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Aus der Stadt So war die „Rocky Horror Show“ in der Swiss Life Hall
Hannover Aus der Stadt So war die „Rocky Horror Show“ in der Swiss Life Hall
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11:39 09.04.2018
Richard O’Brien’s „Rocky Horror Show“ in der Swiss Life Hall in Hannover. Quelle: Heusel
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Hannover

 Der Weg ins Raumschiff des unersättlichen Hedonisten Frank'n'Furter vom Planeten Transsexual führt durch große Mengen von Testosteron und Bier: Das Musicalpublikum der „Rocky Horror Show“ in der Swiss-Life-Hall trennt sich erst nach der Stadionbrücke von den Besuchern des fast gleichzeitig beginnenden Fußballspiels in der HDI-Arena. Die Männer mit den grünen Schals und die mit den Strapsen teilen sich freudige Erwartung und eine gewisse Form von Enthemmtheit. 

Diese Show hat viele Fans: Richard O’Brien’s Rocky Horror Show gastiert in der Swiss Life Hall in Hannover.

Über jede Moral erhaben

Nur die Anlässe unterscheiden sich. Die schrillen Tabubrüche der „Rocky Horror Show“ werden in wenigen Wochen 45 Jahre alt, die Botschaft des Musicals hat sich nicht geändert: „Don't dream it, be it!“ Sie lockt mehr als 6000 Besucher zu den vier Aufführungen am Wochenende. Dass der Trans- und Bisexuelle Frank'n'Furter und seine außerirdische Gesellschaft in der Inszenierung von Sam Buntrock keinesfalls ihren Schwung bei der Selbstverwirklichung verloren haben, wird spätestens in den Stücken „Floorshow“ und „Rose Tint My World“ mit ihren punktgenauen Choreografien deutlich. „Whatever happened to Fay Wray“, singt Frank'n'Furter auf King Kongs Handfläche, und für Augenblicke erwachen Trash und Glamour des Filmklassikers von 1933 zum Leben, in dem eben Fay Wray die vom Riesenaffen entführte Frau spielt. Wie sie habe er immer sein wollen, singt Gary Tushaw als Frank'n'Furter – und verschmilzt mit ihr, im Abendkleid und mit blonder Perücke. Über jede Moral erhaben lebt er den Mut vor, zu sein, wer immer er gerade sein möchte.

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„It's not easy having a good time“, seufzt er stellvertretend für die Fans. Die „Rocky Horror Show“ ermuntert seit Jahrzehnten, sich auszuleben. Und dazu gibt es längst einen Mitmach-Kult: Regen auf der Bühne lässt das Publikum zu Wasserpistolen greifen und sich Zeitungen über die Köpfe halten, der „Time Warp“ wird in den Stuhlreihen mitgetanzt. Mit Klopapierrollen zu werfen, wenn sich Frank'n'Furters Lustgeschöpf Rocky aus seinen Bandagen befreit, hat der Veranstalter eigentlich verboten – erfolglos in einer Show, in der es ums Überschreiten von Grenzen geht. „Ihr seid 'ne ganz versaute Bande“, beschimpft Martin Semmelrogge als deutscher Erzähler lustvoll sein Publikum. Das stimmt jubelnd zu.

Vielleicht hat sich vieles rund um Richard O'Briens befreiendes Rock-'n'-Roll-Musical zu selbstverständlich ritualisiert. Seine Botschaft als verstaubt abzutun, erscheint bei näherer Betrachtung jedoch ungerechtfertigt. Heute fordern erfolgreiche Parteien den Weg zurück zur Moral der Fünfzigerjahre. Familienbild, Heimatbegriff und festgeschriebene Geschlechterrollen scheinen Halt in einer gobalisierten Welt zu versprechen. Derweil machen wieder immer mehr Staaten Jagd auf Homosexuelle. Da tut ein Blick aus dem All immer noch gut. Frank'n'Furters Diener Riff Raff und Magenta lassen am Ende die Masken fallen und dominieren in grandiosen Kostümen als fünf Meter große Aliens die Bühne – und deuten an, wie fremd eine frei gelebte Sexualität wohl weiter auf viele wirkt. Die Revolution scheint noch lange nicht abgeschlossen. Der auf Fußballfans wartende Wasserwerfer auf dem Nachhauseweg weckt unangenehme Assoziationen.

Von Thomas Kaestle