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Aus der Stadt Stadt gedenkt der jüdischen Opfer vor 72 Jahren
Hannover Aus der Stadt Stadt gedenkt der jüdischen Opfer vor 72 Jahren
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23:15 09.11.2010
Von Simon Benne
„Ein Mensch ist ein Mensch, egal, welche Religion er hat“: Schüler der Heisterbergschule legten an der Gedenkstätte in der Roten Reihe Blumen für die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus nieder – unter den Zehntklässlern waren auch viele Muslime.
„Ein Mensch ist ein Mensch, egal, welche Religion er hat“: Schüler der Heisterbergschule legten an der Gedenkstätte in der Roten Reihe Blumen für die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus nieder – unter den Zehntklässlern waren auch viele Muslime. Quelle: Uwe Dillenberg
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Eine Welle des Patriotismus erfasste Hannovers Jüdische Gemeinde, als der Erste Weltkrieg begann. Frauen sammelten für Hilfsorganisationen, und 761 jüdische Männer dienten als Soldaten, viele davon waren Kriegsfreiwillige. Georg Meyer hatte sich eigens zu einer bayerischen Einheit gemeldet, weil Juden dort eher Offizier werden konnten als in Preußen. Als das Kriegsministerium 1916 nach antisemitischen Anwürfen eine „Judenzählung“ unter den Soldaten durchführte, empfand er das als zutiefst diskriminierend: „Mir ist, als hätte ich eine furchtbare Ohrfeige erhalten“, notierte der Hauptmann am 29. Oktober 1916 in sein Kriegstagebuch. Noch im selben Jahr fiel er an der Front – als einer von mehr als 90 jüdischen Soldaten aus Hannover und etwa 12.000 aus ganz Deutschland.

Die Geschichte der deutschen Juden lässt sich als Geschichte einer unerwiderten, tragischen Liebe lesen, eines zurückgewiesenen Willens zur Integration – doch bisweilen ist sie auch die Geschichte einer späten Anerkennung. Gestern, am Jahrestag der Reichspogromnacht, erinnerte der Historiker Peter Schulze in einer bewegenden Gedenkstunde auf dem Jüdischen Friedhof An der Strangriede an die im Ersten Weltkrieg gefallenen Juden. Auch mehrere Vertreter der Bundeswehr waren gekommen, „um denen Ehre zu geben, die nie Ehre empfangen haben“, wie Oberst Paul Bacher, der Standortälteste, sagte.

Mehrere Dutzend Besucher legten nach jüdischer Tradition Steine an der „Ehrenreihe“ der Gefallenengräber ab. Auf den Grabsteinen dort ist von „treuer Pflichterfüllung“ und vom „Vaterland“ die Rede, einige zeigen Eiserne Kreuze. Seit der Privatmann Werner Meyer die Soldatenehrung 1996 erstmals initiierte, ist der Kreis der Teilnehmer stetig gewachsen.

Sie ist für viele zu einem festen Termin unter den Gedenkveranstaltungen am 9. November geworden. So werden Kränze vom Bundesverteidigungsministerium und vom Landtagspräsidenten niedergelegt, von Stadt und Region Hannover, von Bundeswehr-Reservisten, dem Volksbund und mehreren Landtagsfraktionen.

Gedenkveranstaltungen sind eine ritualisierte Form des Erinnerns. In ihnen versichert sich eine Gesellschaft eines gemeinsamen Geistes, und zugleich legt sie so etwas wie ein öffentliches Versprechen für die Zukunft ab. Auf dem Jüdischen Friedhof stellen Politiker, Kirchenvertreter und sonstige Honoratioren dabei fast die Mehrheit der Besucher. Viele von ihnen fahren gleich weiter zur Gedenkstätte an der Roten Reihe. Der 9. November ist ein Tag, an dem sich die Gedenkveranstaltungen drängen: „Eigentlich wollte ich heute Abend zum Mahnmal nach Gleidingen“, sagt ein Reserveoffizier in Uniform, „doch Avi Primor ist in der Marktkirche zu Gast.“ Der frühere israelische Botschafter soll dort übers deutsch-jüdische Verhältnis sprechen.

An der Roten Reihe stand bis 1938 die Synagoge, die von den Nazis in der Pogromnacht niedergebrannt wurde. Vom Patriotismus der jüdischen Soldaten im Ersten Weltkrieg wollten diese nichts mehr wissen. Sie demolierten in jener Nacht allein in Hannover mehr als 120 Läden und Wohnungen – und das war erst das schreckliche Vorspiel zu einer unermesslichen Barbarei. Hatten vor 1933 rund 5000 Juden in der Stadt gelebt, waren es nach dem Holocaust noch etwa 100.

„Der 9. November ist immer wieder ein besonderer Tag“, sagt Michael Fürst von der Jüdischen Gemeinde. Und das Datum markiert nach wie vor ein Thema von großer Aktualität: „Kaum etwas stößt im Unterricht auf so großes Interesse“, sagt Karsten Schwörer. Er ist Geschichtslehrer an der Heisterbergschule in Ahlem. Unter den rund 150 Besuchern, die in der Roten Reihe still den hebräischen Gesängen des Kantors Andrej Sitnov zuhören, sind auch 45 seiner Schüler.

„Wir haben im Unterricht über die Judenverfolgung und die Synagoge gesprochen, die hier stand“, sagt ein Mädchen. Wie viele der Zehntklässler, die schweigend Blumen an der Gedenkstätte niederlegen, ist sie Muslimin. Doch die Konflikte zwischen Juden und Muslimen in Israel spielten für sie keine Rolle, sagen die Schüler unisono: „Hier geht es um ermordete Unschuldige“, sagt der 17-jährige Feyzullah Turgut. „Ein Mensch ist ein Mensch, egal, welche Religion er hat.“ Es sind Besucher wie er, die immer wieder dafür sorgen, dass aus Ritualen keine Routine wird.

Am Sonntag, 21. November, veranstaltet Peter Schulze um 14 Uhr eine Führung über den Jüdischen Friedhof, An der Strangriede.

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