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Aus der Stadt „Vor lauter Aufgaben keine Zeit für den Unterricht“
Hannover Aus der Stadt „Vor lauter Aufgaben keine Zeit für den Unterricht“
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04:31 12.03.2018
Klagt wegen Arbeitsüberlastung: Frank Post, Leiter der Grundschule Fuhsestraße, an seinem Schreibtisch. Quelle: Nancy Heusel
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Hannover

 Die Studie ist neu, die Probleme sind alt – für Frank Stöber, Vorsitzender des Schulleitungsverbandes Niedersachsen, belegt die am Freitag in Düsseldorf veröffentliche Untersuchung nur das, was schon seit Langem die Rektoren drückt. „Die Verwaltungsaufgaben werden immer mehr“, berichtet auch der langjährige Leiter der Egestorffschule in Linden-Mitte, Horst Kemmling. „Die bürokratischen Anforderungen prasseln auf uns nieder und das, weswegen die meisten diesen Beruf  mal ergriffen haben, das Erziehen und Unterrichten rückt immer weiter in den Hintergrund.“

Zu viel Verwaltung, zu wenig Lehrer

Zu viele Aufgaben, Lehrermangel, schlecht vorbereitete Quereinsteiger und zu wenig Zeit – das sind für deutsche Schulleiter die Hauptprobleme. In einer repräsentativen Umfrage, die der Verband Bildung und Erziehung (VBE) am Freitag bei Deutschen Schulleitungskongress in Düsseldorf veröffentlichte, nennen 88 Prozent „steigende Verwaltungsaufgaben“ als größten Belastungsfaktor. Als einzelnes Problem ist der Lehrermangel mit 57 Prozent das am meisten genannte, besonders betroffen sind die Grundschulen. 23 Prozent der Schulleiter sehen sich mit der Inklusion behinderter Schüler  und der Integration von Flüchtlingskindern überfordert, einem Fünftel fehlt die Zeit. Auch marode Gebäude (18 Prozent), schwierige Eltern (12), undisziplinierte Schüler (11) und zu große Klassen (4) machen den Schulleitern zu schaffen. Ein Drittel gibt an, dass sie sich unzureichend auf den Job vorbereitet fühlen. Forsa hat im  Auftrag des VBE bundesweit 1200 Rektoren im Januar und Februar interviewt. 

Rund 82 Prozent der Befragten sagen, dass die Politik bei ihren Entscheidungen den tatsächlichen Schulalltag nicht ausreichend beachte. Die Schulpolitik im eigenen Land bewerten die Schulleiter im Schnitt mit der Note 3,8,  jeder Fünfte vergibt sogar eine 5 oder 6. Der VBE-Bundesvorsitzende  Udo Beckmann sagt: „So wie die Politik zurzeit agiert, lässt sie den Schulleiter öffentlich als Mangelverwalter im Regen stehen.“ Für Inklusion, Digitalisierung und Fachkräftemangel müsse es endlich Geld in die Hand genommen werden.

Besonders frustriert scheinen die unter 40-Jährigen. Jeder dritte Schulleiter in diesem Alter würde seinen Job nicht weiterempfehlen. Das sei bedauerlich, sagt Beckmann, denn sie würden noch in der Position benötigt.

Als Lösung schlagen die Schulleiter mehr Anrechnungsstunden für das Kollegium, eine Erhöhung der Leitungszeit und eine Erweiterung der Schulleitung vor. Es sei kein Wunder, dass mehr als 10 Prozent der Grundschulleiterposten nicht besetzt seien, sagt VBE-Landesvorsitzender Franz-Josef Meyer. Die Bezahlung gerade für Leiter kleinerer Grundschulen sei viel zu gering. dö

Für den Konrektor einer Brennpunktgrundschule, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte, heißt eigenverantwortliche Schule, die vom damaligen Kultusminister Bernd Busemann (CDU) einst eingeführt worden war, um den Schulen mehr Freiheit zu geben: „Wir müssen alles selbst machen.“ Das Rad were von den Kultuspolitikern immer wieder neu erfunden. Schulen beklagen etwa seit Jahren, dass sie die Kerncurricula in schulinterne Lehrpläne umwandeln müssten, jede für sich allein und alle paar Jahre wieder neu. Wer sich als Schulleiter engagiere, benötige dafür viel Zeit und werde dafür nicht adäquat bezahlt.

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Viele Grundschulleiter erhalten nur A 12 (zwischen 3400 bis 4400 Euro im Monat) und eine Zulage von rund 150 Euro im Monat. Zwischen zehn und 15 Prozent der Rektorenposten können nicht besetzt werden, manche Stelle muss nicht nur zweimal, sondern drei- oder viermal ausgeschrieben werden, bis sich überhaupt Bewerber finden. Nicht nur Leitungsposten sind schwer zu besetzen, auch normale Grundschullehrer fehlen allerorten. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert deshalb A 13 für alle Lehrer. Niedersachsen müsse endlich nachziehen, sagt GEW-Vorsitzende Laura Pooth, wenn man verhindern wolle, dass Pädagogen in andere Bundesländer abwanderten.   

Frank Post, Leiter der Grundschule Fuhsestraße, gehört zu den Lehrern, die Anfang des Jahres mit Unterstützung der GEW Klage vor dem Verwaltungsgericht Hannover wegen überhöhter Arbeitszeit eingereicht haben. Insgesamt will die Lehrergewerkschaft zehn Fälle vor die Verwaltungsgerichte in Hannover und Braunschweig bringen. Den Anfang machen Schulleiter und Teilzeitkräfte, weil eine Arbeitszeitstudie im Jahr 2016 ergeben hatte, dass die besonders belastet sind. 

Zur aktuellen VBE-Studie will sich Post (61) nicht äußern. Er verweist auf das laufende Verfahren. Im vergangenen Herbst hatte er seine Bereitschaft zu klagen aber damit begründet, dass er im Schnitt mehr als  53 Stunden in der Woche arbeite und nicht 40 wie vorgesehen. In den vergangenen Jahren seien immer neue Herausforderungen hinzugekommen. „Das war ein schleichender Prozess.“ 

Die Planung der Verlässlichen Grundschule, die Koordination der pädagogischen Mitarbeiter, die Organisation des Ganztagsbetriebs, Gutachten für Kinder mit Handicap zu verfassen – das sind nur einige der Aufgaben, die Schulleiter erledigen müssen. Nun kommen noch neue Vorgaben durch die Europäische Datenschutzverordnung hinzu. „Ich soll garantieren, dass ich keine personenbezogenen Daten speichere und weitergebe“, sagt Kemmling. „Aber wir schreiben doch Zeugnisse, das sind doch personenbezogene Daten.“ Schulleiter sollen zudem sicherstellen, dass die Noten nur an Rechnern eingegeben werden, die nicht frei zugänglich sind. Vom Kultusministerium fühlen sich viele Rektoren alleingelassen, obwohl Minister Grant Hendrik Tonne(SPD) wie seine Vorgängerin Frauke Heiligenstadt betonen, dass sie die Schulen entlasten wollen.

Fragt man Schulleiter, ob die Entlastung bei ihnen in den vergangenen Jahren angekommen sein, verneinen sie oder sagen aus Angst vor Repressalien lieber gar nichts. „Da wird uns einfach eine Sache als Entlastung verkauft, die gar keine ist, anstatt vorher mal die Praktiker zu fragen“, sagt ein Konrektor. Kemmling erkennt zwar die Bemühungen der Politik, weist aber darauf hin, dass manche Entlastung, wie etwa die Verlagerung der vorschulischen Sprachförderung in die Kitas zwar mehr Lehrer wieder in die Grundschulen bringe, aber am Ende vielleicht Erstklässler mit zu wenig Sprachkenntnissen in die Schule, wenn die Erzieher keine Zeit für die Förderung hätten. 

Minister Tonne sagte am Freitag im Kultusauschuss des Landtages, dass die Unterrichtsversorgung derzeit im Schnitt biei 99 Prozent liege. Die Zahl der Abordnungen sei auf 2700 betroffene Lehrer gesunken gegenüber dem ersten Halbjahr, die direkten Abordnungen von Gymnasien an Grundschulen konnten um 150 Lehrkräfte reduziert werden. Kemmling sagt, abgeordnete Lehrer, die aushelfen, klinge erstmal gut, erforderer aber auch viel Organsiation: Da müssen Stundenpläne neu geschrieben, Teams neu zusammengestellt werden. 

 Schulleitungsverbandsvorsitzender Stöber meint, das Kultusministerium sei derzeit mehr mit dem Umbau der eigenen Behörde beschäftigt als mit der Entwicklung des eigenen Berufsbildes „Schulleiter“, was doch als erklärtes Ziel im Koalitionsvertrag von CDU und SPD stehe. „Wir sind für pragmatische Lösungen offen“, bietet er an.

Von Saskia Döhner