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Aus der Stadt Tüftler bauen Hanomag-Dieselrennwagen nach
Hannover Aus der Stadt Tüftler bauen Hanomag-Dieselrennwagen nach
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17:20 20.07.2017
Initiator Horst-Dieter Görg und Mechaniker Peter Langner fahren mit dem Dieselrennwagen über die Feldmark in Hildesheim. Quelle: dpa/Stratenschulte
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Hannover

Am Anfang stand ein Zufallsfund. „Ich habe historische Blaupausen aus dem Abfall-Container gezogen, als die Traditionsfirma Hanomag aufgelöst wurde“, sagt der Betriebswirt Horst-Dieter Görg. Das war Anfang der 1980er Jahre, als Görg dort Werksstudent war. Sie zeigten ein historisches Diesel-Weltrekordauto der hannoverschen Firma, das 1939 auf der Reichsautobahn bei Dessau vier Weltrekorde einfuhr und im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde.

Flach wie eine Flunder, aerodynamisch wie ein Flugzeugrumpf: Es beflügelte Görgs Fantasie. Heute steht ein silbern glänzender Nachbau vor ihm, dessen Technik fast nur aus Originalteilen besteht.

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Aus allen Teilen der Republik trugen Görg und seine Freunde vom Arbeitskreis Technik- und Industriegeschichte (AK TIG) Getriebe, Chassis, Motorblock und andere mechanische Teile zusammen. „Nur beim Kühler wollten wir keine Kompromisse eingehen, da haben wir einen hochmodernen Kühler eingebaut“, sagt Görg.

Tüftler aus Niedersachsen haben den Dieselrennwagen der ehemaligen Firma Hanomag nachgebaut. 

Ein Gutachten bescheinigte dem ehrgeizigen Nachbau gerade einen Wert von aktuell 375 000 Euro - wenn er fertig ist, dürfte er die halbe Million streifen. Ein Teil der Verkleidung fehlt noch, auch die Instrumentierung ist noch nicht vorhanden. Das Problem: Immer wieder mangelte es an Sponsorengeldern.

Wagen gilt als Meilenstein deutscher Technikgeschichte

„Es fehlen aktuell noch 20 000 Euro, um den Wagen zu vollenden“, sagt Gunter Hartung, der das Projekt begleitet. Es sind vor allem viele Kleinspender, aber auch einige größere Firmen, die das Projekt mitfinanzierten. Ansonsten steckt viel Eigenleistung ehrenamtlicher Schrauber in dem Wagen, der zuletzt ein halbes Jahr lang in der Ausstellung „Strom-Linien-Form“ im Zeppelin Museum in Friedrichshafen ausgestellt war. Bis Mitte August steht er noch bei Hildesheim in Bockenem, dann geht es nach Zetel zum Karosseriebauer.

Der in Hannover entwickelte und gebaute Wagen mit Aluminiumhülle gilt als Meilenstein deutscher Technikgeschichte. Beim Weltrekord kam er mit seinem Klein-Diesel auf 165 Stundenkilometer - Weltrekord. Er sollte auch das damalige Image des vergleichsweise verbrauchsarmen, aber lärmigen Dieselmotors aufpolieren. Denn der trieb zu der Zeit vor allem Lastwagen oder Traktoren an, kaum Pkw. Das Projekt versteht sich als Hommage an Rudolf Diesel sowie Hanomags damaligen Motoren-Chefkonstrukteur Lazar Schargorodsky, der seine Klein-Diesel vor gut 75 Jahren auch bei Personenwagen einsetzte.

Den Original-Dieselmotor hatten die Technikfans im Rheinland gefunden - er sprang trotz seines Alters auf Anhieb an. Bei der AK TIG ging parallel zum Aufbau des Wagens die Suche nach historischen Dokumenten, Fotos und Zeitzeugen weiter. Waren es anfangs noch drei Bilder, so sind es heute schon 20 rund um Hanomags Flitzer.

Nachbau von Segelflugzeug soll beginnen

Das Unternehmen selbst war nach Problemen in der Nachkriegszeit in Teilen im japanischen Baumaschinenkonzern Komatsu aufgegangen. Rückblickend ist das hannoversche Unternehmen vor allem für seine Traktoren bekannt. Dass es zwischen 1924 und 1951 auch rund 100 000 Pkw baute, ist weithin unbekannt. Dabei war der Hanomag 2/10, im Volksmund auch „Kommißbrot“ genannt, Deutschlands erster Kleinwagen vom Fließband.

Görg und seine Freunde wollen den mobilen Pionieren der damaligen Zeit - darunter Reifenhersteller Continental, der Batteriebauer Varta oder die VW-Nutzfahrzeuge - ein regionales Mobilitätszentrum widmen, dessen Kernstück der nachgebaute Rekordwagen werden soll. Obwohl er erst 2018 komplett fertiggestellt sein wird, haben sie schon ihr nächstes Projekt begonnen: Den nicht minder ehrgeizigen Nachbau eines ungewöhnlichen Segelflugzeugs aus den 1920er Jahren der damaligen Hannoverschen Waggonfabrik (Hawa), dessen Rekonstruktion in diesen Tagen am Flugplatz Hildesheim beginnen soll.

Die hatten im Ersten Weltkrieg Doppeldecker gebaut, durften aber nach Kriegsende gemäß der Bestimmungen des Versailler Vertrags keine Motorflugzeuge mehr bauen. Also fertigten sie Segelflugzeuge - und schufen dabei den Urahn aller leistungsfähigen heutigen Segler, den Vampyr. In den 1920er Jahren erregte auch er mit Weltrekordleistungen Aufsehen in den damaligen Fliegerkreisen - etwa auf der Wasserkuppe in der Rhön, wo ein nicht flugfähiges Modell noch existiert.

Das von den Flugzeugbauern Marianne Brandes und Jürgen Hagemann zu bauende Modell dagegen soll flugfähig und auch in der Luft zu bewundern sein. Ein Konstruktionsmodell im Maßstab 1:4 gibt es bereits. Einziges Problem: Es mangelt noch an 35 000 Euro Sponsorengeldern.

dpa/ Ralf E. Krüger

Bärbel Hilbig 20.07.2017
20.07.2017