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Aus der Stadt So sind wir!
Hannover Aus der Stadt So sind wir!
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13:40 20.08.2009
Von Thorsten Fuchs
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Der Berliner: Herz auf dem rechten Fleck, aber auch gern mal etwas ruppig. Schwaben? Pfiffige, aber mitunter kleingeistige Seelen. Die Kölner: ausgelassen, doch mitunter flüchtige Gesellen. Und die Hannoveraner? Zuverlässig, umgänglich, aber schwer zugänglich und etwas bieder.

Alles bloß Klischees? Dümmliche Vorurteile, gestreut von Neidern? Nein, ganz so einfach ist es wohl nicht. Zum einen scheint die Alltagserfahrung immer mal wieder das eine oder andere Stereotyp über Städte und ihre Bewohner zu bestätigen. Zum anderen gibt es Erklärungen für solche regionalen Mentalitäten, auch im Falle Hannovers. An einen „realen Kern“ glaubt jedenfalls Detlev Claussen, Professor für Soziologie an der Leibniz Universität Hannover.

So sei es der Protestantismus, der das Wesen der Hannoveraner geprägt habe. Dessen Ideal der Innerlichkeit wirke trotz des Bedeutungsverlusts der Religion nach, meint Claussen: „Da gibt es Erbschaften“ – auch wenn diese den Menschen nicht bewusst seien. Unterschiede im Lebenstempo und Lebensstil seien jedenfalls nicht zu leugnen.

Ihre Macht und Langlebigkeit verdanken solche Klischees jedoch vor allem einem menschlichen Grundbedürfnis: dem Wunsch, sich eine komplizierte Wirklichkeit mit ein paar Schablonen der Wahrnehmung etwas übersichtlicher zu gestalten. „Wir alle gebrauchen Vorurteile jeden Tag“, sagt Claussen, „sie machen uns in einer komplexen Welt überhaupt erst handlungsfähig.“ Zudem sind es oft die Nachbarn, die für Verbreitung von Bosheiten sorgen: Im Zweifel werden die Braunschweiger alle negativen Bilder über die Landeshauptstadt Hannover in die Welt tragen.

Wer sich allerdings am Stereotyp des Hannoveraners und am mäßigen Image der Stadt stört, dem sei empfohlen: einfach ignorieren. „Wer direkt auf ein Vorurteil losgeht, hat keine Chance“, sagt Claussen. Deshalb blieben auch sämtliche Imagekampagnen erfolglos. Dafür werde viel zu viel Geld ausgegeben, meint der Soziologe. Korrigieren ließen sich Klischees allein durch Erfahrungen – dafür ist Claussen selbst ein gutes Beispiel. In den siebziger Jahren war er jedenfalls entsetzt über die Aussicht, als Assistent von Oskar Negt von Frankfurt nach Hannover ziehen zu müssen.

Seine Ansichten über die Stadt hat Claussen inzwischen jedoch längst revidiert – zumal Hannover sich gerade im Umfeld der Weltausstellung sehr zum Positiven gewandelt habe. „Da wurde Weltoffenheit nicht nur behauptet, sondern auch bewiesen.“ Viele der ihm anfangs so reserviert erscheinenden Hannoveraner sind ihm längst zu langjährigen Freunden geworden – und Claussen hat seine Stereotypen korrigiert: „In Bremen“, sagt der Soziologe, „ist das mit der Zurückhaltung viel schlimmer.“