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Aus der Stadt Seniorin verschenkt 40.000 Euro – wissentlich?
Hannover Aus der Stadt Seniorin verschenkt 40.000 Euro – wissentlich?
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00:23 23.11.2014
Von Michael Zgoll
Prozess gegen 49-jährigen Busfahrer wegen gewerbsmäßiger Veruntreuung endet mit Freispruch.
Prozess gegen 49-jährigen Busfahrer wegen gewerbsmäßiger Veruntreuung endet mit Freispruch. Quelle: dpa (Symbolbild)
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Hannover

Den Mann, der wegen gewerbsmäßiger Untreue auf der Anklagebank sitzt und der sie anhaltend freundlich anlächelt, kennt sie unter dem Namen „Costa“. Der Busfahrer sagt aus, dass die 69-Jährige ihn in ihr Herz geschlossen und ihm das Geld 2013 geschenkt habe. Aus freien Stücken. Amtsrichter Koray Freudenberg kann das nicht widerlegen – und spricht den 49-Jährigen frei.

Die Laatzenerin und der Busfahrer lernten sich auf einer Fahrt in der Stadtbahn kennen. Sie kamen ins Gespräch, fanden sich sympathisch. Irgendwann traf man sich zum Kaffeetrinken, es entwickelte sich ein freundschaftliches Verhältnis. Gelegentlich brachte der 49-Jährige seinen Sohn mit, der gerade eine Ausbildung absolviert. Ihm steckte die alte Dame Schokolade, Marzipan oder Handschuhe des verstorbenen Ehemanns zu. Das Verhältnis zum eigenen Sohn dagegen war nicht so gut.

Irgendwann, so schilderte es „Costa“ in der Verhandlung, habe ihm die Seniorin Geld geschenkt. Mal 4000, mal 5000 und einmal sogar mehr als 15 000 Euro. Zunächst habe er sich gesträubt, die großen Beträge anzunehmen, aber die Frau habe sie ihm förmlich aufgedrängt. Brauchen konnte er sie schon, hatte er doch einige Schulden „bei Albanern und Griechen“ zu begleichen. Angeklagt wurde der Busfahrer aber schließlich nur wegen der Veruntreuung von 14 800 Euro, die er im November und Dezember 2013 mittels 17 Transaktionen vom Bankkonto der alten Dame abgebucht hatte. Sie habe ihm Geldkarte und Geheimnummer in die Hand gedrückt, erklärte der Angeklagte. Freiwillig. Doch wusste die Seniorin wirklich, was sie tat?

Eine Bankangestellte sagte aus, dass „Costa“ die ältere Kundin bei Geldgeschäften oft begleitet habe. Sie persönlich habe ein gewisses Misstrauen gehegt, ob es sich hier um einen Trickbetrüger handele. So ließ sich die Mitarbeiterin von dem Begleiter Personalausweis und Meldebescheinigung zeigen, nahm sogar Kontakt zur Rechtsabteilung auf. Doch weil die Papiere des Mannes in Ordnung waren und die „ganz normal“ wirkende Kundin darauf bestand, dass sie mit ihrem Geld machen könne, was sie wolle, wurden die Auszahlungen freigegeben. In ihren Augen, so das Fazit der Bankangestellten, sei die Seniorin geschäftsfähig gewesen.

Über moralische Fragen, sagte Richter Freudenberg bei der Urteilsverkündung, habe er nicht zu befinden. Rein juristisch betrachtet könne man dem Angeklagten Untreue, Betrug oder Unterschlagung jedenfalls nicht nachweisen; vielleicht hätten diese Delikte ja auch nie im Raum gestanden. Niemand könne widerlegen, dass die Seniorin „Costa“ das Geld 2013 mit vollem Bewusstsein und aus ganzem Herzen geschenkt habe. Und somit gebe es nur eine logische Konsequenz: Freispruch.

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