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Aus der Stadt Wie Hannover die Hungerjahre durchlebte
Hannover Aus der Stadt Wie Hannover die Hungerjahre durchlebte
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00:28 30.05.2015
Von Simon Benne
Zehntausende kamen am 
9. Mai 1947 zu einer Hungerdemonstration auf dem Klagesmarkt zusammen. Quelle: Hist. Museum
Hannover

Brot wirft man nicht weg. Für die Nachkriegsgeneration ist dieser Satz bis heute eine Art ethisches Grundgesetz. Viele, die das Jahr 1945 bewusst miterlebten, reagieren mit einer Mischung aus Verwunderung und Empörung, wenn sie sehen, dass die Nachgeborenen es damit nicht so genau nehmen. Eine Lektion, die man mit hungrigem Magen gelernt hat, sitzt eben besonders tief. Dabei fing für viele Menschen in Hannover die „schlechte Zeit“ paradoxerweise erst mit dem Frieden so richtig an.

„Die Lebensmittelversorgung wurde immer schlechter“, erinnert sich der damals 13-jährige Hans-Heinrich Kirchhoff: „Die Zuteilungen wurden ständig reduziert.“ Die Briten hatten nahtlos das Markensystem aus der NS-Zeit übernommen, das seit Kriegsbeginn galt: Waren wurden „bewirtschaftet“, also rationiert und jedem Verbraucher über Karten und Marken zugeteilt.

Wenn es Lebensmittel gab, bildeten sich rasch Schlangen, wie vor der Harry-Brotfabrik. Quelle: Hist. Museum

Einem „Normalverbraucher“ standen im April 1945 täglich noch 1540 Kalorien zu. Schon im Mai wurden die Rationen jedoch um ein Drittel gekürzt. Anfangs konnten die Mengen, die den Verbrauchern laut Lebensmittelkarten zustanden, auch tatsächlich ausgegeben werden: Mitte Juni 1945 brachten 200 Bäckereien Brot unters Volk, 100 Schlachtereien gaben Fleisch ab. Doch die Lage verschlechterte sich zusehends. Wenn ein Laden Lebensmittel bekam, mussten die Kunden oft lange anstehen: „Bei einer Schlachterei an der Ecke von Drostestraße und Alter Celler Heerstraße gab es eines Tages Wurstbrühe aus Gemüsewürfeln“, erinnert sich die damals 12-jährige Ursula Dulias: „Schnell bildeten sich lange Menschenschlangen bis zum Wedekindplatz. Viele hielten ein Henkeltöpfchen in der Hand.“

Der Hunger hatte viele Gründe: Das besiegte Deutschland konnte keine besetzten Gebiete mehr ausbeuten. Die eigenen Ostprovinzen waren als „Kornkammern“ ausgefallen. Außerdem waren Transportmittel knapp, und zugleich strömten immer mehr Heimkehrer und Vertriebene in die Stadt, die versorgt werden mussten: „Die anschwellende Flut der Flüchtlinge wirft alle unsere Kalkulationen über den Haufen“, stöhnte der britische Wirtschaftsoffizier Oberst Petterson.

Die Hannoveraner gewöhnten sich bald daran, in Kalorien zu denken, wenn es um Lebensmittel ging: Die Stadtverwaltung gab Freiflächen in der Stadt zum Anbau von Kartoffeln frei. Selbst im Großen Garten wurde Gemüse angebaut, um Krankenhäuser und Heime zu versorgen. Es gab Aufrufe zum Sammeln von Bucheckern, um Öl daraus zu pressen. Bald kochten Hausfrauen Sirup aus Zuckerrüben. Bäcker streckten Brot, indem sie Mais untermischten. Der Laib sah dadurch zwar goldfarben aus, zerbröselte aber beim Schneiden und schmeckte pappig. Und ansonsten hoffte man auf ein Carepaket. „Die Jahre bis zur Währungsreform 1948 standen für die meisten Stadtbewohner im Zeichen existenzbedrohenden Hungers“, urteilte der Historiker Andreas Urban.

Das Jahr 1947 muss im Blick auf die Ernährung wohl als das schlimmste Jahr der Nachkriegszeit gelten. Es begann mit dem „Hungerwinter“, und im April sank die Tagesration für Normalverbraucher in Hannover dann auf 852 Kalorien. Als Wochenration blieb damit:1625 Gramm Brot, 125 Gramm Fleisch, 50 Gramm Fett, 30 Gramm Käse, 125 Gramm Salzhering, 125 Gramm Zucker, 150 Gramm Nährmittel, 30 Gramm Kaffeeersatz.Erst am 1. April 1950 wurde die Rationierung aufgehoben: Die Jahre des Elends neigten sich allmählich dem Ende zu. Quelle: Historisches Museum 023416

Dabei funktionierte die Versorgung in Hannover noch besser als anderswo. Die Stadtverwaltung verteilte die Lebensmittel nicht nur, sie besorgte sie oft auch gleich selbst: Mit Rückendeckung des Militärkommandeurs beauftragte Oberbürgermeister Gustav Bratke das städtische Ernährungsamt, Nahrung in die Stadt zu holen. Als es im Sommer an Fleisch fehlt, schwärmen Aufkäufer in die Dörfer aus, um Schlachtvieh zu erwerben. Als die Ernte gut ausfällt, lässt Bratke Kartoffeln für den Winter einlagern.

Gleichwohl kann die Stadt die Not nur verwalten. „Uns fehlt Fett und Eiweiß“, schreibt die „Hannoversche Presse“ am 22. Oktober 1946 anklagend. Die Monate darauf werden als „Hungerwinter“ in die Geschichte eingehen. Anfang 1947 spitzt sich die Versorgungslage dramatisch zu. Nur noch 770 Kalorien stehen jedem Hannoveraner täglich zur Verfügung - nicht einmal ein Drittel dessen, was ein „Normalverbraucher“ nach Einschätzung der Briten täglich braucht.

Bald wanken ausgezehrte Gestalten durch die Stadt; Heizmaterial ist knapp, die Menschen frieren in diesem kalten Winter erbärmlich. Allein im Januar 1947 registrieren die Ärzte binnen sechs Tagen in Hannover zwölf tödliche Lungenentzündungen und 1200 Fälle von Erfrierungen.

„Wir wollen mehr zu essen“

In Protesten gegen die Obrigkeit sind die Deutschen nicht geübt. Doch jetzt kommt es zu Massendemonstrationen: „Wir wollen mehr zu essen“ steht auf Transparenten, als sich am 9. Mai 1947 Zehntausende zu einer gewerkschaftlichen Hungerdemonstration auf dem Klagesmarkt versammeln. Delegationen werden zu den Briten und zu Ministerpräsident Hinrich Wilhelm Kopf geschickt. „Die Bevölkerung Hannovers hat alle Entbehrungen bisher mit bewundernswerter Disziplin ertragen“, warnt der Verwaltungsausschuss des Rates: „Erste Anzeichen deuten aber darauf hin, dass diese Geduld zu Ende ist.“

Immer wieder kommt es zu Streiks und Protesten gegen die schlechte Versorgungslage. Am 3. Februar 1948 versammeln sich bei einer Hungerdemonstration rund 180 000 Teilnehmer. Am 27. April des Jahres sprengen hannoversche Betriebsräte dann eine Kabinettssitzung, um größere Brotrationen zu fordern. Ministerpräsident Kopf setzt sich an die Spitze eines „Hungermarsches“ zum Stirling-House der Militärregierung. Doch ehe die Lage eskaliert, kommt die erste große Wende der Nachkriegsgeschichte: Bei der Währungsreform am 20. Juni 1948 bekommt jeder 40 D-Mark. Und schlagartig füllen sich die Geschäfte. Die Not ist damit noch nicht vorbei. Doch die Weichen stehen auf Wirtschaftswunder.

Biersuppe aus dem Kriegskochbuch

Wenn Not tatsächlich erfinderisch macht, dürfen die Jahre nach dem Krieg als besonders innovative Zeit gelten. Besonders in der Kochkunst. Um mit kargen Zutaten etwas auf den Tisch zu bringen, griffen viele auf Hedwig Heyls schon 1914 verfasstes „Kleines Kriegskochbuch“ zurück. Die Autorin – bis 1999 trug die Alice-Salomon-Schule in Hannover ihren Namen – gab darin Anleitungen für den Bau von „Kochkisten“, in denen sich Essen warm halten ließ. Und sie präsentierte Rezepte, die heute fast exotisch anmuten. Hier Auszüge.

Apfelsuppe
1 Pfd. Apfel – 1 1/4 l Wasser – 1/8 Pfd. Zucker – 1 Stückchen Zimt – 1 knapper Essl. Kartoffelmehl.
Die Äpfel werden sauber abgerieben, die Blüten ausgestochen, mit der Schale in Sechzehntel geschnitten und gleich in das Kochwasser getan. Der Topf muss gut emailliert sein und sich leicht erwärmen lassen. Die gekochten Äpfel streicht man erst durch ein gröberes, dann durch ein feines Sieb. Man vermehrt die Masse durch das nötige Wasser, bringt sie mit Zucker und Zimt zum Kochen und rührt das mit 2 Essl. kaltem Wasser verquirlte Kartoffelmehl dazu.
Sämtliche Fruchtsuppen werden nach gleichem Grundsatz wie die Apfelsuppe hergestellt, das heißt also: Es wird durch Aufkochen von Wasser und Früchten ein Fruchtbrei hergestellt, welcher durchgeschlagen, gesüßt, gewürzt, verdünnt, mit Kartoffelmehl aufgekocht, wenn nötig mit Essig abgeschmeckt, die Suppe liefert. Alle getrockneten Früchte sind ebenfalls zu Fruchtsuppen zu brauchen, doch müssen sie eine Nacht in kaltem Wasser aufgequollen werden.

Biersuppe mit Grieß
2 Essl. Mehl – 1 Essl. Fett – 11/2 Fl. Weißbier – 1 Prise Salz – 1 Stückchen Zimt, 1 gestoßene Nelke – 1 Teel. Zitronenzucker – 4 Eßl. Zucker – 1/8 l Wasser – 3 Eßl. Grieß.
Man verrührt Mehl und Fett zu einer hellen Mehlschwitze, füllt das Bier dazu und kocht mit Salz, Gewürz, Zitronenzucker und Zucker eine dünnseimige Suppe, gießt dieselbe durch ein Sieb, bringt sie wieder zum Kochen, quirlt den in Wasser abgeschwemmten Grieß hinein, lässt ihn unter häufigem Umrühren zehn Minuten in der Suppe aufquellen und richtet die Suppe an.

Ein Pfund Butter für 250 Mark

Viele hatten kein gutes Gefühl dabei. Es kam ihnen anrüchig vor, Geschäfte auf der Straße anzubahnen. Illegale noch dazu. Fremden Menschen Angebote zuzuraunen oder ihnen in dunkle Hauseingänge zu folgen. Doch die Not ließ vielen keine Wahl: „Der Schwarzmarkt blühte, besonders vor dem Bahnhof“, erinnert sich der damals 13-jährige Hans-Heinrich Kirchhoff: „Dort gab es vieles, was in den Läden nicht zu finden war“, sagt er. „Als Währung dienten teils amerikanische Zigaretten.“

Ob anrüchig oder nicht: Ungefährlich war der Handel auf dem Schwarzmarkt auf keinen Fall. Schon bald nach dem Einmarsch der Alliierten wiesen die Briten die deutsche Stadtverwaltung an, drakonische Strafen für illegale Kungeleien zu verhängen. Das galt dem Schutz der Schwächeren, die von den kargen Zuteilungen über Marken und Karten leben mussten: Der Volkswirtschaft sollten keine Waren vorenthalten werden. Doch unter den Nazis hatte für das „Schwarzschlachten“ von Schweinen oder für illegale Geschäfte sogar die Todesstrafe gedroht – ohne dass dies den Schwarzhandel hätte eindämmen können.

„Die unbewaffneten Hilfspolizisten waren meist machtlos“: Razzia auf dem Schwarzmarkt am Hauptbahnhof im Jahr 1946. Quelle: HAZ-Archiv / Koberg

Wie in einer Versuchsanordnung konnten Ökonomen 1945 beobachten, was passiert, wenn die Kaufkraft das Warenangebot auf dem offiziellen Markt übersteigt: Viele hatten während des Krieges, als es keine Möglichkeit gab, Geld zu verprassen, etwas angespart. Zugleich war in der zerstörten Stadt der Bedarf an eigentlich allem immens: Kleiderbügel, Möbel, Büchsenöffner – alles fand Abnehmer. Für Lebensmittel wurden teils horrende Preise gezahlt: Als ein deutscher „Normalverbraucher“ im Monat nur noch 200 Gramm Butter bekam, stieg der Preis für ein halbes Pfund Butter auf dem Schwarzmarkt auf 250 Reichsmark.

Über Mund-Propaganda verbreitete sich schnell, wer was wollte. Und die Grenzen zu legalen kleinen Tauschgeschäften unter Nachbarn waren fließend. Wer etwas anzubieten hatte oder suchte, konnte Zettel an eine der eigens dafür eingerichteten Wände hängen. Tauschbörsen hatten Konjunktur: „Ich musste meinen Puppenwagen hergeben, damit meine Mutter eine Karre für meinen Bruder tauschen konnte“, erinnert sich Ruth Heuer: „Eine 13-Jährige brauche weder Puppenwagen noch Puppe, wurde mir gesagt. Ich war sehr traurig. Auch Kinderschuhe waren ziemlich  begehrt.“

Findige Geschäftsleute machten sich unterdessen daran, mehr oder minder offizielle Geschäfte zu eröffnen: Einige bauten sich aus Backsteinen oder Munitionskisten primitive Stände in den Trümmern auf. Einfache Bretter nutzten sie als Tresen, um Waren feilzubieten. Oft war ein Gartenschirm eine erste Investition ins Marketing. Doch als Regulativ einer zerrütteten Wirtschaft blieb der Schwarzmarkt noch lange bestehen. Razzien vorm Bahnhof oder in der Joachimstraße, wo sich Händler und Kunden trafen, hatten wenig Erfolg: „Die unbewaffneten Hilfspolizisten“, erinnert sich Hans-Heinrich Kirchhoff, „waren meist machtlos.“

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