten sollen besser vernetzt und koordiniert werden“, sagt Landtagssprecher Kai Sommer.

Bislang wurde der Plenarsaal völlig entkernt; Elektro- und Wasserleitungen wurden herausgerissen und die Holzvertäfelung von den Wänden entfernt. Auch die grauen Granitplatten sind von den Außenwänden verschwunden. Bis zum Frühjahr wird noch die sogenannte Dachlaterne abgetragen – dann beginnt der Wiederaufbau.

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