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Aus der Stadt Falscher Halt – Seniorin stürzt in Spalt
Hannover Aus der Stadt Falscher Halt – Seniorin stürzt in Spalt
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00:15 10.05.2015
Von Michael Zgoll
Die Seniorin stieg an der Stelle, wo der reguläre Bahnstig endet, aus dem Wagen – und stürzte ins Schotterbett. Hier hätte die Stadtbahn aber niemals stoppen dürfen. Quelle: Marta Krajinovic
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Hannover

Die Üstra hat bereits 3000 Euro Schmerzensgeld gezahlt, hält dies allerdings für ausreichend. Ein erster Verhandlungstermin am Landgericht Hannover brachte keine Annäherung, Ende Juni geht es weiter.

Der Unfall geschah an einem Sonnabendvormittag im Juli 2013. Die damals 81-Jährige, die stark sehbehindert ist, wollte die stadtauswärts fahrende Bahn der Linie 9 am Lister Platz verlassen. Sie benutzte die letzte Tür im hinteren von zwei Waggons; diesen Ausstieg wählte sie regelmäßig, weil der Weg zum Fahrstuhl und zu ihrer Lister Wohnung hier am kürzesten war. Doch an diesem Tag ging ihr Schritt ins Leere.

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Fahrerin verwechselte Üstra-Modell

Die alte Dame stürzte in einen rund 50 Zentimeter breiten Spalt zwischen Waggon und Perron, genau an der schrägen Stelle, wo sich der reguläre Bahnsteig verjüngt und in einen zehn Meter langen, geländergesicherten Abschnitt übergeht. Zwei Fahrgäste zogen die hilflose Rentnerin nach oben, ein weiterer Üstra-Kunde rannte nach vorn und informierte die Fahrerin. Diese hatte zu früh angehalten, weil sie sich einen Moment lang im Führerhaus eines Silberpfeils wähnte. Dieser ist in der Zwei-Waggon-Version fünf Meter kürzer als ein grüner Zug, und dafür gab es in der Station Lister Platz einen früheren Haltepunkt. Tatsächlich aber steuerte die damals 27-Jährige einen langen grünen Zug – und so ragte der letzte Ausstieg über das reguläre Ende des Bahnsteigs hinaus.

Die Staatsanwaltschaft ermittelte gegen die Üstra-Angestellte wegen fahrlässiger Körperverletzung, konstatierte schließlich menschliches Versagen und stellte das Verfahren ein. Die Seniorin wurde wegen eines Fersenbeinbruchs und Prellungen elf Tage lang im Nordstadtklinikum behandelt; später diagnostizierten Ärzte im Friederikenstift auch noch einen doppelten Rippenbruch. Die aus Russland stammende Frau war aufgrund ihrer Sehbehinderung bereits vor dem Unfall zu 60 Grad schwerbehindert; nach Auskunft ihres Anwalts Michael Fürst sind es nunmehr aufgrund der Spätfolgen des Bahnsteig-Sturzes 80 Grad. Die Seniorin brauche jetzt Gehhilfen, müsse orthopädische Schuhe tragen und traue sich in keine Stadtbahn mehr.

Üstra-Anwältin: Seniorin trage Mitschuld

Die für die Üstra tätige Anwältin begründet die Ablehnung weiterer Schmerzensgeldzahlungen unter anderem mit dem Argument, dass sich die Rentnerin ihre Rippen möglicherweise bei einem späteren Sturz – jenseits des Stadtbahntunnels – zugezogen habe. Außerdem treffe die Seniorin eine Mitschuld: Sie hätte den breiten Spalt beim Aussteigen sehen und mit einem großen Schritt überwinden können. Anwalt Fürst nennt diese Sichtweise „grotesk“. Der Unfall basiere einzig und allein auf einer groben Fahrlässigkeit der Frau im Führerhaus. Die Üstra könne von Glück reden, dass die Fahrerin von einem Zeugen über den Unfall informiert und die Rentnerin nicht zu Tode geschleift wurde.

Derzeit läuft gegen die Üstra ein weiterer, ähnlich gelagerter Schmerzensgeldprozess. In Ahlem hatte ein Fahrer versäumt, die Trittstufen der Stadtbahn in die richtige Position zu bringen, eine 64-Jährige war in einen Spalt gestürzt und hatte sich erheblich am Fuß verletzt. Aus dem Unfall der Seniorin am Lister Platz hat das Unternehmen derweil Lehren gezogen. Grüne wie silberfarbene Bahnen stoppen jetzt dort am gleichen, weiter vorne liegenden Haltepunkt, wie Pressesprecher Udo Iwannek mitteilte. So kann am hinteren Ende kein Waggon mehr in den Tunnel ragen.     

Service für unsichere Kunden

Hilfe bei Ein- und Ausstieg: Unabhängig von dem Unglück am Lister Platz weist die Üstra darauf hin, dass sie regelmäßig kostenlose Infoveranstaltungen für unsichere Fahrgäste anbietet. Nutzer von Rollatoren und anderen Gehhilfen können etwa am Montag, 22. Juni, um 
15 Uhr ins Margot-Engelke-Zentrum in der Geibelstraße 90 kommen (Anmeldung unter Telefon 0511 - 1 66 80). Die nächste Schulung für Rollstuhlfahrer findet am Mittwoch, 17. Juni, um 10 Uhr an der Stadtbahnstation Messe / Nord statt; hier ist keine Anmeldung erforderlich.

Darüber hinaus gibt es den Fahrgast-Begleitservice der Üstra. Mitarbeiter helfen unsicheren Kunden immer montags bis freitags von 7 bis 19 Uhr beim Ein- und Aussteigen und bringen sie in einem Radius von 500 Metern rund um eine Haltestelle nach Haus. Für diesen kostenlosen Dienst müssen sich Fahrgäste etwa drei Tage vorher unter Telefon (0511) - 16 68 26 93 anmelden.

Jörn Kießler 07.05.2015
07.05.2015
07.05.2015