Silberne Surfer - Senioren aus Hannover erobern das Internet – HAZ – Hannoversche Allgemeine
Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Senioren aus Hannover erobern das Internet
Hannover Aus der Stadt Senioren aus Hannover erobern das Internet
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:44 16.03.2011
Von Thorsten Fuchs
Tastatur und Maus öffnen auch für Senioren das Tor in die virtuelle Welt.
Tastatur und Maus öffnen auch für Senioren das Tor in die virtuelle Welt. Quelle: Catherine Hagemann
Anzeige

Und dieses Programm, wo ist es nun hin? Kann doch nicht einfach verschwunden sein. Herr Töllner schaut ein wenig ratlos. Da hat er nun also vergangene Woche die neue Textverarbeitung installiert, und nun versteckt sie sich in irgendeinem Ordner. „Ich komme da nicht weiter“, sagt Herr Töllner, setzt seine wollene Schiebermütze ab, klappt seinen Laptop auf, und sofort sind alle um ihn herum: Frau Römermann, Frau Oberg, Frau Eckert und all die anderen. Alle sind um die 70. Aber was heißt das schon. Könnte ja sein, dass einer eine Idee hat. Und soll man denn ewig die Kinder fragen?

Freitagmorgen im vierten Stock der Volkshochschule, Raum 409, Treffen des Senioren-Computer-Clubs. Man hat von hier einen sehr schönen Blick auf den Turm der Marktkirche. Aber deshalb sind die sechs Frauen und fünf Männer nicht hierher gekommen, in diesen Raum mit einem Dutzend Computerbildschirmen und dem Dozenten Holger Roselieb. Sie sind zwischen Mitte 60 und Mitte 80, und jetzt wollen sie die Feinheiten des Netzes und der Computerwelt für sich entdecken. Vor Kurzem wussten sie noch kaum, was eine E-Mail überhaupt ist – jetzt bearbeiten sie Fotos und basteln ihre eigene Homepage. „Das bringt einem die Welt doch einfach ein bisschen näher“, sagt die 73-jährige Ursula Eckert.

Die Senioren und das Internet, das ist kein einfaches Thema. Noch immer sind, nach einer Untersuchung des Branchenverbandes Bitkom, nur ein knappes Drittel der über 65-Jährigen regelmäßig online. Experten sprechen von einem „digitalen Graben“, der die Jüngeren von den Älteren trennt. Doch dieser Graben wird gerade deutlich schmaler: In den vergangenen zwei Jahren ist die Zahl der Nutzer bei den 65- bis 74-Jährigen um sechs Prozent gestiegen – stärker als in jeder anderen Altersgruppe. Viele Senioren legen also gerade die Scheu vor dem Computer ab, sie drängen ins Netz. Und was erleben sie nun auf diesem Weg? Was motiviert sie, sich all dies neu anzueignen?

Im Wohnzimmer von Ursula Eckert in Seelze-Letter hängen zwei Gemälde von Papst Benedikt XVI. an der Wand. Bis vor zehn Jahren war die gelernte Bürokauffrau Pfarrsekretärin in der Gemeinde St. Maria Rosenkranz. Ihr ganzes Berufsleben hindurch hat sie nur mit der elektrischen Schreibmaschine bestritten. „Der Computer stand zum Schluss zwar schon da, aber ich hatte nie die Zeit, mich da reinzuarbeiten.“

Im Ruhestand hatte sie dann die Zeit. Und dass sie sich vor sieben Jahren auf den Weg in die weite Welt des Internets machte, hatte auch mit ihren nach wie vor bestehenden Verbindungen zur Gemeinde zu tun. Noch immer half sie dem früheren Pfarrer mit manchem Brief oder organisierte mal eine Reise. „Und da dachte ich: Jetzt muss ich mal anfangen.“

Die größten Schwierigkeiten bereitete ihr anfangs die Maus. „Allein der Doppelklick ist ja schon eine Sache für sich.“ Aber sie machte einfach weiter und belegte an der Volkshochschule Kursus um Kursus. Längst besitzt sie einen eigenen Laptop. Er steht auf dem Sekretär im ersten Stock. Mit einem gewissen Stolz führt sie ihre Homepage vor, die sie im vergangenen Jahr gestaltet hat. „Ganz vorn habe ich das Bild von blühenden Akazien hingestellt.“ Es folgen Bilder vom Garten, vom Haus, vom Besuch der Sternsinger. Im Gästebuch steht ein Gedicht, das ihre Schwester hier eingetragen hat. Dem Tierarzt schickt sie per Tabelle im E-Mail-Anhang regelmäßig die Zuckerwerte ihrer diabeteskranken Hündin. Und neulich hat sie auch mal wieder im Internet eingekauft. Sie brauchte eine Papierschneidemaschine. „Den ganzen Sonnabend bin ich vergeblich durch die Stadt gelaufen.“ Am Montag bestellte sie dann im Internet. Zwei Tage später stand sie zu Hause. „Hätte ich auch gleich darauf kommen können.“ Doch, neulich hatte Frau Eckert auch mal wieder ein Problem, mit dem Tabellenprogramm. Das nahm sie dann mit in den Senioren-Computer-Club. „Und dann war es auch schon gar nicht mehr da.“

Es gibt in diesem Klub eine Menge Geschichten von kleinen und größeren Triumphen. Da ist zum Beispiel Vjekoslava Römermann. Früher hat die 68-Jährige mit dem kurzen blonden Haar als Hausverwalterin gearbeitet, brauchte da jedoch nur ein Spezialprogramm. Ihre Tochter ist Maklerin, und als sie neulich vergeblich ein „Verkauft“-Schild in ein Foto montieren wollte, „da konnte ich ihr zeigen, wie man das macht“. Gerda Oberg, die frühere Sparkassen-Angestellte gleich neben ihr, hat einen Kalender für ihre Kegelrunde gestaltet – und wurde dann ständig nach weiteren Exemplaren gefragt. „Solche Bestätigung hat man doch als Rentner sonst selten“, sagt sie. Der 73-jährige frühere Chefarzt Dirck Töllner wiederum ist kein Freund von E-Mails an die Familie. „Da schreibe ich richtige Briefe, mit Federhalter auf Papier, ganz klassisch.“ Aber für die Einladung zu seinem Vortrag über die Malerfamilie Koken im Historischen Museum oder die Präsentation mit den eingefügten Bildern – da nimmt er den Laptop.

Ist also alles ganz einfach mit den Senioren und der Computerwelt? Sind all die Vorbehalte Älterer grundlos? Wer die Teilnehmer des Senioren-Computer-Clubs beobachtet, wie sie Grafiken in E-Mails kopieren oder mit Zeichenprogrammen hantieren, der sieht auch schnell, was das Verhältnis von Senioren und Internet manchmal doch schwierig macht. Da muss sich mancher nah an den Bildschirm beugen, um die kleine Schrift entziffern zu können. Anderen fällt der Umgang mit der Fremdwort gespickten Computersprache, die Unterscheidung von Providern und Browsern und vielem mehr, merklich schwer.

Holger Roselieb, Dozent und Leiter des Senioren-Computer-Clubs der VHS, rät gerade deshalb zu Extrakursen, in denen Ältere unter sich den Umgang mit Computern lernen können. „Jüngere preschen zu schnell vor.“ So bleibt denn nur das Problem, dass Ältere meist ungern Angebote annehmen, in denen sie ausdrücklich als Senioren angesprochen werden – Senioren, so haben Untersuchungen gezeigt, wollen oft keine Senioren sein. Zudem fällt es gerade Männern nach einem erfolgreichen Berufsleben manchmal schwer, sich auf einem neuen Feld ihre Hilfsbedürftigkeit einzugestehen – ein möglicher Grund, warum die Männer im Senioren-Computer-Club in der Minderheit sind.

Ältere lernen anders, und sie lernen etwas langsamer – aber jede Scheu hält Roselieb für unbegründet: „Die meisten kriegen das hin.“ Und auch das Programm, das Dirck Töllner nach der Installation auf seinem Rechner nicht mehr gefunden hatte, ist mit Roseliebs Hilfe rasch entdeckt. Es findet sich eben alles wieder an. Da ist es mit dem Computer am Ende nicht anders als im übrigen Leben.

Eine telefonische Beratung zu ihren Senioren-PC-Kursen bietet die Volkshochschule unter 0511-16845617. Auch die Arbeiterwohlfahrt, Deisterstraße 85 an, bietet PC-Kurse speziell für Senioren an – Telefon 0511-21978123.