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Aus der Stadt Schüler schmieden ganz große Koalition
Hannover Aus der Stadt Schüler schmieden ganz große Koalition
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10:59 23.05.2012
Von Bärbel Hilbig
Foto: Ernste Politik und Spaß passen auch in der Politik mal zusammen. Viele Schüler versuchten sich am Dienstag als Politiker im Rathaus.
Ernste Politik und Spaß passen auch in der Politik mal zusammen. Viele Schüler versuchten sich am Dienstag als Politiker im Rathaus. Quelle: Thomas
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Hannover

Der Oberbürgermeister bekommt nun wohl doch kein Elektroauto. Unter den gut 80 Schülern, die gestern im Rathaus in die Rolle von Kommunalpolitikern schlüpften, findet das Ökomobil für das Stadtoberhaupt am Ende nicht genügend Befürworter. Dabei hat Leon vom Kaiser-Wilhelm- und Ratsgymnasium (KWR) die ursprünglich von der Bertha-von-Suttner-Schule aufgeworfene Idee noch verteidigt. „Gerade weil der Oberbürgemeister eine Vorbildfunktion hat, wäre ein Ökoauto für ihn gut.“ Was plötzlich gegen das Elektroauto spricht, wird nicht so recht klar.

Dennoch wird Hannover ökologischer, sozialer, sportlicher und hundefreundlicher, wenn es nach den Schülern geht. Die Jugendlichen belegen den ganzen Tag lang die Sitzungsräume im Rathaus, tagen in ihren Fraktionen, in Ausschüssen und fällen schließlich im ehrwürdigen Oval des Ratssaals ihre Entscheidungen. Zum vierten Mal läuft das Planspiel für Kommunalpolitik „Pimp Your Town“ (was soviel bedeutet wie „Motz deine Stadt auf“), und die Schüler sind mit ziemlich viel Energie dabei.

Die Bertha-von-Suttner-Schule beantragt, dass ganz Hannover nur noch mit Ökostrom beliefert wird. „Es sollte jemand den ersten Schritt machen, und das ist unsere Stadt“, erklärt Maurice, und ein gewisser Bürgerstolz schwingt mit. Franziska von der Bismarckschule springt ihm fraktionsübergreifend bei: „Eine sehr gute Idee. Das ist deutlich besser für die Umwelt. Ich glaube, dass das zu schaffen ist.“ Doch in der KWR-Fraktion regt sich Widerstand. Bengü zweifelt, ob die Stadt sich nur mit Ökostrom versorgen kann, andere haben Angst vor Wasserkraftwerken in der Stadt oder vor importiertem Strom, der dann vielleicht doch aus Atommeilern stammt. „Wo soll der Strom denn herkommen?“, fragt Jacqueline und kassiert einen Zwischenruf von der Gegenseite: „Von Ebay!“

Bei allem Ernst darf das auch mal sein. Für den Ökostrom findet sich eine deutliche Mehrheit. „Hannover hat es ja auch geschafft, zu Atomstrom nein zu sagen“, betont Bismarckschüler Pavel. Auch beim Thema Graffiti stehen die oft so argumentationsstarken KWR-Schüler schließlich auf verlorenem Posten. Doch das allein hilft gerade in politischen Diskussionen nicht immer. Die Bismarckschüler wünschen sich Projekte für Graffitisprayer, damit langweilige Hauswände freundlicher werden. „Viele Jugendliche könnten damit auch von illegalen Aktionen abgehalten werden“, meint Habib, Haupt- und Realschüler von der Bertha-von-Suttner-Schule.

Doch ob das wirklich klappt, bezweifeln vor allem einige KWR-Schüler wie Alix. „Ich glaube, dass gerade das illegale Sprayen nochmal einen Kick gibt.“ Ihre Mitschülerin Teresa sorgt sich um die Hausbesitzer. „Die Nachbarn haben auch Rechte. Wenn die Umgebung besprüht wird, sinkt der Marktwert ihres Hauses.“ Und Clara stellt schlicht infrage, dass sich Hauseigentümer finden lassen, die ihre Fassade freiwillig für so etwas bereitstellen würden. Jacob mag das bunt Besprühte nicht, auch nicht an Lärmschutzwänden. Doch Bismarckschülerin Stephanie erinnert an die U-Bahn-Station Sedanstraße. „Vielen gefällt das.“ Die Unterstützer quittieren ihren Beitrag mit anerkennendem Klopfen auf die Tische. Die Schülermehrheit will Graffiti.

Vormittags im Sportausschuss hatte sich schnell eine Allianz zwischen KWR und Bertha-von-Suttner-Schule gebildet. „Ich habe gemerkt, dass die auch sehr sportlich interessiert sind“, sagt Yasin von der Bertha. Mit Blickkontakt und Zeichensprache machten Yasin und sein Freund Max einige Entscheidungen mit den KWR-Schülern Leon und Egmont klar. „Wir haben das natürlich auch ein bisschen ausgenutzt. Unter Sportlern versteht man sich.“

Politiklehrerin Judith Kramer vom KWR schätzt gerade diese praktische politische Erfahrung, die ihre Schüler in dem Projekt machen, das der Verein „Politik zum Anfassen“ mit und für die Stadtverwaltung organisiert. „Die Jugendlichen lernen, wie sie ihre Interessen vertreten und Überzeugungsarbeit leisten.“ Theoretisch sei den Schülern klar gewesen, wie eine Fraktion oder ein Ausschuss arbeiten. „Sie verstehen jetzt aber besser, dass es wichtig ist, mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten, um etwas zu erreichen.“

Auch Politiklehrer Martin Harer von der Ricarda-Huch-Schule lobt das Projekt. Seine Schüler berichten als Presseteam über den Tag. „Sie bekommen den gesamten politischen Prozess bis zur Entscheidung mit.“ Als Ergebnis gibt es in der Schüler-Ratssitzung dicke Mehrheiten für mehr Sportflächen, Radwege, Fahrradständer, im Dunkeln beleuchtete Bolzplätze und bessere, moderne Sportgeräte an den Schulen. Auch ein Antrag, der mehr Tafeln, Tageswohnungen und Hilfe für Obdachlose befürwortet, ist schnell beschlossen. Strafen fürs Müllwegwerfen, wie vom KWR gefordert, sind den anderen Jugendlichen dagegen zu rigoros.

Dafür kippen die KWR-Schüler den Antrag für dreigeteilte Mülleimer zum Mülltrennen in der Stadt. Das Müllprojekt an der eigenen Schule klappt nicht gut, argumentieren sie. „Ihr seid gegen dreiteilige Mülleimer, aber für harte Strafen, wenn mal was runterfällt. Das verstehe ich nicht“, sagt Thurin von der Bismarckschule. Dennoch lobt Bürgermeister Bernd Strauch am Ende die Schüler. Er wünsche sich manchmal auch so konstruktive Sitzungen im echten Rat.

Und die „Pimp Your Town“-Macher könnten es durchaus als Kompliment verstehen, dass die Schüler dieses Mal auch mehr Einbindung von Jugendlichen in die Ratspolitik beschließen – per Internet oder Umfragen in Schulklassen. Manche Entscheidung der Schüler greifen die Ratspolitiker später auf. Und vielleicht bekommen so auch Oberbürgermeister Stephan Weil oder sein Nachfolger ein E-Auto, auch wenn es jetzt keine Mehrheit dafür gab. Er soll sich schon darauf gefreut haben.

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