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Aus der Stadt Schlaflos in der Schule
Hannover Aus der Stadt Schlaflos in der Schule
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06:33 27.06.2014
Von Saskia Döhner
Sophia nimmt an der Babysimulation mit Teil. Quelle: Rainer Surrey
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Hannover

Chantal hat ganz kleine Augen und Felix eine stolzgeschwellte Brust. Die 17-Jährige hat die erste Nacht mit Babysimulationspuppe hinter sich. „Geschlafen habe ich so gut wie gar nicht, vielleicht gerade einmal zwei Stunden am Stück“, sagt die Zehntklässlerin der Ludwig-Windthorst-Schule und gähnt. Neuntklässler Felix hat das Projekt „Eltern auf Probe“ schon erfolgreich absolviert – eine Urkunde bescheinigt ihm das. Auch der 15-Jährige fand die erste Nacht mit Kind am härtesten. „Da bin ich siebenmal aufgestanden“, sagt er: „Zuerst habe ich das Baby zu kurz gefüttert, eine Viertelstunde war es ruhig, dann hat es wieder geschrien.“ Und noch eine Erkenntnis hat der junge „Vater“ schnell gewonnen: „Babys schreien nicht nur, weil sie hungrig sind oder gewickelt werden müssen, manchmal wollen sie auch einfach nur, dass man sich mit ihnen beschäftigt.“ Er habe die Puppe auf den Arm genommen und einfach hin und her gewiegt. „Das hat geholfen.“

Um Jugendlichen einen möglichst realitätsgetreuen Eindruck vom Elternsein zu vermitteln, veranstaltet die Ludwig-Windthorst-Schule in der Südstadt seit sechs Jahren regelmäßig mit den Abschlussjahrgängen das Projekt mit den Babypuppen. Drei Tage (und zwei Nächte) müssen sich jeweils zwei Schüler – mal ein Mädchen und ein Junge, mal auch zwei Mädchen zusammen – rund um die Uhr um das „Kind“ kümmern, das wie ein echtes vier bis sechs Wochen altes Baby schreit, wenn es Hunger, Bauchschmerzen oder einfach nur mal schlechte Laune hat.

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Ob morgens im Unterricht, nachmittags beim Shoppen in der Stadt oder abends beim Pfadfindertreffen – das normale Leben läuft für die meist 16-Jährigen weiter. Aber mit Kind ist alles doch ein bisschen anders, wie sie feststellen. „Es ist einfach immer da“, sagt Oskar (16) und drückt seine Wange gegen das Gesicht der Puppe. Jedes Elternteil auf Probe bekommt ein auf sein Baby geeichtes Armband. Die Puppe reagiert nur, wenn „seine Mutter“ oder „sein Vater“ sie auf den Arm nehmen oder wickeln. So wird verhindert, dass die Jugendlichen ihren Babysimualtor an ihre eigenen Eltern abgeben.

„Die Schüler lernen durch das Projekt, Verantwortung zu übernehmen“, sagt Sozialarbeiterin Klaudia Oroshi. Es gehe darum, zu zeigen, dass Neugeborene eben nicht nur süß seien, sondern auch eine Menge Arbeit bedeuteten. „Wir wollen auch zeigen, wie sich die Partnerschaft durch ein Baby verändern kann.“ Die Schüler stünden füreinander ein, berichtet Lehrerin Katja Nolte. Für kurze Zeit – etwa für einen Arztbesuch – lässt sich Puppe schon mal ausschalten. „Aber das war noch nie nötig“, sagt Nolte, „die Schüler überlegen selbst, wie sie sich helfen können.“ Als „Mutter“ Luana zum Arzt muss, trägt „Papa“ Justin die Babypuppe im Tragetuch klaglos zwei Stunden durch die Stadt.
Sogar zum Fußballgucken in eine Cocktailbar haben sie ihr „Kind“ mitgenommen. „Ehrlich?“, fragt Mitschüler Oskar ungläubig: „Hat er nicht geschrien?“ Er selbst hat lieber darauf verzichtet, mit seinen Freunden Fußball zu gucken und zu Hause lieber das Kind gehütet. „Mit Baby in die Kneipe, das geht doch nicht.“ Luana und Justin haben andere Erfahrungen gemacht. Ihr „Kind“ war 90 Minuten lang fast durchgehend ruhig.

Das Gespräch der Zehntklässler erinnert an so manchen Dialog in Babyspielkreisen. „Natürlich erkenne ich mein Baby an seinem Weinen“, sagt Annabel (17), als gleich mehrere Puppen auf einmal schreien. Für einen Außenstehenden ist da kein großer Unterschied zu hören. „Auf die Zwischentöne kommt es an“, erklärt Isabell. „Wenn die Windel voll ist, ist das Schreien irgendwie anders, lauter und fordernder“, hat auch Felix gemerkt. Drei Tage lang lernen die jungen „Eltern“ viel zur Pflege und Versorgung eines Babys. An diesem Vormittag geht es um unterschiedliche Wickelmethoden und das richtige Halten. Eine Kinderkrankenschwester von der Familienbildungsstätte zeigt den Schülern den „Fliegergriff“.

„Wir wollen Familie nicht verhindern“, sagt Nolte, Religionslehrerin an der katholischen Haupt- und Realschule, die ab August Hannovers erste Oberschule wird. „Unsere Botschaft ist: Kinder ja, aber zum richtigen Zeitpunkt.“

„Erst die Ausbildung, dann die Familie“, sagen auch die Schüler. Chantal gähnt wieder, die Augen sind immer noch ganz klein. Aber kaum gibt ihr „Baby“ einen kleinen Mucks, ist sie hellwach. „Ist doch klar“, sagt sie.

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