Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Schüler haben einen Tag im Rat der Stadt Hannover das Sagen
Hannover Aus der Stadt Schüler haben einen Tag im Rat der Stadt Hannover das Sagen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:27 15.04.2010
Keine Spur von Schüchternheit: Beim politischen Planspiel im Ratssaal plädiert Jessica Menga (rechts) für mehr Informationen über Hannovers Jugendzentren – und erntet nicht nur von ihrer „Fraktionskollegin“ Kristina Suchandski Zustimmung.
Keine Spur von Schüchternheit: Beim politischen Planspiel im Ratssaal plädiert Jessica Menga (rechts) für mehr Informationen über Hannovers Jugendzentren – und erntet nicht nur von ihrer „Fraktionskollegin“ Kristina Suchandski Zustimmung. Quelle: Florian Wallenwein
Anzeige

Mit der Anrede haben sie noch Schwierigkeiten, die Damen und Herren im Rat der Stadt Hannover. Wie sollen sie die sechs Jugendlichen ansprechen, die ihnen gegenüber auf der Bank sitzen, die ansonsten für die Dezernenten der Verwaltung reserviert ist? „Liebe junge Ratskollegen, liebe andere Ratskollegen“, versucht es die Grünen-Politikerin Regine Kramarek und bringt damit unwillkürlich zum Ausdruck, wer in der Sitzung den Ton angibt, von wem die maßgeblichen Anträge stammen und wer die Diskussionen bestimmt. Nicht die etablierten Politiker, sondern eine Handvoll Teenager, die zusammen mit ihren Klassenkameraden am kommunalpolitischen Planspiel „Pimp Your Town“ teilgenommen hatten und am Donnerstag die Früchte ihrer Arbeit präsentierten. „Das ist ein irrer Moment, die echte Politik mitbestimmen zu dürfen“, sagt die 16-jährige Jessica und macht sich bereit, ihren Antrag, über den sie lange nachgedacht hatte, der Ratsversammlung vorzustellen.

Vor einem Jahr startete die Stadt das Planspiel, das Jugendlichen die Kommunalpolitik nahe bringen sollte. Vier Klassen aus drei verschiedenen Schulen bewarben sich. „Uns war wichtig, nicht nur diejenigen für Politik zu begeistern, die sich ohnehin schon dafür interessieren“, sagt Gregor Dehmel vom Verein Politik zum Anfassen, der zusammen mit der Stadt und Vertretern der Ratspolitik das Projekt begleitete. Bunter hätte die Mischung nicht sein können, als sich im Juni vergangenen Jahres die Schüler im Rathaus trafen, „Fraktionen“ bildeten und Politik spielten. Hauptschüler der Heisterbergschule saßen neben Gymnasiasten von der Goetheschule, Kinder aus Einwandererfamilien sprachen mit alteingesessenen Hannoveranern, Schüchterne wurden von Redefreudigen angespornt. „Das war super, alle Schüler hatten Respekt voreinander“, erinnert sich Jessica, die die Gerhart-Hauptmann-Realschule besucht.

43 Anträge haben die Schüler an jenem Tag im Juni formuliert, darunter viele originelle Ideen, die aber wenig Chancen auf Realisierung hatten. Etwa die durchaus nachvollziehbare Forderung, doch bitteschön in allen heißen Klassenzimmern Klimaanlagen einzubauen, oder der Vorschlag, Plätze zum Trinken und Feiern in Parks einzurichten und auf diesen Plätzen Steckdosen zu installieren, damit Elektrogrills angeschlossen werden können. „Im Grunde war kein Antrag dabei, der völlig aus der Luft gegriffen war oder aus einer Null-Bock-Haltung entstand“, sagt Dehmel.

Für acht Anträge konnten sich die echten Ratspolitiker schließlich erwärmen. Alle sind unterschrieben von mindestens einer Ratsfraktion und werden in den kommenden Wochen weitergereicht an die Ausschüsse des Rates. Dadurch fließen die Ideen der Schüler unmittelbar in die Politik ein, falls sie entsprechende Mehrheiten finden.

Mit noch etwas belegter Stimme hebt Jessica an: „Die Verwaltung wird beauftragt, eine Informationskampagne für Jugendliche durchzuführen, die eine breite Bekanntmachung des Angebotes der Jugendzentren zum Ziel hat.“ Denn viele wüssten noch gar nicht, was es so alles gibt, fügt sie hinzu. Bis auf den WfH-Einzelvertreter Jens Böning geben die Politiker Jessica recht. „Die WfH unterstützt keine Kampagne, die für rechts- oder linksradikale Jugendzentren wirbt“, sagt Böning. Stirnrunzeln bei den jungen „Ratsmitgliedern“, ihre Finger schnellen in die Höhe. „Hier geht es nicht um politische Aktivitäten, sondern um Freizeitspaß“, erklärt Ida von der Goetheschule und bekommt Rückendeckung von der SPD. „Es ist eine Unverschämtheit zu unterstellen, dass die Stadt rechte Jugendzentren unterstützen könnte“, ereifert sich die Fraktionsvorsitzende Christine Kastning und erntet donnernden Applaus. Böning dagegen gefällt sich in der Rolle des politischen Underdogs und kontert: „Da sehen die Schüler, wie einfach es ist, Zustimmung zu bekommen – indem man auf der WfH herumhackt.“ Nicht zum letzten Mal in dieser ungewöhnlichen Sitzung muss Böning klein beigeben.

Als die Teenager vorschlagen, Faltblätter zu konzipieren, die in mehreren Sprachen auf die Angebote von Sportvereinen hinweisen, um auch Migranten anzusprechen, sperrt sich der WfH-Vertreter erneut. „Solche Info-Blätter müssen auf Deutsch verfasst sein, sonst sind sie einer Integration nicht förderlich“, meint er. Wieder sind es die Schüler, denen die besten Gegenargumente einfallen. Ihre anfängliche Scheu haben die Teenager inzwischen abgelegt. „Alle sollen doch in die Vereine gelockt werden, damit sie dann dort bei Spiel und Spaß Deutsch lernen können“, stellt Ida klar. „Zudem“, meint Marvin von der Goetheschule, „möchten wir gerade diejenigen Einwanderer erreichen, die eben noch nicht so gut Deutsch sprechen und sich dann durch die Vereine in die Gesellschaft integrieren.“

Auch die weiteren Anträge der Schüler erfahren zumeist viel Zuspruch – etwa die Forderung, Spielplätze durch Blumenbepflanzungen zu verschönern, oder die Idee, ein Konzert von jugendlichen Nachwuchsmusikern auf dem Opernplatz zu veranstalten.

Am Ende der Sitzung sind die Jugendlichen sichtlich überrascht. „Diese ständige Unruhe im Saal, das ist ja schlimmer als in der Schule“, entfährt es Jessica. Also, wenn sie etwas zu sagen hätte im Rat, dann würde sie für mehr Disziplin sorgen. „Aber mal im Ernst“, sagt die 16-Jährige und streicht ihre Locken aus dem glühenden Gesicht, „das hat sich richtig gut angefühlt.“

Keine Spur von Schüchternheit: Beim politischen Planspiel im Ratssaal plädiert Jessica Menga (großes Bild, rechts) für mehr Informationen über Hannovers Jugendzentren – und erntet nicht nur von ihrer „Fraktionskollegin“ Kristina Suchandski Zustimmung. Auch Meltem Ayar und Ida Ceesay (oben, von links) haben eigene Anträge vorbereitet. Und einen Teil der Schülerwünsche wollen die Ratspolitiker tatsächlich umsetzen.

Andreas Schinkel