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Aus der Stadt So bewältigen Eltern den Kita-Streik
Hannover Aus der Stadt So bewältigen Eltern den Kita-Streik
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00:15 10.05.2015
Von Conrad von Meding
Wechseln sich bei der Betreuung ab: Malika Amara (von links), Melanie Horzella und Anne Jansen mit ihren Kindern Yassine (3 Monate), Jakob (2), Finn (3), Rayan (3) und Tilda (11 Monate). Quelle: Rainer Surrey
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Hannover

„Es muss ja irgendwie gehen – also wird es irgendwie gehen“, sagt etwa Malermeister Jürgen Lehnberg – der allerdings am Donnerstag noch nicht wusste, wie er seinen sechsjährigen Sohn Louis tagsüber beschäftigen soll.

Die von der Stadt und Verdi eingerichteten Notplätze sind komplett ausgebucht. Für die 500.000-Einwohnerstadt Hannover sind es allerdings auch nur 370 Plätze. In der kleinen Wedemark (rund 30 000 Einwohner) sind es 150 Plätze, im unwesentlich größeren Seelze (rund 33.000 Einwohner) sind es sogar 294. Der Grund: Während Seelze auf eine Notdienstvereinbarung mit Verdi verzichtet und die Notgruppen selbstständig einrichtet, hat Hannover mit der Gewerkschaft verhandelt und ein für die Eltern deutlich schlechteres Ergebnis erzielt.

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Auch in anderen Punkten sind Umlandkommunen zum Teil deutlich weiter als Hannover. In der Wedemark hat Bürgermeister Helge Zychlinski am Donnerstag mitgeteilt, dass Eltern die Gebühren zurückerstattet bekommen für jeden Tag, an dem ihre Kinder wegen des Streiks nicht in städtischen Einrichtungen betreut werden. Dafür bedient sich die Gemeinde im Norden Hannovers eines Tricks: Der Rat soll im Juni die Satzung rückwirkend zum 1. Mai ändern, sodass die Gebühren künftig tageweise berechnet werden.

So sei eine Erstattung möglich und werde automatisch erfolgen, verspricht der Bürgermeister. In Hannover hingegen, wo sich die Stadt beim letzten Kita-Streik 2009 kulant gezeigt hatte, ist bislang in der Gebührenfrage noch keine Entscheidung gefällt worden. Die Stadt will erst in Kürze entscheiden, ob sie Zahlungen erlässt – auf keinen Fall dürften Eltern das Geld einfach einbehalten. Der Kita-Stadtelternrat rät Eltern aber dringend, eine Rückforderung für die Streiktage zu stellen. Schließlich sind die Positionen der Streikenden, die unterm Strich rund 10 Prozent mehr Geld fordern, und die der Kommunen weit voneinander entfernt – der Streik kann also noch lange dauern.

Geteiltes Leid ist halbes Leid

Im Garten steht ein buntes Klettergerüst mit Rutsche auf dem akkurat gemähten Rasen. Während der Streiktage wird Jakob (2) dort statt in der Kita toben. Denn seine Mutter Anne Jansen ist wegen Jakobs kleiner Schwester Tilda (11 Monate) noch in Elternzeit. „Momentan ist der Streik für mich noch kein Problem“, sagt die 42-Jährige.

Sie betreut an ein bis zwei Tagen die Kinder ihrer befreundeten Mütter Malika Amara und Melanie Horzella, die im Gegenzug an anderen Tagen Jakob aufnehmen.  „Ich stehe total hinter dem Streik“, betont Jansen. Ansehen und Gehalt der Erzieher müssten aufgewertet werden. In der Kita Röntgenstraße sei die Stimmung gemischt. „Manche Mütter beschweren sich“, erzählt Jansen. Sie und weitere Mütter wählen einen anderen Weg. Sie schreiben Briefe an die Stadt und fordern eine Erstattung der Gebühren an den Streiktagen. „Dabei geht es nicht ums Geld. Wir wollen, dass der Druck an diejenigen weitergegeben wird, die etwas bewegen können“, sagt Jansen.

Schwierig wird es für sie nur, sollte der Streik verlängert werden. Am 24. Mai wird ihre Tochter Tilda ein Jahr alt, dann beginnt die mehrwöchige Eingewöhnungszeit in der Krippe – wenn sie denn geöffnet ist. „Vorher kann ich nicht arbeiten“, sagt Jansen, „es gibt keine Planungssicherheit. Eine unbefriedigende Situation für mich und meinen Arbeitgeber.“

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„Und wann soll ich arbeiten?“

Das Zeitmanagement in der Familie des hannoverschen Malermeisters Jürgen Lehnberg ist auch ohne Streik schon kompliziert. Wie sie die Streikzeit überbrücken sollen, das wissen er und seine Frau Bianca noch nicht. Sie arbeitet im Wachdienst in der Ölraffinerie in Uetze-Dollbergen – Schichtdienst. In dieser Woche verlässt sie um 5 Uhr früh das Haus – dann bringt normalerweise ihr Mann Sohn Louis (6) in den Kindergarten und sie holt ihn mittags ab. Wenn sie Spätschicht hat – die dauert dann bis 21.30 Uhr – erfolgt das Prozedere umgekehrt. „Soll ich Louis mit zur Arbeit nehmen und ihn acht Stunden in der Raffinerie herumsitzen lassen?“, fragt Bianca Lehnberg. „Soll ich meine Kundentermine absagen oder den Jungen den ganzen Tag auf Baustellen mitschleppen?“, fragt Jürgen Lehnberg.

Jürgen Lehnberg mit seinem Sohn Louis. Foto: Surrey

„Wir werden das aber schaffen – es klappt immer alles irgendwie“, sagte der Malermeister gestern, als er seinen Sohn vom Kindergarten abholte. Wie genau es funktionieren soll – das wissen die Eltern aber noch nicht. Immerhin haben sie einen kleinen Aufschub bekommen: Der Kindergarten von Louis liegt in Uetze, dort beginnt die Streikzeit erst am 18. Mai, sie müssen also vorerst „nur“ die Woche vor Pfingsten überbrücken. Dafür leiden sie derzeit unter einem anderen Streik: Der ältere Sohn absolviert eine Ausbildung in Lehrte, und die reguläre S-Bahn fährt nicht. „Deshalb bringe ich jeden Morgen erst mal ein Kind nach Lehrte“, sagt Jürgen Lehnberg. Für die Streikenden habe er im Grundsatz „Respekt und Verständnis“, aber dass die Streiks jetzt immer so lange dauern, das findet er „etwas maßlos“.

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Die Urlaubstage werden knapp

Die zwei Tage Warnstreik hat Maria Lahmann noch gut mithilfe von Urlaubstagen geregelt bekommen. Zwei ihrer drei Kinder sind gut versorgt: die zweijährige Tochter in einer nicht-kommunalen Krippe und der 13 Jahre alte Sohn in der Schule. Ihren fünfjährigen Sohn Jonas kann Lahmann die ersten Streiktage ins Büro mitnehmen, die Burgdorferin hat eine halbe Stelle als Sachbearbeiterin bei den Stadtwerken Hannover. Ihr Chef ist einverstanden, Jonas könnte dann Bilder malen, während sie arbeite, berichtet die Burgdorferin. „Mein Arbeitgeber ist sehr entgegenkommend“, sagt sie. Wie es dann weitergehen soll, wenn der Streik länger dauert, weiß die 37-Jährige nicht, Großeltern in der Nähe gibt es nicht, ihr Mann arbeitet in der Woche auswärts.

Maria Lahmann wird ihren Sohn Jonas (5) am Arbeitsplatz betreuen. Foto: Surrey

„Möglicherweise wechseln wir beide uns dann beim Urlaub ab“, sagt sie. Allerdings könnte das schwierig werden. Weil Jonas in die Schule kommt, darf er nur bis zum 31. Juli im Kindergarten bleiben, die fünf Wochen ohne Betreuung müssen die Eltern schon mit Urlaub überbrücken. „Dann kommen noch zwei Wochen Herbstferien und die Weihnachtsferien – irgendwann ist der Urlaub aufgebraucht“, berichtet Lahmann. Vielleicht klappt auch eine gegenseitige Betreuung zwischen mehreren Müttern. „Wir reden gerade darüber.“

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„Die Leidtragenden sind unsere Kinder“

Lieber Eltern mobilisieren: „Der Streik bringt nichts, er bringt am Ende nur die Eltern gegen die Erzieher auf, und die Gemeinde spart Geld, weil sie das Personal nicht bezahlen muss, die wirklich Leidtragenden sind unsere Kinder.“ Mit diesen Worten hat eine Mutter aus Isernhagen gestern bei einer Verdi-Informationsveranstaltung gefordert, die Eltern zu mobilisieren. „Die Eltern müssen auf die Kommunen Druck machen.“ Verdi-Sekretärin Birgit Schütte betonte, die Erzieher wüssten sehr wohl um ihre Verantwortung für Kinder, niemand streike leichten Herzens.

Allerdings hielt Schütte dagegen: „Wenn Arbeitnehmer mit ihren Forderungen nicht gehört werden, dann können sie in den Streik treten. So funktioniert Demokratie“, sagte sie. Eine Mutter bemängelte, dass sie erst am Mittwoch über den Streik informiert worden sei. Jürgen Hohmann, Mitglied des Verdi-Gewerkschaftsrates auf Bundesebene, sagte, es gebe ein klares Vorgehen bei Tarifauseinandersetzungen. Erst müssten die Verhandlungen für gescheitert erklärt, dann eine Urabstimmung unter den Gewerkschaftsmitgliedern durchgeführt werden. Wenn 75 Prozent für Streik votierten, könnte ein Ausstand ausgerufen werden. „Vorher können wir das gar nicht bekanntgeben.“ Sobald es von den Arbeitgebern ein ernstzunehmendes Angebot gebe, werde Verdi an den Verhandlungstisch zurückkehren. Die meisten Eltern, die zum Info-Abend gekommen waren, zeigten Verständnis für die Forderungen der Erzieher. Allzu lange sollte der Streik aber nicht dauern, hieß es.

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