Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Sonja M. starb an Tuberkulose
Hannover Aus der Stadt Sonja M. starb an Tuberkulose
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
23:28 25.07.2012
Von Tobias Morchner
Ein Polizist hängt am Mittwoch ein Fahndungsplakat in Linden-Nord auf. Quelle: Christian Elsner
Hannover

Der Fall der toten Frau, die am Freitag im hannoverschen Stadtteil Linden in einem Pappkarton gefunden wurde, hat am MIttwoch eine dramatische Wendung genommen. Wie das Gesundheitsamt der Region mitteilte, verstarb die 28-jährige Sonja M. an den Folgen einer Tuberkuloseerkrankung.

Der Befund war den Medizinern bereits am Montag von den Kollegen des rechtsmedizinischen Instituts der Medizinischen Hochschule Hannover übermittelt worden, wo der Leichnam der 28-Jährigen obduziert worden war. Seit Montag setzen die Experten der Tuberkulose-Beratungsstelle unter Leitung der Lungenspezialistin Helga Heykes-Uden alles daran, Menschen ausfindig zu machen, die direkten Kontakt mit der Verstorbenen gehabt haben. „Es geht uns darum, die Quelle der Infektionserkrankung ausfindig zu machen, denn irgendjemand muss der Frau schließlich die Bakterien übertragen haben“, sagte Heykes-Uden am Mittwoch.

Sonja M., die am Freitag tot in einem Pappkarton in Linden-Nord entdeckt wurde, starb an Tuberkulose. Die Polizei sucht nach Menschen, die mit ihr Kontakt hatten, um eine Ausbreitung der Krankheit zu verhindern.

Sonja M. muss bereits seit einiger Zeit an der Krankheit gelitten haben. Einen genauen Zeitraum können die Ärzte nur schwer eingrenzen. „Fest steht nur, dass sie schon länger erkrankt gewesen sein muss, sonst stirbt man nicht an Tuberkulose“, sagt Hans-Bernhard Behrends, Leiter des Fachbereichs Gesundheit der Region. Offenbar hat sich die junge Frau nicht ärztlich behandeln lassen.

Da die durchschnittliche Inkubationszeit bei Tuberkulose vier Monate beträgt, versucht das Gesundheitsamt zunächst die Menschen zu kontaktieren, die innerhalb der vergangenen sechs Monate Kontakt zu der 28-Jährigen gehabt haben. Doch bislang weiß nicht einmal die Polizei, wo sich Sonja M. in den zurückliegenden Wochen und Monaten aufgehalten hat und in wessen Begleitung sie regelmäßig war.

Die Personalien der jungen Frau, die dem Drogenmilieu zugerechnet wird, waren in der Kartei der Ermittler mit dem Vermerk „owi“ versehen – „ohne festen Wohnsitz“. Aus diesem Grund hat das Gesundheitsamt bislang lediglich die Betroffenen benachrichtigen können, die der Polizei bekannt waren. Dabei handelt es sich um die Familie der Toten und die Zeugin, die den entscheidenden Hinweis auf die Identität der zunächst unbekannten Leiche gegeben hatte. „Sie haben eine freundliche Aufforderung von uns erhalten, hier vorstellig zu werden“, berichtet Helga Heykes-Uden. Sollten sie der Aufforderung nicht freiwillig nachkommen, werden sie unter Zwang zur Untersuchung gebracht.

Auch die Mitarbeiter der Reinigungsfirma, die den Pappkarton mit der Toten am frühen Freitagmorgen in der Salzmannstraße entdeckt hatten, sowie die Bestatter und die Polizisten, die als erste vor Ort waren, müssen sich einer genauen medizinischen Untersuchung unterziehen. In etwa acht Wochen kann mittels eines Bluttests, dem sogenannten Interferon-Gamma-Test, eine Tbc-Infektion im Körper nachgewiesen werden. Fällt der Test positiv aus, muss die Lunge des Patienten geröntgt werden. Erst danach lässt sich eine eindeutige Infektion feststellen.

Gegenüber der Grundschule Salzmannstraße haben Mitarbeiter einer Reinigungsfirma am Freitagmorgen im Gebüsch eine Frauenleiche in einem Pappkarton gefunden.

Eine Tbc-Infektion führt lediglich in etwa zehn Prozent der Fälle zu einer Erkrankung. Besonders gefährdet sind Menschen mit einem geschwächten Immunsystem sowie Kleinkinder. Um sich mit der Krankheit anzustecken, muss der Betroffene im Schnitt über drei Monate hinweg insgesamt mindestens acht Stunden lang in Kontakt mit einer an offener Tuberkulose erkrankten Person gestanden haben. In Ausnahmefällen kann es aber auch schneller gehen. Das bedeutet, dass für die Anwohner und Passanten rund um den Fundort der Leiche vermutlich keine Gefahr besteht.

Dort verteilten vier Ermittler der Polizei am Mittwochnachmittag Plakate und Handzettel mit einem Foto der toten Frau. Sie erhoffen sich dadurch, entscheidende Hinweise auf Kontaktpersonen von Sonja M. zu bekommen. „Wir bekommen nur positive Reaktionen auf die Aktion, man merkt, dass die Leute in diesem Viertel mitgenommen sind von den Geschehnissen“, sagt einer der Beamten. Die Fahnder wollen unter anderem wissen, wo sich die 28-Jährige in den Tagen vor ihrem Tod aufgehalten hat und wer am Freitagmorgen verdächtige Personen in der Salzmannstraße beobachtet hat.

Reinigungskräfte waren am 20. Juli auf einen zugeklebten Karton gestoßen. Darin befand sich die Leiche von Sonja M. Die Tote trug lediglich ein rotes T-Shirt und Socken.

Tuberkulose ist weltweit verbreitet

Tuberkulose zählt weltweit immer noch zu den am weitesten verbreiteten Krankheiten. Durchschnittlich jeder dritte Mensch weltweit ist nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation infiziert, jeder Zehnte erkrankt. Das Gesundheitsamt der Region registrierte im vergangenen Jahr 60 neue Tuberkuloseerkrankungen, drei Menschen starben an den Folgen einer Tbc-Infektion. Im Jahr davor wurden 58 Neuerkrankungen und zwei Todesfälle gemeldet. Für dieses Jahr prognostiziert die Behörde einen Anstieg der Fälle im Vergleich zu 2011.

„Die Zahlen des ersten Halbjahres liegen höher als im gleichen Zeitraum 2011“, sagt Helga Heykes-Uden, die Leiterin der Tuberkuloseberatungsstelle. Die Krankheit, die früher auch unter dem Begriff Schwindsucht geläufig war, wird über Tröpfchen übertragen. Sie macht sich in der Regel zunächst nur durch allgemeine Beschwerden wie Husten, Müdigkeit, Appetitlosigkeit und vermehrte Schweißbildung bemerkbar. „Sollten die Beschwerden über einen längeren Zeitraum hinweg auftreten, sollte ein Arzt oder eine Beratungsstelle aufgesucht werden“, rät Heykes-Uden. Die Bakterien greifen in der Regel zunächst das Lungengewebe an. Im Verlauf der Krankheit können auch andere Organe wie die Nieren oder bestimmte Knochen in Mitleidenschaft gezogen werden.

Weitere Auskünfte über Tuberkulose erteilt das Gesundheitsamt unter der Nummer (0511) 61 62 28 88.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Mehr zum Thema

Tuberkulose zählt mit jährlich fast neun Millionen Neuerkrankungen zu den schlimmsten Infektionskrankheiten weltweit. 

Im Fall der verstorbenen Sonja M., deren Leichnam in einem Pappkarton abgelegt wurde, herrscht nun Gewissheit über die Identität der jungen Frau. Ein DNA-Abgleich hat ergeben, dass es sich bei der Toten tatsächlich um die 28 Jahre alte Hannoveranerin handelt.

Vivien-Marie Drews 25.07.2012

Die Frau, deren Leichnam in einem Pappkarton in Linden-Nord abgelegt wurde, ist identifiziert. Wie die Polizei am Montag mitteilte, handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um die 28-jährige Sonja M. aus Hannover. Ein DNA-Abgleich, der hundertprozentige Gewissheit bringen soll, steht allerdings noch aus.

Vivien-Marie Drews 23.07.2012

Die stillen Stars beim Kleinen Fest: Wie zwei Niederländer ihren Vögeln beibrachten, in Reih und Glied zu marschieren. Eine Gänseschar begeistert die Besucher im Großen Garten.

Bärbel Hilbig 28.07.2012

Hannovers Stadtverwaltung wird den Kommunalpolitikern nach der Sommerpause ein „Handlungskonzept bei Beschwerden über Alkoholkonsum auf öffentlichen Plätzen“ vorlegen. Darin erläutert die Stadtverwaltung dezidiert, wie sie bei allzu exzessiven Trinkgelagen vorgehen will.

Andreas Schinkel 25.07.2012
Aus der Stadt Millionenprojekt in Hannover - Landtag wird nicht abgerissen

Neustart statt Abriss: Beim denkmalgeschützten Plenargebäude des Landtags haben sich jetzt die Befürworter von Sanierung und Umbau durchgesetzt.

28.07.2012