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Aus der Stadt So viel Stress verträgt Hannovers Feuerwehr
Hannover Aus der Stadt So viel Stress verträgt Hannovers Feuerwehr
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00:20 05.02.2015
Von Jörn Kießler
Jeder Atemschutzträger muss einmal im Jahr zum Belastungstest in den Atemschutzparcours. Den müssen Berufsfeuerwehrleute und Ehrenamtler bei Dunkelheit und künstlichem Rauch absolvieren. Quelle: Philipp von Ditfurth
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Hannover

Ich liege schon eine gefühlte Ewigkeit in dem etwa zwei Meter langen Metallrohr, als mir das Schild wieder in den Sinn kommt. „Tal der Tränen“ hatte ich keine halbe Stunde zuvor darauf gelesen, als ich den Westflügel der Feuerwache 3 betrat, wo das Atemschutzzentrum der Berufsfeuerwehr Hannover untergebracht ist. Eigentlich bezieht sich der Name darauf, dass „man schon mal feuchte Augen bekommen kann, wenn man nach einem einsatzstarken Wochenende in die Werkstatt kommt und die ganze Arbeit sieht, die einen erwartet“, hat mir ein Feuerwehrmann erklärt.

Ich verbinde den Namen gerade mit etwas völlig anderem. Das schmale Rohr, in dem ich stecke, ist zu eng, um mich darin mit der Druckluftflasche auf dem Rücken hinzuknien und weiter zu krabbeln. Die rettende Kante, an der ich mich herausziehen könnte, erreiche ich nicht. Der Schweiß unter meinem Helm bahnt sich mittlerweile seinen Weg in die Vollgesichtsmaske und tropft von innen an das Sichtfenster. Es geht weder vor noch zurück. Erst als mich eine Hand am Arm packt und mich aus dem Tunnel zieht, wird mir bewusst, dass ich mich erst seit ein paar Minuten in dem 60 Meter langen Atemschutzparcours der Feuerwehr befinde. Gemeinsam mit Feuerwehrchef Claus Lange und Pressesprecher Michael Hintz absolviere ich den Belastungstest für Atemschutzträger.

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In einer Art Käfiglabyrinth auf drei Etagen müssen etwa 1100 Feuerwehrleute jedes Jahr beweisen, dass sie den körperlichen Anforderungen eines Einsatzes unter Atemschutz gewachsen sind. Mit Helm, Vollgesichtsmaske und Druckluftflasche auf dem Rücken müssen sie in vollkommener Dunkelheit durch die Gänge kriechen, sich durch enge Luken und Klappen zwängen und dabei noch aufeinander achten. „Natürlich sollte das alles relativ zügig gehen“, sagt Dirk Steinort, Sachgebietsleiter der ABC-Gefahrenabwehr. „Das Wichtigste ist aber, dass der Trupp zusammenbleibt und alles den Umständen entsprechend sicher vonstatten geht.“ Der Leitspruch bei solchen Einsätzen lautet: „Keiner geht allein hinein, und erst recht keiner allein hinaus.“

Um die ohnehin schon beklemmende Einsatzsituation auch beim Üben noch realistischer zu gestalten, kann der Parcours eingenebelt werden. Zudem sorgen Wärmestrahler dafür, dass es den Einsatzkräften auch ohne Feuer extrem warm unter ihrer Ausrüstung wird. „Das ist natürlich nicht zu vergleichen mit den Rahmenbedingungen bei einem echten Einsatz, bei dem die Temperaturen mehrere hundert Grad erreichen“, sagt Detlef Hildebrandt. Der 45-jährige Berufsfeuerwehrmann arbeitet als Geräteschutzwart in der Feuerwache 3. Wenn seine Kameraden in den Atemschutzparcours gehen, kann er sie aus Sicherheitsgründen über an der Strecke verteilte Videokameras beobachten.

Das ist jedoch nicht eine einzige Aufgabe. Gemeinsam mit Steinort und 33 weiteren Kollegen sorgt er dafür, dass die technische Ausrüstung der Atemschutzträger immer einsatzbereit ist. Konkret bedeutet das, dass sie nach Einsätzen jede einzelne Atemschutzausrüstung auseinandernehmen, begutachten, gegebenenfalls reparieren oder warten. Insgesamt 14 000 Prüfungen an einzelnen Komponenten der Atemschutzausrüstungen werden jedes Jahr in der knapp 300 Quadratmeter großen Werkstatt durchgeführt, 5500 Druckluftflaschen mit Atemluft gefüllt. Ganz nebenbei läuft auch noch die Weiterbildung der eigenen Mitarbeiter sowie die Ausbildung der Kameraden der Berufsfeuerwehr und der 17 freiwillige Ortsfeuerwehren. Sind die einmal als Atemschutzträger ausgebildet, müssen sie jedes Jahr kommen und neben dem Parcour auch noch einen obligatorischen Fitnesstest absolvieren.

Auch mir bleibt es nicht erspart, mit der mehr als elf Kilogramm schweren Ausrüstung 20 Meter auf einer Endlosleiter zu herumzuklettern, drei Minuten auf einem Farradergometer zu strampeln und die gleiche Zeit auf einem Laufband zu laufen. Wäre ich älter als 50 Jahre, könnte ich eine abgespeckte Version des Tests machen. „Das macht aber kaum einer“, sagt Lange. Gleichzeitig sei aber auch keiner seiner Mitarbeiter zu stolz, sich einzugestehen, wenn es nicht mehr geht. „Wenn der Test nicht bestanden wird, würde keiner auf die Idee kommen, trotzdem in den Einsatz zu wollen“, sagt der Feuerwehrchef.

Was für die Berufsfeuerwehr, aber auch die Atemschutzträger der ehrenamtlichen Einsatzkräfte gilt, trifft natürlich auch auf die Technik zu: Im Ernstfall muss alles einwandfrei funktionieren. „Ohne die Arbeit des Atemschutzzentrums wäre eine moderne Feuerwehr gar nicht mehr voll einsatzbereit“, erklärt Lange. Mehr als 4000-mal pro Jahr müssen die Feuerwehrleute ihre Atemschutzausrüstung im Ernstfall anlegen, wenn sie in den Einsatz gehen. Daher würde Lange es auch begrüßen, wenn das Atemschutzzentrum in der Feuerwache 3 moderner ausgestattet wäre. „Dadurch, dass die Anforderungen über die Jahre immer mehr gewachsen sind, werden ihnen die Räumlichkeiten nicht mehr gerecht“, sagt Lange. Viele Arbeiten müssten dadurch immer wieder unterbrochen werden. „Wir haben kürzlich das Atemschutzzentrum der Berufsfeuerwehr in Frankfurt am Main besucht“, erzählt Dirk Steinort. „Die Kollegen dort arbeiten auf fast 1000 Quadratmetern.“ Die modernen Räume ermöglichten dort ein zügigeres und besseres Arbeiten.

So etwas wie das „Tal der Tränen“ gibt es dort vermutlich dennoch. Nur wird es anders heißen.

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