Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt So spielt es sich gegen einen Weltklasse-Tennisspieler
Hannover Aus der Stadt So spielt es sich gegen einen Weltklasse-Tennisspieler
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:16 02.02.2018
HAZ-Redakteur Felix Harbart hat lange nicht mehr auf dem Tennisplatz gestanden. Was könnte besser sein, als gegen Nicolas Kiefer wieder zu beginnen?
HAZ-Redakteur Felix Harbart hat lange nicht mehr auf dem Tennisplatz gestanden. Was könnte besser sein, als gegen Nicolas Kiefer wieder zu beginnen? Quelle: Schaarschmidt
Anzeige
Hannover

Nicolas Kiefer ist ein höflicher Mensch, und deshalb sagt er vorsorglich, wo sein Aufschlag hinkommen wird: „Auf die Rückhand.“ Dann wirft er den Ball hoch, streckt sich kaum merklich, und der Ball schlägt ein. Auf der Rückhandseite, das schon, aber eben direkt auf der Linie. Und, nun ja: arg schnell. Der Ball knallt hinten gegen die Wand, da hat Kiefer schon den nächsten in der Hand. So ungefähr muss man sich das also vorstellen, wenn die frühere Nummer 4 der Tennis-Weltrangliste aufschlägt. 

Für mich ist die Tennisstunde mit dem früheren Profi eine Reise in die Vergangenheit. Als Teenager ein Vielspieler, habe ich in den vergangenen 20 Jahren nur noch sehr gelegentlich einen Schläger in der Hand. Das ist auch für die Fitness nicht gut – nicht die idealen Voraussetzungen, einen halbwegs passablen Tennispartner abzugeben. 

Früher, vor dem Fernseher, hat sich unser Autor immer gefragt: Wie wäre es wohl, selbst gegen einen Top-Ten-Spieler Tennis zu spielen? Wie gut sind die genau? Gut, dass die frühere Nummer 4 der Welt in Hannover lebt: Nicolas Kiefer.

Kiefer dagegen hat mit dem Ende seiner aktiven Profikarriere im Jahr 2010 keineswegs vom Tennis abgelassen – ganz im Gegenteil. Er ist Trainer und Berater der Tennis Base des Niedersächsischen Tennisverbandes (NTV) in der hannoverschen Südstadt, und gemeinsam mit mehreren anderen Ex-Profis wie dem Schweden Tomas Enqvist und dem Tschechen Radek Stepanek spielt er nach wie vor um Punkte: In der Ü-30-Bundesliga, die er im vergangenen Jahr mit seinem Team aus Ratingen auch gewann. Gleichzeitig bereitet er sich derzeit wieder einmal auf einen Marathon vor. Kurz: Kiefer ist nach wie vor fit und austrainiert. Der 40-Jährige wirkt, als könnte er morgen ohne größere Probleme wieder auf ein großes Turnier fahren.

All das spiegelt wider, wie Kiefer als Profi war – und warum er überhaupt so weit gekommen ist. „Du kannst ein Spiel verlieren, weil du schlecht spielst oder der Gegner besser ist“, sagt er. „Aber du darfst nie verlieren, weil die Fitness nicht stimmt.“ Das sagt er auch den Jugendlichen, die das Internat der Tennis Base besuchen. Die haben morgens anderthalb Stunden Training, dann Schule, dann wieder anderthalb Stunden Tennistraining, gefolgt von einer Konditionseinheit. Trotzdem, findet Kiefer, könne man ja wohl hin und wieder noch eine Runde um den Maschsee drehen, morgens zum Beispiel. „Was weiß ich, wie oft ich früher um den See gelaufen bin“, sagt er.

Am Ende steht es 1:10

Ja, wäre ich mal öfter um den Maschsee gelaufen. Dann hätte ich vielleicht auch bessere Karten beim langen Tie-Break gegen Kiefer. Der bemüht sich wirklich, mir Chancen zum Punkten zu bieten, aber meine Form gibt das nicht her. Die Rückhand zu zaghaft, die Vorhand überhastet – am Ende steht ein 1:10 aus meiner Sicht zu Buche, das nur deshalb nicht standesgemäß ist, weil selbst der eine Punkt noch eine milde Gabe Kiefers ist. 

Der spart unterdessen nicht mit Aufmunterung, und man kann sich vorstellen, dass er auf diese Weise auch Nachwuchsspieler aufbauen kann. „Es gibt immer Phasen in der Karriere eines jungen Spielers, in denen einfach nichts klappt“, sagt er. „Dann muss man viel reden und auch viel zuhören. Und meistens platzt der Knoten irgendwann.“ Gleichzeitig ist der Ex-Profi auch dann gefragt, wenn die Karriere eines Teenagers nicht so vielversprechend ist, wie er oder sie sich das gedacht hatte – oder auch die Eltern. Immer zum neuen Schuljahr müssen sie in der Tennis Base entscheiden, wer weiter dabei sein wird und wer nicht. Dann müssen Kiefer und seine Kollegen hin und wieder erklären, warum es für den einen oder die andere nicht mehr reicht. „Das muss dann eben leider manchmal sein“, sagt er.

Eine sehr hannoversche Sicht auf die Dinge 

Kiefer selbst ist ein Kind der Tennisakademie des NTV. Mit 14 begann der gebürtige Holzmindener, in der hannoverschen Südstadt zu trainieren. Nach dem Abitur dann zog Kiefer nach Hannover – und nie wieder weg. „In Hannover hatte ich zu meiner Profi-Zeit alles, was ich brauche – und so ist es auch heute“, sagt er. Damals waren die Trainingsmöglichkeiten und die Nähe zu guten Ärzten wichtig, heute ist Kiefer in Hannover zu Hause. Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin und seiner siebenjährigen Tochter wohnt er in der Stadt – viel mehr gibt er über sein Privatleben nicht preis. Aber hat er nie über einen Umzug nach Monaco, London oder Florida nachgedacht? „Was soll ich da?“, fragt Kiefer. Zum Beispiel Monaco: „Was habe ich davon, Steuern zu sparen, wenn wir uns dort nicht wohlfühlen?“ Das ist eine sehr hannoversche Sicht auf die Dinge. 

Zu dieser Sicht gehört auch, den jungen Spielerinnen und Spielern beizubringen, dass es eine Welt jenseits des Tennisplatzes gibt. „Wenn du mit Scheuklappen herumläufst, hilft dir das auch auf dem Platz nicht“, sagt Kiefer. Also ermutigt er sie, zwischendurch auch mal etwas anderes zu machen, Arbeitsethos hin oder her. „Mal in die Stadt, mal ins Kino, solche Sachen.“ Und auch mal feiern? Kiefer winkt ab. „Theoretisch ja, aber dazu sind sie meist viel zu müde.“ 

Kiefer ist mein Agassi

A propos müde: Nach einer guten Stunde ist mein Tennis-Comeback vorbei. Einen Gutteil davon hat der frühere Weltklassespieler mir die Bälle so zugespielt, dass ich kaum anders konnte, als hin und wieder auch einen zu treffen. „Das ging mir früher mit Typen wie Agassi oder Kafelnikov so“, sagt Kiefer. „Die haben so ein super Tennis gespielt, dass man einfach das Tempo mitgehen musste – und da wurden dann die besten Matches draus.“

So gesehen ist Kiefer mein Agassi. Aber eben ein sehr hannoverscher, was die ganze Sache noch ein Stück sympathischer macht.

Von Felix Harbart