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Aus der Stadt So schlimm traf das Hochwasser Hannover 1946
Hannover Aus der Stadt So schlimm traf das Hochwasser Hannover 1946
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19:01 27.07.2017
Von Conrad von Meding
Calenberger Neustadt: Mit einem Boot bewegen sich Helfer durch die Adolfstraße. Quelle: Hauschild/HMH
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Hannover

„Wenn ich heute durch die Calenberger Neustadt, Linden oder Ricklingen gehe, dann erscheinen diese Bilder immer wieder vor meinem inneren Auge“, sagt Dieter Tasch. Der heute 89-jährige, langjährige HAZ-Redakteur hat damals als Jungreporter das Hochwasser begleitet, das die kriegszerstörte Stadt im Februar 1946 erwischte und die ohnehin notleidende Bevölkerung heftig traf. Am 9. Februar waren nach schweren Regenfällen und Tauwetter im Harz die ersten Dämme gebrochen, das Wasser flutete weite Teile des westlichen Hannovers. Alle Kartoffel- und Gemüsevorräte, von den Haushalten in Kellern aufbewahrt, waren verloren. 51 Trafostationen wurden überflutet - bis Ende Februar gab es keinen Strom mehr. Die Menschen froren in der Eiseskälte. „Das ist ein Ereignis, das sich im Gedächtnis eingebrannt hat“, sagt Tasch heute.

Die drei schlimmsten Hochwasser seit dem Weltkrieg hatten 5,89 Meter (1981), 5,97 Meter (2003) und 6,44 Meter (1946) betragen. 

Bis zu drei Meter hoch stand das Wasser in den Straßen. Annähernd 17 Millionen Quadratmeter des Stadtgebiets standen damals unter Wasser. Die Gewölbe im Rathaus waren geflutet, das provisorisch eingerichtete Stadtarchiv stand unter Wasser. Tausende Verwaltungsakten wurden ein Opfer des Wassers. Die Mitarbeiter des Stadtarchivs konstatierten später, dass 80 Prozent der schriftlich überlieferten Stadtgeschichte Hannovers zerstört seien. Auch das Staatsarchiv, in das die Briten gerade erst Akten aus der Welfengeschichte zurückgebracht hatten, wurde geflutet.

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Das Friederikenstift war komplett von der Umgebung abgeschlossen, ein Feuerwehrboot scheiterte beim Versuch, 200 warme Mahlzeiten zu bringen, die das Rote Kreuz zubereitet hatte. Auch der Chefarzt gelangte erst einen Tag später in die Klinik. In Ricklingen setzen die Briten einen Schwimmpanzer ein und versuchen, eingeschlossene Menschen aus ihren Häusern zu holen - vergeblich. 1000 Helfern von Feuerwehr, Hilfspolizei und Rettungsdiensten gelingt es aber, knapp 1500 Menschen aus den Wassermassen ins Trockene zu holen.

Der damalige Jungredakteur Dieter Tasch sah, wie eine Stadtbahn im Wasser stecken blieb. Die Fluten seien so stark gestiegen, dass Fahrgäste und Schaffner nicht mehr fliehen konnten. „Sie stiegen alle aufs Dach und mussten die Nacht dort ausharren.“ 71 Straßenbahnwagen, etwa 20 Prozent des Bestands, waren danach außer Betrieb.

Drei Tage lang funktioniert kein Strom, keine funktionierenden Toiletten, auch das Gaswerk an der Glocksee war komplett abgesoffen und wird ein halbes Jahr lang nicht mehr funktionieren, das Kraftwerk der Preußen Elektra in Ahlem außer Betrieb. Die Stadtregierung gibt 3000 Liter Petroleum als Sonderkontingent frei, in Lindener und Ricklinger Geschäften werden Haushaltskerzen verteilt. Durchnässte Fleischwaren müssen im Schlachthof auf der Bult abgegeben werden, um sie zu überprüfen, damit sich keine Seuchen ausbreiten.

Danach wurden die Deiche erhöht. Hannover wurde auch 1981 und 2003 von schweren Hochwassern heimgesucht - aber so schlimm wie 1946 wurde keines mehr.