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Aus der Stadt Mit den Vögeln unterwegs
Hannover Aus der Stadt Mit den Vögeln unterwegs
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07:37 11.07.2013
Foto: Björn Wulbrand (rechts) und Fluglehrer Ernst Keßler beim Rudercheck vor dem Start.
Björn Wulbrand (rechts) und Fluglehrer Ernst Keßler beim Rudercheck vor dem Start. Quelle: Tobias Kleinschmidt
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Hannover

Ruckartig wird das Seil gestrafft. Innerhalb von drei, höchstens vier Sekunden ist die Maschine auf mehr als 100 Stundenkilometer beschleunigt. Sie holpert über die nicht ganz ebene Start-und-Lande-Wiese, hebt schließlich ab, in steilem Winkel geht es den Wolken entgegen. Segelfliegen, das ist Gleiten durch die Lüfte. Ganz ohne Motor, nur von Aufwinden getragen.

Der junge Pilot, der auf dem Flugplatz im beschaulichen Oppershausen bei Celle so rasant abhebt, heißt Björn Wulbrand und ist erst 14 Jahre alt. Im Oktober des vergangenen Jahres hat er damit begonnen, seinen Segelflugschein beim Hannoverschen Aero-Club (HAeC) zu machen. Schon mehr als 46-mal ging es für ihn seitdem gemeinsam mit seinem Fluglehrer Ernst Keßler in die Luft. „Zum Segelfliegen gekommen bin ich durch meinen älteren Bruder, der hat mich vor ein paar Jahren einfach mal mitgenommen“, erzählt der Schüler.

Das Einmaleins des Segelfliegens

Das A und O des Segelfliegens ist die Thermik. Sie entsteht, wenn Sonnenlicht auf die Erdoberfläche trifft und Luft in Bodennähe erwärmt. Diese warme Luft steigt auf, kältere Luft aus höheren Schichten dagegen sinkt herab. Steuert ein Flugzeug in eine kräftige Strömung aufsteigender Luft, gewinnt es an Höhe.

Selbst bei besten Luftverhältnissen und idealer Thermik könnte ein Segelflugzeug aber nicht fliegen, wenn nicht auch die technischen Voraussetzungen der Geräte stimmen würden. Vor allem die Einsitzer sind Leichtgewichte und bringen nur 200 bis 275 Kilogramm auf die Waage. Die markanten schmalen Tragflächen haben eine Spannweite von mindestens 15 Metern. Ein Doppelsitzer wie der DuoDiscus XLT, das Prunkstück aus der Flotte des HAeC, wiegt hingegen schon rund 450 Kilo und misst 20 Meter von einer Flügelspitze zur anderen.

Wegen des fehlenden Motors brauchen Segelflugzeuge beim Start Unterstützung. Eine Möglichkeit ist, die Maschine von einem anderen Flugzeug auf die passende Flughöhe schleppen zu lassen. Beim HAeC ist dafür aber eine große, blau-gelbe Winde zuständig. Auf die Ladefläche eines Transporters montiert, zieht sie die Flieger mit einem 1,2 Kilometer langen und nur fünf Millimeter starken Seil in die Höhe – nach dem gleichen physikalischen Prinzip, das auch einen Drachen steigen lässt. Allerdings schafft der 400-PS-Antrieb der Motorwinde eine Startbeschleunigung in der Dimension eines Rennwagens.

Ein sonniger Tag am Flugplatz. Bevor Björn abhebt, hat er gemeinsam mit den anderen Piloten den Wetterbericht studiert. Am Himmel dicke Cumuluswolken – eigentlich ein sicheres Indiz für Aufwinde. „Heute sind es aber fast zu viele, das ist nicht ganz optimal“, hat Björn gesagt. Ein bisschen haben sie noch die Wetterentwicklung beobachtet, dann starten die Piloten des Aero-Clubs schließlich.
Unmittelbar vor seinem ersten Abheben hat Björn gemeinsam mit Keßler sein Flugzeug überprüft. Der Fluglehrer hat den Steuerknüppel im Cockpit bewegt, und Björn hat die verschiedenen Ruder an den Tragflächen auf ihre Beweglichkeit geprüft. Bevor das nicht passiert ist, darf kein Segelflieger starten.

Dann geht es los. Wer zum ersten Mal in einem Segelflugzeug sitzt, stellt sich unwillkürlich wichtige Fragen: Will ich mich wirklich in einem wackligen Gerät in die Luft begeben, mehrere Hundert Meter über den vertrauten Erdboden? Ist das Ganze tatsächlich so stabil, wie es sein muss? Vertrauen erwecken der weiße Kunststoff und die langen, schmalen und zerbrechlich wirkenden Flügel nicht gerade. Anders die Hobbysegelflieger des HAeC. Deren Ruhe und Lockerheit nimmt auch Debütanten etwas von der Anspannung.

Kurz vor dem Start legt sich Pilot Frank Roder den Fallschirm an, nur für den Fall des Falls. Dann erst zwängt er sich ins Cockpit. Der Gurt klickt, vorne verbinden Helfer Windenseil und Flugzeug. „Am Seil und startklar“, rauscht es aus dem Funkgerät. Nach kurzem Abwarten geht es schlagartig los. Der 400 PS starke Motor, der die Winde antreibt, zieht das Flugzeug mit aller Kraft in seine Richtung. Es ist laut, alles rumpelt, ruckelt, wackelt. Dann ist es wieder still. Das Flugzeug ist abgehoben. Jetzt gleitet es.
Zeit, die Ruhe zu genießen, bleibt kaum: Sofort geht es steil hinauf, bis der Höhenmesser eine Flughöhe von rund 500 Metern anzeigt. Am Ende des Steigfluges bietet sich ein traumhafter Blick über die gesamte, in Sonne getauchte Umgebung. Unten breiten sich Felder und Wiesen aus, und hier und da ein kleines Waldstück oder eine Ortschaft. In den Kurven kann man aus dem Cockpit den winzigen Schatten des Flugzeugs unten auf den Feldern sehen. Es braucht nur wenige Minuten in einem Segelflugzeug, um zu verstehen, warum Björn den Flugschein haben will.

Das erforderliche Mindestalter für den Erwerb des Segelflugscheins hat Björn mit seinen 14 Jahren erreicht. Ausgehändigt wird ihm die Lizenz, wenn er alle Prüfungen bestanden hat – aber frühestens an seinem 16. Geburtstag. Dann wird Björn alleine fliegen dürfen, so geben es die Vorschriften des Deutschen Aero Clubs (DAeC) vor. Wer den Segelflugschein, der offiziell den etwas sperrigen Namen „Luftfahrerschein für Segelflugzeugführer“ trägt, erwerben will, muss viel lernen: Im praktischen Teil Steuerung und Handhabung des Flugzeugs sowie Start und Landung. Im theoretischen Meteorologie, Luftrecht, Navigation, außerdem Aerodynamik, Technik und Fragen zum menschlichen Leistungsvermögen. Vor dem ersten Alleinflug muss ein Fliegerarzt dem Schüler die Flugtauglichkeit bescheinigen. Der dritte und letzte Abschnitt vor den abschließenden Theorie- und Praxisprüfungen hat besonders das Thermikfliegen auf der Agenda.

Davon abgesehen ist die Erfahrung entscheidend. „Das hat ganz viel mit Gefühl zu tun“, sagt Bernd Lanzendörfer, Vorsitzender des HAeC. „Man setzt sich in das Flugzeug, spürt den Sitz, die Natur. In der Luft ist das ganze dann ein Genuss.“ Lanzendörfer betrachtet die Segelflugzeuge auf dem Rollfeld mit einem träumerischen Blick. „Manchmal fliegen wir mit den Vögeln, oder sie schließen sich uns an.“

Hier heben die Piloten in der Region ab

Neben dem Hannoverschen Aero-Club gibt es in Stadt und Umgebung verschiedene Luftsportvereine, die ihren Mitgliedern das Segelfliegen anbieten. Dort bietet sich auch die Möglichkeit, zum „Schnupperfliegen“ vorbeizuschauen und selbst einmal lautlos durch die Lüfte zu schweben. Unter Umständen muss dafür eine Probemitgliedschaft beantragt werden.

  • Flugsportclub Hannover (www.segelflug-hannover.de): Hauptstraße 1, 37620 Bremke, Telefon: (0 55 33) 52 32.
  • Aero-Club Hildesheim-Hannover (www.ac-hildesheim.de): Hottelner Weg 60, 31137 Hildesheim, Telefon: (0 51 21) 5 30 06.
  • Luftsportverein Burgdorf (www.lsv-burgdorf.de): Segelfluggelände Großes Moor, Am Flugplatz 3, 31303 Burgdorf-Ehlershausen, Telefon: (0 50 85) 75 18.

Dennoch umfasst die Segelfliegerei noch sehr viel mehr als das bloße Dahingleiten, das Genießen des Ausblicks. „Allein den Betrieb als Verein am Laufen zu halten, erfordert eine Riesenmenge an Einsatz“, sagt Lanzendörfer. Denn zu den Flügen kommt für die Mitglieder eine Vielzahl an Arbeitsstunden, in denen sie die vereinseigenen Flugzeuge in Schuss halten oder sich um den Flugplatz kümmern. Nach der Zahl der geleisteten Stunden richtet sich die Höhe der Gebühren, die die 90 Piloten des HAeC pro Flug zahlen. Je mehr Zeit sie pro Jahr mit der Instandhaltung und Reparatur der Flugzeuge verbringen, umso günstiger wird es. Die Grundgebühr beträgt für Erwachsene 33 Euro im Monat, im Mittel zahlt jedes Mitglied außerdem 15 Euro pro Flugstunde.

Die Thermik war für den HAeC ein Grund, seinen Flugplatz Mitte der siebziger Jahre aus der Stadt hinaus zu verlagern. Denn in Oppershausen, etwa 50 Kilometer nordöstlich gelegen, sei sie dank der Nähe zur Heide „besonders günstig“, erklärt Lanzendörfer. Doch gab es schwerwiegendere Gründe, die einen Umzug letztlich unausweichlich machten: Zum einen hatte der Flugplatz im Stadtteil Sahlkamp durch die Nähe zum Flughafen Hannover mit Auflagen und der Beschränkung des Luftraums zu kämpfen. Zum anderen raubte der Ausbau der Autobahn 2 Teile des für den Flugbetrieb erforderlichen Platzes. Nach einem Unfall, bei dem ein Schleppseil vom Wind auf die Autobahn getragen und eine Person verletzt wurde, durften die Piloten nur noch bei Westwind starten. Heute gehen am Märkischen Weg nur noch Modellflugzeuge in die Luft. Auch das Vereinsheim mit Schulungsräumen, Büros und Werkstätten findet sich hier.

Thomas Rocho

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