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Aus der Stadt Maximilian schafft das
Hannover Aus der Stadt Maximilian schafft das
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07:08 26.08.2013
Von Bärbel Hilbig
Max, hier auf dem Bild mit seiner Mutter, wird auf der Schillerschule von einer Begleiterin unterstützt. Quelle: Surrey
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Hannover

Manchmal schaut Maximilian zuerst lieber deutlich vorbei, wenn er eine neue Person kennenlernt. Der Elfjährige ist vorsichtig, und gleichzeitig zieht es ihn auch zu seinen eigenen Projekten. Manche Dinge fallen Max schwerer als anderen Kindern, anderes gelingt ihm dagegen besonders gut. Im Sachunterricht hat er in der Grundschule oft geglänzt. Technik, Strukturen, Maschinen, naturwissenschaftliche Fragen können Max sehr faszinieren. Dann will er alles ganz genau wissen.

Doch in Räumen mit vielen Menschen fühlt sich der Junge unwohl. Er versteht oft nicht wirklich, was andere Kinder zum Lachen bringt. Der Sinn für die doppelte Bedeutung einer Aussage, für Dinge, die zwischen den Zeilen stehen, fehlt ihm. Vor rund eineinhalb Jahren wurde festgestellt, dass Max das Asperger-Syndrom aufweist, eine Form von Autismus. In manchen Schulfächern wie Deutsch, wo es auf einen genauen Umgang mit Sprache ankommt, baut sich für ihn deshalb eine große Hürde auf.

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Dennoch haben sich seine Eltern entschieden, Max auf ein Gymnasium zu schicken. Leicht fiel ihnen die Abwägung nicht. „Aber das gibt Max die Möglichkeit, sich in den Bereichen weiterzuentwickeln, in denen er gut ist“, sagt Maximilians Mutter Susanne Müller (Name geändert). Die jetzt in Niedersachsen begonnene Inklusion, die Kinder mit Handicaps grundsätzlich wie alle anderen Kinder an der allgemeinbildenden Schule sieht, hat den Schritt für die Familie etwas einfacher gemacht.

Die Einschulung vor Kurzem war so eine Situation, die Max eigentlich unter Stress setzt. Viele fremde Kinder und Erwachsene hatten sich in der Aula der Schillerschule versammelt. Max war mit Mutter und Großvater da. Und dann wurde er aufgerufen und sollte auf die Bühne zu seiner Klasse gehen. „Das war anstrengend, aber Max hat es ausgehalten, weil er sich auf seine neue Schule gefreut hat“, sagt Susanne Müller.

Dem Elfjährigen selbst hat in den ersten Tagen besonders die Mensa gut gefallen. „Weil sie so schön modern ist. Sie haben sie ganz neu gebaut“, erzählt er anerkennend. Außerdem hat Max ein eigenes Schließfach bekommen, der Code am Nummernschloss scheint kompliziert wie bei einem Tresor zu sein. „Ich habe geschafft, es zu öffnen“, berichtet er. Auch in den Pausen auf dem Spielplatz der Schule hatte er die ersten Erfolgserlebnisse. Es gibt da ein begehrtes Karussell. „Wenn einer aussteigt, laufen alle zum Sitz.“ Max ist auch schon mitgefahren.

In seiner Freizeit treibt der Junge seine eigenen Bauprojekte voran. Im Haus seiner Großeltern gibt es ein eigenes Spielzimmer für die Enkel. Max hat dort eine ganze Stadt aus Lego angelegt, die unter seinen Händen weiter und weiter wächst. „Sie reicht jetzt um die Ecke aus dem Zimmer hinaus“, erklärt er, als er Fotos seiner Straßenzüge zeigt. Doch eigentlich mag er diese Aufnahmen überhaupt nicht. Sie zeigen die vielen Details nur unvollkommen. Das perfekte Bild müsste gleichzeitig die gesamte Stadt und alle Einzelheiten wiedergeben.

Rätselhafte Gefühle

Autistische Kinder mit leichteren Beeinträchtigungen sind bereits in den vergangenen Jahren zum Teil an Regelschulen gegangen. Diese Schüler mit Asperger-Syndrom liegen oft im normalen, manchmal auch überdurchschnittlichen Intelligenzspektrum. „Sie weisen Störungen im sozialen und kommunikativen Bereich auf. Gefühle, die andere in Stimme oder Gesichtsausdruck zeigen, können sie nicht zuordnen“, sagt Immigje Steenwijk, Leiterin der Tagesbildungsstätte des Vereins Autismus Hannover. Der Verein unterhält das Therapiezentrum (THZ) mit Heilkindergarten, Internat, Ambulanz und Beratungsstelle. Mitarbeiter im ambulanten Dienst des THZ betreuen in der Region rund hundert autistische Kinder und Jugendliche, die an Regelschulen oder zum Teil auch an Förderschulen gehen.

„Die Schüler sind oft von visuellen oder akustischen Eindrücken überfordert, dann beruhigen unsere Kollegen sie oder gehen mit ihnen an einen ruhigen Platz außerhalb der Klasse“, sagt Steenwijk. Die Spannbreite autistischer Erscheinungsformen ist sehr weit. An der Tagesbildungsstätte des THZ, die als Schulersatz dient, lernen gut 30 Schüler, die meisten mit frühkindlichem Autismus, der oft mit einer geistigen Behinderung einhergeht. Viele der Schüler können nicht oder nur eingeschränkt sprechen.

Max sei fixiert auf seine eigenen Interessen, Ideen und Regeln, sagt seine Mutter. „Er kann nicht gut auf andere Kinder eingehen.“ In der Schule kann das bedeuten, dass er seinen eigenen Gedanken nachhängt, während alle ihre Hefte auf einer bestimmten Seite aufschlagen sollen. Manche Situationen erscheinen Susanne Müller absurd. Ihr Sohn versteht komplizierte Dinge, wie zum Beispiel die Mechanik eines Geräts, schafft es aber nicht, vermeintlich einfachen Anforderungen nachzukommen. Kompromisse machen, sich anpassen, auf Anweisungen achten.

In der Grundschule hat eine Schulbegleiterin Max geholfen. Sie unterstützt ihn auch jetzt im Gymnasium, erklärt ihm, wie er sich verhalten soll. Die Erfahrungen in seinem Hort im integrativen Rut-Bahlsen-Zentrum haben Max ebenfalls ein Stück vorangebracht.

„Früher hatte ich das Gefühl, in den Augen anderer Leute haben wir keine Berechtigung, unseren Sohn auf ein Gymnasium zu schicken“, sagt Susanne Müller. Die neue Gesetzeslage und die offene Haltung an der Schillerschule haben das für Müller geändert.

Dort gibt es bereits eine Handvoll Schüler mit Asperger-Autismus, der erste hat dieses Frühjahr sein Abitur gemacht und beginnt jetzt mit dem Studium. „Jeder wusste, dass man etwas anders mit ihm umgeht“, sagt Schulleiterin Beate Günther. Die Lehrer hätten zum Beispiel eher schriftliche als mündliche Leistungen betrachtet.

Doch manche Voraussetzungen sind noch längst nicht zufriedenstellend. Der Schule fehlen Räume, bedauert Günther. „Wir merken, dass manche Kinder ab und zu die Klasse verlassen müssen, sie brauchen dann einen reizarmen Raum, damit sie zur Ruhe kommen.“

Die beiden Klassenlehrer von Max beginnen bald mit einer rund zweijährigen Fortbildung. Wie die meisten Schulleiter erfuhr auch Günther erst bei den Anmeldungen kurz vor den Sommerferien, ob Kinder mit speziellem Unterstützungsbedarf an ihr Gymnasium kommen und welche Förderung genau sie benötigen. Die Landesschulbehörde bot den Schulen daraufhin gezielt Fortbildungen zum jeweils anstehenden Thema an. Günther ist froh darüber. Kinder mit Handicaps gab es auch früher schon an den Regelschulen, passende Fortbildungen für die Lehrer waren jedoch rar. Seit die Inklusion im Schulgesetz verankert ist, hat sich das verbessert.

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