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Aus der Stadt So voll sind Hannovers Hörsäle
Hannover Aus der Stadt So voll sind Hannovers Hörsäle
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00:26 14.11.2015
Von Bärbel Hilbig
Die Luft ist überheizt und stickig, der Hörsaal voll - Hannovers Studierende ärgern sich über überbelegte Kurse und Hörsäle. Quelle: Schaarschmidt
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Hannover

Der Hörsaal ist voll, die Luft stickig und überheizt, dabei hat die Übung „Grundlagen der Elektrotechnik 1“ noch gar nicht begonnen. Zwei Freunde nehmen es mit Humor – sie knobeln um den Sitzplatz, der Verlierer trollt sich auf die Treppenstufen, wo bereits einige Studenten sitzen. Überpünktlichkeit verschafft hier entscheidende Vorteile.
Manche der angehenden Wirtschaftsingenieure der Leibniz-Uni machen auf dem Absatz kehrt. „Einige kommen erst gar nicht“, berichtet ein Student. Angesichts des Andrangs hat die Uni-Verwaltung die Veranstaltung geteilt – notfalls gibt es mit Glück bei dem Ausweichtermin noch Platz. „Das Mikro ist heute nicht so toll, hört mich jeder?“, fragt die Dozentin. Und schiebt noch lakonisch nach: „Hat jeder einen Platz gekriegt? Zumindest beschwert sich keiner.“

Damit hat sie nicht ganz recht. Der AStA der Leibniz-Universität schlägt Alarm. Studentensprecher aus verschiedenen Fakultäten sorgen sich um die Studienbedingungen. Endgültige Daten gibt es zwar erst im Laufe des Monats, doch bereits jetzt steht fest, dass die Zahl der Studierenden an der Leibniz-Universität noch einmal gestiegen ist. Die Hochschulleitung geht bisher von rund 4470 Erstsemestern und einer Gesamtzahl von etwa 26 770 Studenten aus – tausend mehr als vergangenes Jahr. Im Wintersemester 2010 zählte die Uni noch 20 700 Studierende. Das Rekordhoch führt nach Einschätzung des AStA zu massiven Problemen im Lehrbetrieb.

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Die Luft ist überheizt und stickig, der Hörsaal voll - Hannovers Studierende ärgern sich über überbelegte Kurse und Hörsäle.

So berichtet Marleen Siering vom Fachrat Romanistik, dass die Pflichtsprachkurse für Spanisch überbelegt sind. „Laut Kursbeschreibung dürfen höchstens 20 Studenten teilnehmen. Das ist auch sinnvoll, denn schließlich sollen die Studenten die Sprache später als Lehrer fließend sprechen.“ In den beiden Einstiegskursen lernten jetzt jedoch jeweils fast 30 Erstsemester. Damit sinken die Chancen, auch mal zu Wort zu kommen und die Sprache so zu praktizieren. Die Spanischstudenten können aber auch nicht auf das nächste Semester warten, denn sie müssen im Studium sechs aufeinander aufbauende Pflichtkurse besuchen. „Das Problem besteht nicht erst seit diesem Jahr“, sagt Marleen Siering.

Der AStA hat jetzt ein Internetformular eingerichtet, mit dem Studenten überbelegte Veranstaltungen melden können. Die Leibniz-Uni will, wie in anderen Jahren, möglichst nachsteuern. „Zur Vorlesung ‚Programmieren 1‘ haben sich offenbar über 700 Studenten angemeldet, obwohl sie von 20 bis 22 Uhr läuft“, berichtet Bodo Steffen vom AStA. In den Hörsaal passten allerdings nur 400 Menschen.

Jan Heinemann vom Fachschaftsrat der Philosophischen Fakultät beklagt, dass die Anfängerseminare in Geschichte fast alle 30 bis 45 Teilnehmer haben. „Für konstruktive Diskussionen ist das zu viel. Stattdessen werden in jeder Sitzung mehrere Referate gehalten, damit jeder seine Studienleistungen erfüllt“, kritisiert Heinemann. Auch der Vorsitzende der Landeshochschulkonferenz Niedersachsen, Professor Wolfgang-Uwe Friedrich, beklagte kürzlich, dass sich das Betreuungsverhältnis Student-Professor verschlechtert hat. „Das hat sich jetzt verschärft, weil wir mittlerweile die Hälfte eines jeden Jahrgangs in den Hochschulen haben.“

Uni-Präsident Volker Epping schließt sich dem mit Blick auf seine Hochschule nur mit Einschränkungen an. Viele der zusätzlichen Studenten an der Leibniz-Uni hätten jetzt Fächer belegt, die vorher ungenügend ausgelastet waren. „Wir müssen eine Auslastung von 80 Prozent erreichen, sonst drohen uns ab diesem Jahr Strafzahlungen.“

Für kleinere Seminare sieht der Uni-Präsident in vielen Fächern keinen Spielraum. Die Uni könne den Betreuungsschlüssel nicht eigenmächtig verändern. „Das Zahlenverhältnis Professor-Student bestimmen nicht wir. Die Normwerte sind vom Land festgelegt.“ Da die Studenten viele Veranstaltungen frei wählen können, seien zudem manche Seminare stark besucht, andere weniger. „Wir bemühen uns, jedem einen Sitzplatz zu verschaffen. Vorher kalkulieren, wie viele kommen, können wir oft nicht.“

Ein Grundproblem ist aus Eppings Sicht die zu geringe dauerhafte Finanzierung der Hochschulen. „Es mangelt uns an Grundfinanzierung, weil diese seit 2005 eingefroren ist.“ Wenn in einem Fach die Studentenzahlen über die Auslastungsgrenze steigen, kann die Uni mit Mitteln aus dem Hochschulpakt befristet Dozenten einstellen. Von den rund 2980 wissenschaftlichen Mitarbeitern waren 290 Beschäftigte (Stand Dezember 2014) aus Hochschulpaktmitteln finanziert. Allerdings ist der gesamte Hochschulpakt zeitlich bis 2020 begrenzt. Das führt bereits jetzt zu Engpässen, berichtet Epping. „In Mathematik haben wir ein Riesenproblem, befristete Stellen zu besetzen.“

Das sind die begehrtesten Studiengänge

Die meisten Erstsemester gibt es dieses Wintersemester in den Studiengängen Wirtschaftswissenschaften (622), Maschinenbau (480), Rechtswissenschaften (370), Bau- und Umweltingenieur­wesen (330), Informatik (320), Mathe­matik (fächer­übergreifender Bachelor, 214), Wirtschaftsingenieur (209), Chemie (183) und Germanistik (fächerübergreifender Bachelor, 177). Neu unter den zehn größten Studiengängen ist die Philosophie (fächerübergreifender Bachelor) mit 176 Studienanfängern.

Auch das Interesse an einem Master-Studium steigt: Rund 1900 Studenten haben in diesem Wintersemester hiermit begonnen. Das sind 7 Prozent mehr als im Vorjahr. Die drei größten Master-Studiengänge sind Wirtschaftswissenschaften (180 Anfänger), Lehramt Sonderpädagogik (131) sowie Maschinenbau (123).
Erheblich gestiegen sind die Anfängerzahlen in Fächern, von denen manche bisher nicht ausgelastet waren. Die Bachelor-Studiengänge Geodäsie und Geoinformatik (Erdbeobachtung und -vermessung) haben im Wintersemester 47 Anfänger (plus 96 Prozent), Physik 129 Erstsemester (plus 61 Prozent), Meteorologie 49 (plus 53 Prozent) und Physik im fächerübergreifenden Bachelor 97 (plus 47 Prozent).

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