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Aus der Stadt Sprache ist das Vehikel
Hannover Aus der Stadt Sprache ist das Vehikel
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09:14 28.10.2009
Von Felix Harbart
Bilingualer Unterricht an der Albert-Schweitzer-Grundschule. Quelle: Kris Finn

Das mit den Schweinen ist eine komische Sache. Die Deutschen essen sie, und das sei doch irgendwie erstaunlich, findet Drittklässler Gökhan. Die Türken essen sie nicht, stattdessen mehr Lamm, was immerhin erwähnenswert sei, meint Jan. Biram meldet sich und dann Zeynep; sie können erklären, warum der Prophet das Schweinessen verboten hat. Später kommt Sarah dran, zuckt mit den Schultern und präsentiert einen Erkenntnisgewinn, der im pädagogischen Erwartungshorizont nicht hübscher hätte formuliert sein können: „Jedes Land hat seine Sitten, das ist doch ganz normal.“ So sieht sie aus, die globaltheologische Gemengelage – so, wie die 3. Klasse der Lindener Albert-Schweitzer-Schule sie sieht.

Nun ist es so, dass Sarah, Jan und die anderen deutschen Kinder auch ein wenig Türkisch sprechen können. Sie wissen die meisten Obstsorten zu benennen, sie können die Zahlen und die Wochentage, und einmal hat Mitschüler Finjas ein paar türkische Jungs aus seiner Straße damit überrascht, dass er sie im Spaß in ihrer Muttersprache „Esel“ schimpfte.

Als einzige Schule Hannovers bietet die Albert-Schweitzer-Grundschule nicht nur Türkischunterricht für Muttersprachler, sondern ein bilinguales Angebot für Türken einerseits und deutsche sowie Kinder aller anderen Nationalitäten andererseits. In einem bunt durchmischten Stadtteil wie Linden ist es nicht schlecht, wenn man ein wenig Türkisch beherrscht, da ist man sich einig. Aber die Sprache an sich ist gar nicht so wichtig. „Sie ist nur das Vehikel“, sagt Direktorin Beatrix Albrecht.

Albrecht gehört nicht zu denen, die das Wort „Brennpunktschule“ mit pfiffigen Neologismen umschleichen. Noch vor einigen Jahren habe vieles im Argen gelegen an ihrer Schule, sagt sie. Kriminalität, schlechte Integration, Probleme, wie Tausende Schulleiter in Deutschland sie tagtäglich spüren. Heute kommt Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff zu Besuch in die Fröbelstraße, Hannovers Oberbürgermeister Stephan Weil ebenso. Und die Direktorin hängt die Plaketten aller Preise gut sichtbar in den Flur, die ihre Schule eingeheimst hat. Den 4. Platz im Bundeswettbewerb „Zeigt her eure Schule“ etwa, den Bundespräsidentengattin Eva Luise Köhler der Lindener Schule im Mai verlieh. Oder den Integrationspreis der Union Europäisch-Türkischer Demokraten Niedersachsen aus dem November 2008. Preise bringen Image – und bares Geld. Das braucht man, wenn man wie Albrecht „nicht dabei zuschauen will, wie die Kinder den Bach ‘runtergehen“.

Ideen dazu haben sie genug in der Fröbelstraße. Seit fünf Jahren gibt es das bilinguale Projekt, für das jedes Jahr weit mehr deutsche Eltern ihre Kinder anmelden wollen als es Plätze in der Klasse gibt. „Durch das Türkisch-Angebot bekommen die muttersprachlichen Kinder den Eindruck vermittelt, dass ihre Sprache und Kultur von Interesse ist“, sagt Klassenlehrer Waldemar Krüger. Das steigert ihr Selbstwertgefühl, ihren Spaß an der Schule und am Lernen. Zudem sei festzustellen, dass die türkischen Kinder in der bilingualen Klasse häufiger und besser Deutsch sprechen als ihre Mitschüler in den Parallelklassen. Das Integrieren des Türkischen in den Lehrplan ist in gewisser Weise ein psychologischer Trick. „Andere Kulturen und Sprachen sind positiv besetzt, haben Flair“, sagt Direktorin Albrecht. Italienisch zum Beispiel. Aber Türkisch? „Das Image von Land und Sprache ist hierzulande nicht gut.“ An der Albert-Schweitzer-Schule ist das anders: Da wollen alle in die Türkisch-Klasse.

Die bereichert nach Ansicht von Lehrern und Eltern die deutschen Kinder ebenso wie die türkischen. „Sie sind unheimlich offen für alles, was fremd und anders ist“, sagt Krüger. „Sie sind ungemein interessiert und fragen viel.“ Unterstützt wird das Angebot von vielen anderen Projekten, die helfen sollen, die türkische Gemeinschaft im Stadtteil etwas an das deutsche Leben heranzuführen. Es gibt islamischen Religionsunterricht, eine mehrsprachige Schülerzeitung und eine Kooperation mit der Musikschule, durch die die Kinder unentgeltlich ein Instrument lernen können. Der Schulsanitätsdienst ermöglicht Migranten wie Deutschen einen Einblick ins Wesen des Ehrenamtes und in das Konzept, sich für die Gemeinschaft zu engagieren – Angebote, die Migranten hierzulande bisher selten nutzen. All das soll den Kindern und ihren Eltern die Scheu vor der deutschen Kultur nehmen, sagt Direktorin Albrecht: „Kultur ist der Schlüssel zur Gesellschaft.“

Ein Stockwerk höher wendet sich die 3. Klasse erneut theologischen Fragen zu. In der Moschee müsse man die Schuhe ausziehen, was verständlich ist, weil doch überall so schicke Teppiche lägen, meint Finjas. „Da will der Chef sicher nicht, dass die dreckig werden.“ Ansonsten, haben die Schüler neulich gelernt, sind die Unterschiede zwischen den Religionen nicht groß. „Beide haben einen Gott“, sagt Finjas, „nur geben beide ihrem Gott eben einen anderen Namen.“

Informationen zum Unterrichtsprojekt gibt auf der Website www.albert-schweitzer-schule-hannover.de oder – nach den Sommerferien – telefonisch unter (05 11) 16 84 28 98.

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