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Aus der Stadt Sophienschule sagt Schüleraustausch nach Istanbul ab
Hannover Aus der Stadt Sophienschule sagt Schüleraustausch nach Istanbul ab
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19:08 31.10.2017
Von Andreas Schinkel
Selfie mit OB Schostok: Die Austauschschüler im Rathaus. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

Klar sei aber, dass die Schüler wieder in die Türkei reisen werden. „Beim ersten Mal haben viele geweint, als sie sich von ihren Gastfamilien verabschieden mussten“, sagt Helm. Das Gymnasium Sophienschule pflegt einen Austausch mit der türkischen Alkev-Schule, einem deutschsprachigen Gymnasium in Istanbul. Weil die Reise in die Türkei abgesagt wurde, besucht jetzt kurzerhand eine Alkev-Schülergruppe Hannover – und wird sogar ins Rathaus eingeladen. „Das deutsch-türkische Verhältnis wird derzeit auf die Probe gestellt“, sagt Oberbürgermeister Stefan Schostok (SPD) beim Empfang der Schüler.

Als Chef einer Kommunalverwaltung sei er nicht zuständig für Außenpolitik, sondern kümmere sich um das Zusammenleben der Nationalitäten in Hannover. „Die Spielregeln müssen gewahrt bleiben“, sagt Schostok und verweist auf den im vergangenen Frühjahr geplanten Wahlkampfauftritt eines türkischen Politikers. Damals habe er befürchtet, dass der Auftritt des AKP-Funktionärs sprachlich entgleise. „Das wünsche ich mir nicht in Hannover“, sagt Schostok. Stadt und Land hatten die Veranstaltung am Ende abgesagt.

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Den Alltag kennnenlernen

Ein Schüleraustausch aber verdiene jede Unterstützung. Im Alltag der Jugendlichen spielt der politische Konflikt keine Rolle. „Unsere Austauschpartner wollen sich nicht so gerne damit auseinandersetzen“, sagt der 16-jährige Luitpold. Manche türkischen Schüler seien sehr vorsichtig beim Thema Politik, meint die 14-jährige Juliana. Die Alkev-Schule ist eine private Stiftungseinrichtung in Istanbul, vielfach schicken weltoffene Familien ihre Kinder zu der Einrichtung. Vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklung der Türkei ist es wohl kein Wunder, dass man sich Politdebatten in der Öffentlichkeit lieber verkneift. Der Kontakt zur Sophienschule kam über die stellvertretende Schulleiterin Derya Arbas zustande – sie stammt aus Hannover. Bei dem Austausch aber gehe es ohnehin vor allem darum, den Alltag und die andere Kultur kennenzulernen, sagt die 15-jährige Josi.

Dabei gebe es durchaus auch ganz lebenspraktische Vorteile: „Wir waren neulich gemeinsam in einem türkischen Restaurant und haben Riesenportionen bekommen.“ Zehn Tage sind die 16 türkischen Jugendlichen zu Besuch. Die Lehrer der Sophienschule haben ein buntes Programm ausgearbeitet. Unter anderem drehen die Schüler gemeinsam einen Film über ihre Lebenswelten und fahren nach Bremen. „Politik bleibt außen vor“, sagt Lehrerin Stefanie Loh.

Der 15-jährige Emir ist zum ersten Mal in Hannover. „Es gibt viele Ähnlichkeiten zwischen Deutschen und Türken, aber auch Unterschiede“, sagt er. Das Essen sei schon sehr anders, auch die Häuser, aber die Menschen, die seien eigentlich gleich. Er höre dieselbe Musik wie seine deutschen Partner, Pop-Songs und Stücke von Johann Sebastian Bach, zudem begeistere er sich für dieselben Bücher. „Nietzsche und Kafka finde ich großartig“, sagt Emir. Über Politik mag er nicht so gern sprechen. Nur so viel: „Wir sind nicht glücklich über die Situation.“

Andreas Schinkel 31.10.2017
Uwe Janssen 31.10.2017