Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Stadt bringt Tagesmütter in Not
Hannover Aus der Stadt Stadt bringt Tagesmütter in Not
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:23 11.07.2013
Von Bärbel Hilbig
Foto: In der „Villa Eulennest“ in Anderten kümmern sich Kirsten Blume (li.) und Anja Tänzel um Arthur-Anton, Mina, Pauline und fünf weitere Kleinkinder.
In der „Villa Eulennest“ in Anderten kümmern sich Kirsten Blume (li.) und Anja Tänzel um Arthur-Anton, Mina, Pauline und fünf weitere Kleinkinder. Quelle: von Ditfurth
Anzeige
Hannover

Bisher zahlten Eltern und Stadt am Monatsanfang. Besonders für Tagesmütter mit wenig Rücklagen entsteht eine Lücke, die sie nicht überbrücken können. Einige Betroffene erwägen eine Klage und stimmen den neuen Bedingungen nur unter Vorbehalt zu.
Eigentlich liegt der Umstellung der Zahlungen eine für Eltern und die meisten Tagesmütter erfreuliche Änderung zugrunde: Zwar hatte  sich die Stadt schon bisher an den Kosten der Tagespflege beteiligt, allerdings übernimmt sie von August an einen höheren Anteil. Dann bezuschusst sie die Kosten für Tagesmütter mit rund 1,4 Millionen Euro jährlich. Der Grund: Die Kommunen können die Betreuung bei Tagesmüttern als Alternative für einen Krippenplatz anbieten und so auch in der Statistik rechnen – aber nur dann, wenn gleiche Bedingungen zwischen Tagespflege und Krippenplatz gelten. Also zahlen Eltern für die Betreuung bei einer Tagesmutter in Zukunft genauso viel wie für einen Krippenplatz. Bisher war Tagespflege meist teurer.  Die Gebühren sind ab August je nach Einkommen gestaffelt und entsprechen den Sätzen für Krippen.

Die Zahlungen der Stadt decken neben dem Verdienst der Betreuerinnen die Betriebskosten wie Miete, Versicherungen, pädagogisches Material und Angebote von Externen sowie Essen der Kinder ab. Mit der Verschiebung der Zahlungen entsteht so eine Finanzierungslücke. 

Die Situation wird dadurch noch verschärft, dass die Stadt die Tagesmütter offiziell erst Ende Juni per E-Mail über die neue Situation informiert hat – nach Beginn der Sommerferien. Manche Betroffene und auch zuständige Mitarbeiter der Stadt befanden sich zu diesem Zeitpunkt bereits im Urlaub. „So bekommen wir quasi unangekündigt einen Monat lang kein Geld, unsere Kosten laufen aber weiter“, sagt eine Betroffene.

Unerfreulich ist auch der Papierkrieg, den Eltern und Tagesmütter mit der Änderung bewältigen müssen. Aktuell lassen gut 300 Tagespflegekräfte ihre Plätze von der Stadt vermitteln. Sie alle müssen nun bis August neue Verträge mit den Eltern der betreuten Kinder schließen. Die Familien müssen außerdem neue Anträge auf Förderung an die Verwaltung stellen.  Die Stadt verweist darauf, dass es keinen Anspruch auf Vorauszahlung gibt. Die Zahlung zum Monatsende sei generell üblich. „Dafür spricht auch, dass Betreuungen häufiger mitten im Monat enden und bei einer Vorabzahlung dann Rückzahlungen notwendig sind“, sagt Stadtsprecher Andreas Möser. Angesichts der Probleme hat die Stadt jetzt Übergangsfristen eingeräumt und will die Umstellung stufenweise bis Ende Oktober einführen. „Wenn es dennoch Schwierigkeiten gibt, helfen wir mit Vorschüssen.“

Kritik an 
Neuregelung

Die Stadt will mit ihrer neuen Satzung die Kindertagespflege den Krippen gleichstellen. Nur so kann sie Eltern, die ab August einen Anspruch auf einen Krippenplatz haben, als Alternative die Betreuung bei einer Tagesmutter anbieten.
Tagesmütter haben je nachdem, wie sie ihr Angebot bisher organisiert haben, verschiedene Kritikpunkte an der Neuregelung:

 Vertretung: Die Stadt organisiert weiterhin keine Vertretung für Tagesmütter, wenn sie wegen Krankheit, Urlaub oder Fortbildung ausfallen. Für berufstätige Eltern ist das ein großer Nachteil. Sorgt die Tagesmutter nicht auf eigene Kosten für Ersatz, springen Familien oft ab, sobald eine Krippenplatz frei wird.

Extras: Einige Tagesmütter nehmen bisher höhere Sätze als in Zukunft noch möglich. Dafür bieten sie oft Extras inklusive, wie Englisch oder Musik bei einer externen Fachkraft. Sie bemängeln, dass die Neuregelung in ihr pädagogisches Konzept eingreift, da sie sich gezwungen sehen, attraktive Leistungen zu kürzen.

Betriebskosten: Die Stadt will neben dem Stundenentgelt auch Anteile zu Miete, Sozialabgaben, Spielmaterial und Essen für die Kinder erst nachträglich zahlen. Die Tagesmütter müssen als Selbstständige dafür in Vorleistung gehen. Das unterscheidet sie von einer Krippe.

Tagesmüttern fehlt ein Monat Verdienst

Erst im März hat Tagesmutter Anja Tänzel ihre „Villa Eulennest“ in Anderten eröffnet. Seitdem kümmert sie sich gemeinsam mit Kollegin Kirsten Blume in einer umgebauten ehemaligen Gaststätte um acht kleine Kinder. „Wir haben unser komplettes Privatvermögen in die Einrichtung investiert.“ Kleine Betten und Toiletten, Spielsachen, Lätzchen und vieles mehr waren notwendig. Im Hof hat Tänzels Ehemann einen Sandkasten gebaut. Die Kinder lieben es, mit Bobbycars über den Asphalt zu sausen. Doch den möchte die 32-Jährige auch ersetzen, wenn wieder etwas Geld und Zeit da ist.

Dass die Stadt für die Betreuung der acht Kinder bald statt zu Monatsanfang erst im Nachhinein zahlen will, bringt die beiden Frauen in finanzielle Bedrängnis. Tänzel hat sich wie viele Tagesmütter vor Jahren für die Tätigkeit entschieden, als ihre eigenen Kinder geboren wurden. Der Schritt hin zu einer eigenen Einrichtung sollte ihre Berufstätigkeit stabilisieren. Und wie etliche dieser Selbstständigen, die sich per Fortbildung qualifizieren, hat Tänzel kein dickes Finanzpolster im Hintergrund. „Wir sollen nun alles vorstrecken, Miete, Strom, Bastelmaterial. Wir haben schon gewitzelt, dass die Kinder dann auch erst rückwirkend ihr Essen bekommen.“

Die Stadt sieht die Schwierigkeiten. Sie braucht qualifizierte Tagesmütter, da sie auch mit ihnen den Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz erfüllen kann. Die Verwaltung hat inzwischen angeboten, die Umstellung der Zahlungen von Monatsanfang auf -ende zu strecken. Im August soll es das Geld zum 15. geben, im September zum 20. des Monats und erst im Oktober am Monatsende.

Ein Verlust bleibt. „Ich stehe dann in drei Monaten wieder da und weiß nicht weiter“, sagt Tänzel. Die geliebte Arbeit mit Kindern will sie trotzdem möglichst nicht aufgeben. Wenn sich nichts mehr ändert, wird sie dafür wohl eine Zeit lang Schulden machen müssen. Dennoch freut sich die gelernte Restaurantfachfrau grundsätzlich über die neue Gebührensatzung der Stadt, die die Bedingungen für Tagesmütter und Krippen angleicht. Tänzel versteht das auch als Anerkennung ihrer Arbeit. „Wir haben unsere Leistung bisher günstig angeboten und stehen nun besser da.“

Andere Tagesmütter haben dagegen bisher neben dem von der Stadt vorgesehenen Stundensatz mit den Eltern einen deutlichen Aufschlag vereinbart. Diese frei ausgehandelten Preise dürfen die Kinderbetreuerinnen nicht mehr ansetzen, wollen sie sich weiter von der Stadt vermitteln lassen. Bei den „Krabbelwürmchen“ im Gesundheitszentrum am Kronsberg zahlten Eltern bisher für 40 Stunden Betreuung pro Woche rund 600 Euro, in Zukunft wären es ohne Essen 256 Euro – wie in der Krippe.

„Es sind uns immer wieder Kinder abgesprungen, wenn sie einen Krippenplatz bekamen. Mit den Preisen konnten wir nicht mithalten“, sagt Nancy Schöneck. Andere seien jedoch auch bewusst geblieben. Bei de

n „Krabbelwürmchen“ fallen vor allem wegen der rund 2000 Euro Monatsmiete sehr hohe Betriebskosten an. „Wir haben uns das selbst ausgesucht. Wir wollten diese wunderschönen Räume, die nach unseren Vorstellungen gestaltet sind“, sagt die 34-Jährige. Mit ihrer Kollegin Verena Tacke betreut sie bisher bis zu 16 Kinder, von denen maximal acht gleichzeitig da sind. Die beiden gelernten Hotelfachfrauen stellen ihr Modell nun um, um die Kosten wieder hereinzuholen. Sie nehmen nur noch acht Kinder, die Eltern müssen aber zehn Stunden pro Tag buchen. „Trotzdem werden alle weniger bezahlen als bisher.“

Drei Kindern, die nach den Ferien kommen wollten, haben sie kurzfristig abgesagt. „Die Eltern waren natürlich sehr verärgert“, sagt Schöneck. Doch sie sah keine andere Möglichkeit. Außerdem haben die beiden Frauen bei der Stadt einen Vorschuss beantragt – damit sie die Miete zahlen können. Aus Schönecks Sicht ist es besonders ungünstig, dass die Stadt die Zahlungsmodalitäten ausgerechnet im Sommer umstellt. „Dann haben wir immer einen Engpass. Wenn Kinder gehen, stellen Eltern die Zahlungen von einem auf den anderen Tag ein.“ Dass für die beiden Selbstständigen jetzt einen Monat das Einkommen ausfällt, ist noch das geringste Problem. „Unsere Partner müssen einspringen. Wir sind sehr froh, dass sie uns unterstützen.“

Für die meisten Eltern bringt die Neuregelung eine deutliche finanzielle Entlastung. Die Familie Kuhrs zum Beispiel lässt ihre kleine Tochter Mina sieben Stunden täglich in der „Villa Eulennest“ betreuen. Bisher kostet dies das Ehepaar inklusive Essen 410 Euro im Monat. „Und das ist schon günstig für eine Tagesmutter“, sagt Janina Kuhrs. In Zukunft werden die Eltern für acht Stunden tägliche Betreuung und Essen 286 Euro im Monat zahlen.

Janina Kuhrs ist heilfroh, dass sie Mina direkt nach der einjährigen Elternzeit bei Antje Tänzel unterbringen konnte. Sie wollte wieder in ihren Job zurückkehren. „Unsere Tochter ist im Dezember ein Jahr alt geworden. Zu diesem Zeitpunkt noch einen Krippenplatz zu bekommen, ist sehr schwierig.“ Die Kuhrs hoffen, dass es in der „Villa Eulennest“ weitergeht. „In der kleinen Gruppe ist es für Mina sehr schön.“

Mehr zum Thema

Immer mehr Kleinkinder gehen tagsüber in die Kita. Die Zahlen steigen vor allem im Westen stark. In wenigen Wochen soll es Plätze für 780.000 geben - im März gingen erst knapp 600.000 in die Kita oder zur Tagesmama.

11.07.2013

In vier Wochen könnten Eltern von Kleinkindern das neue Betreuungsgeld beziehen – doch Formulare für den Antrag fehlen immer noch.

Bärbel Hilbig 05.07.2013
Deutschland / Welt Betreuung für Unter-Drei-Jährige - Kita-Plätze: Schröder gibt Entwarnung

Berufstätige Eltern können von August an mit einen Kita-Platz für ihr zwei- oder dreijähriges Kind rechnen. Ob die Betreuung aber immer mit kurzem Anfahrtsweg möglich ist, bleibt fraglich.

11.07.2013
Aus der Stadt Landwirt klagt gegen Cowboy-Einsatz der Polizei - Kuh vadis?
Bernd Haase 11.07.2013
Bernd Haase 14.07.2013
Aus der Stadt Diskussion um Hinrich-Wilhelm-Kopf-Platz - Zu braun für einen Straßennamen
Klaus Wallbaum 13.07.2013