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Aus der Stadt Sehr speziell
Hannover Aus der Stadt Sehr speziell
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07:39 09.11.2015
Von Ronald Meyer-Arlt
Quelle: Frank Wilde
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Hannover

Einmal schreit sie in Publikum. Ohne Mikrofon. Ein langgezogener Ruf ist das, der locker durch das fast ausverkaufte Capitol bis nach hinten zur letzten Reihe dringt. Es ist eine kleine Demonstration ihres Könnens. Sophie Hunger hat eine starke, charakteristische und weit tragende Stimme. Leicht verhaucht ist sie in den leisen Moment, klar und strahlend, wenn sie lauter wird. Es ist keine wirklich schöne, aber eine große Stimme.

Viel Sehnsucht schwingt in ihren Liedern mit und Wut und oft auch ein Lachen. Und manchmal ist die Stimme wie ein Flüstern, auch wenn sie ein Schrei ist. Es ist verblüffend. Sophie Hunger ist eine starke, große Sängerin von unerhörter Präsenz. Aber in ihren Ansagen macht sie sich manchmal ganz klein. Zu Beginn sagt sie: „Seit zwei Jahren waren wir nicht mehr in Hannover. Das heißt, dass wir erst in zwei Jahren wiederkehren werden. Deshalb ist das hier sehr speziell: Der Eindruck, den wir jetzt voneinander gewinnen, wird zwei Jahre gültig sein.“ Dann macht sie eine Pause und fügt, sehr leise an: „Ich habe Angst“. Kleinmädchencharme. Die Leute lachen.

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Sophie Hunger: Bilder vom Konzert im Capitol Hannover.

Die Angst ist übrigens absolut unangebracht. Denn das Publikum (viel Linden, viel List, etwas Südstadt) ist auch sehr speziell. Die meisten Besucher gewinnen hier keinen Eindruck von Sophie Hunger. Denn sie haben schon einen: einen guten. Viele erkennen die Lieder (auch die des neuen Albums „Supermoon“), kaum dass sie angespielt werden.

Als Sophie Hunger ihr Lied „Spaghetti mit Spinat“ ankündigt, jubeln die Zuhörer. Was die Sängerin lässig mit „Ja, ich weiß, es ist krass gut“ kommentiert. Das ist es wirklich. „Spaghetti mit Spinat“ ist ein Lied über einen sehr schönen Menschen, der nichts tun muss, damit alle ihn toll finden. Nur wenn es darum geht, etwas in Gästebücher zu schreiben, steht er dumm da. Aber das macht nichts. Das könnte ja die Frau übernehmen, die eigentlich gut allein klarkommt (auch wenn sie Spaghetti mit Spinat im Stehen isst).

Das Lied hat das meiste dessen, was gute Hunger-Lieder ausmacht: einen witzigen Text, volksliedhafte Elemente, Bruchstücke schöner Melodien, ein paar jazzige Verrücktheiten und den Wumms einer Rocknummer. Sophie Hunger treibt hier ihre typische Silbenverzögerungstaktik (immer kurz vorm Stottern) und ihre sehr speziellen Betonungen recht weit. Ein charmantes, starkes Stück.

Sophie Hunger singt deutsch, englisch, französisch und schweizerdeutsch, sie spielt Gitarre und Klavier, sie singt Balladen, Jazz- und Rocknummern. Sie tanzt mal wild, mal verhalten. Ihre Show ist eine große Demonstration von Vielseitigkeit. Aber trotzdem gibt es da einen unverwechselbaren Kern: das Volkslied. Sie hat nichts gegen Melodien, sie nimmt sie und biegt daran herum, bis etwas Neues entsteht, am Ende ist die Melodie oft nur eine schöne Erinnerung.

Im Grunde ist sie eine Jazzerin, denn nur im Jazz geht das Sehnsuchtsvolle so leicht und schön mit dem Lässigen zusammen. Die schöne Oberfläche (superpräzise Lightshow, glänzender Klang) ist schön, aber vielleicht gar nicht nötig.

Leute, die sich für Sophie Hunger interessieren, interessieren sich auch für Wanda. Die Band gastiert am 1. Dezember im Capitol.

Simon Benne 06.11.2015
Tobias Morchner 09.11.2015