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Aus der Stadt Sperrig ist gut
Hannover Aus der Stadt Sperrig ist gut
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17:19 07.10.2014
Von Stefan Stosch
Leben für die Leinwand: Nach 40 Jahren nimmt Sigurd Hermes Abschied vom KoKi.
Leben für die Leinwand: Nach 40 Jahren nimmt Sigurd Hermes Abschied vom KoKi. Quelle: Rainer Surrey
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Hannover

Sigurd Hermes weiß noch genau, wie er vor mehr als 40 Jahren nach Hannover kam: „Schwarze Lederjacke, Haarmatte bis auf die Schultern, keinerlei Verwaltungserfahrung.“ Ein bisschen scheint er sich immer noch zu wundern, dass die Stadt Hannover dem Mittzwanziger aus Kassel damals den Zuschlag gab. Was der Bewerber aber mitbrachte, war die Begeisterung fürs Kino, ein Konzept und beste Referenzen. Schließlich hatte er schon als Student die Sektion Film bei der Documenta unter Harald Szeemann erst angeschubst und dann geleitet.

Sein Bewerbungsauftritt im Verwaltungsausschuss muss den Ratsmitgliedern imponiert haben – besonders dass er es gewagt hatte, einem vermeintlichen Ratsdiener den Stuhl wegzunehmen. „Der schlaksige Typ, der da die ganze Zeit neben mir stand, war der junge Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg. Aber das erfuhr ich erst später“, sagt Hermes und lacht.

Eine Ära geht zu Ende: Nach 40 verlässt Sigurd Hermes das Kommunale Kino (KoKi) im Künstlerhaus. Ein kleiner Rückblick in Bildern.

So begann er 1974 als Leiter des Kommunalen Kinos. Und nun verabschiedet sich der 65-Jährige in den Ruhestand. Eine Ära geht zu Ende, nicht nur für ihn, sondern auch für Hannover.
„In der Anfangszeit war Niedersachsen kinokulturell Diaspora“, sagt Hermes. An der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig gab es immerhin schon die Filmklasse seines einstigen Kasselaner Kumpels Gerhard Büttenbender. Und nun gab es auch das KoKi, allerdings noch ohne eigenes Domizil: Die Projektoren ratterten in Freizeitheimen. Tageweise war das KoKi Untermieter im Apollo und am Raschplatz.
So lernte Hermes einen anderen hannoverschen Kinoenthusiasten kennen und schätzen, der im Apollo die Karten abriss. Dieser Mann ging einen anderen Weg: Hans-Joachim Flebbe. „In die Quere gekommen sind wir uns nie“, sagt Hermes. Während der spätere „Kino-König“ bundesweit Cinemaxxe hochzog, nahm Hermes die Hannoveraner mit auf cineastische Entdeckungstouren.

Kinomobile für Schüler und Senioren kurvten durch die Straßen. Eine Super-8-Filmwerkstatt wurde im Pavillon betrieben, 1979 das inzwischen dienstälteste Schwulen-Filmfestival in ganz Deutschland gegründet (heute: „Perlen-Festival“). Ganze Kinokontinente wurden bereist, etwa bei der Expo 2000. Da war das KoKi schon knapp zwei Jahrzehnte lang in der Sophienstraße 2 zu Hause.

Knapp 15.000 Filme hat der KoKi-Leiter in vierzig Jahren präsentiert, ein Drittel davon Dokumentationen. Allein 8000 Erstaufführungen flimmerten über die Leinwand – ohne das KoKi hätte Hannover viele davon verpasst. Pier Paolo Pasolini, Rainer Werner Fassbinder, Fritz Lang, Friedrich Wilhelm Murnau, Asta Nielsen: Die Liste der Retrospektiven ist schier unendlich. Und wo fand die erste europäische Würdigung der Filme von François Truffaut nach dessen Tod 1984 statt? Genau, in Hannover.

Die Liste der Gäste ist imposant. Jacques Rivette und Bertrand Tavernier schauten vorbei – Hermes als späterer „Ritter des Ordens für Kunst und Literatur“ der französischen Ehrenlegion hatte schon immer ein Faible fürs Nachbarland, „auch wenn ich es bis heute nicht geschafft habe, Französisch zu lernen“. Genauso begrüßte er Rudolf Thome, Hannelore Elsner, Edgar Reitz oder kürzlich erst wieder den alten Freund Volker Koepp. Auch Andy Warhol war mal da.

Eines von Hermes’ Erfolgsrezepten lautete: Vernetzung mit anderen kulturellen Institutionen. Das war hilfreich, als das KoKi weggespart werden sollte: Hannovers Kultur ging geschlossen auf die Straße, Intendanten von Museen und Theatern vorneweg.

Hatte er je Angst, dass das KoKi tatsächlich dicht gemacht werden könnte? „Nicht wirklich“, sagt Hermes. Er habe stets eine „politische Mehrheit der Stadtgesellschaft“ hinter sich gespürt. Sein Budget habe er bis auf eine Ausnahme stets eingehalten. Zudem gab es Sponsoren, auch der skurrileren Art: Der kürzlich gestorbene Keksfabrikant Hermann Bahlsen belieferte das KoKi mit Süßigkeiten, die vor den Vorstellungen auf eigene Rechnung verkauft werden durften. Wert der Ware, die nicht ganz leicht unter die Zuschauer zu bringen war: 2000 Mark monatlich.

Bewusst setzte Hermes auch auf sperrige Filme, egal ob konservative Kräfte meckerten. „Als nichtkommerzielles Kino war es mein kulturpolitischer Auftrag, nicht aufs Triviale zu setzen“, sagt er. „Wenn die Publikumszahlen mal zu sehr in die Höhe schossen, habe ich mich beinahe schon gefragt, ob ich etwas falsch gemacht habe.“

Auch so sind 1,5 Millionen Zuschauer in vier Jahrzehnten gekommen. Heute vermisst Hermes ein wenig die Neugier und auch den Mut der Zuschauer: „Das Interesse an Avantgardefilmen ist drastisch zurückgegangen, auch das studentische Publikum fehlt.“ Sein Amtsnachfolger, der zu seinem Bedauern immer noch nicht benannt ist, müsse sich etwas einfallen lassen, um jüngere Leute zu erreichen.
Aber erstens gehe es auch anderen Kultursparten so, und zweitens ist und bleibt Hermes Optimist. Sonst hätte er nicht die Amputation beider Füße nach einer Infektion so gut weggesteckt. Er reist jetzt erst mal mit seiner Frau Sigrid durch die Welt, den faltbaren Elektro-Scooter hat er schon parat.

Im Ruhestand will er das eine oder andere Filmprojekt stemmen, womöglich in Zusammenarbeit mit Museen. Und vielleicht ein Drehbuch schreiben. Es wäre nicht sein erstes. Im Kommunalen Kino will er sich aber rar machen, wenn die Feiern zum 40. KoKi-Geburtstag vorüber sind und er in den Ruhestand verabschiedet ist: In der Sophienstraße 2 sollen jetzt andere das Ruder übernehmen.     

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