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Aus der Stadt Genervt von der Bitte um Almosen
Hannover Aus der Stadt Genervt von der Bitte um Almosen
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18:22 23.03.2014
Das Ehepaar Granobs wollte am Hauptbahnhof eigentlich gemütlich in die Sonne blinzeln – und fühlt sich von der Bettlerin genervt. Quelle: Schledding
Hannover

Ziemlich genervt“ sei sie, sagt Karin Granobs. Sie sitzt am Vormittag mit ihrem Mann vor einem Café auf dem Ernst-August-Platz. Eigentlich wollten die beiden Hannoveraner die wenigen Sonnenstrahlen des Freitags genießen und das bunte Treiben auf dem Platz beobachten. „Aber die Lust ist uns fast schon wieder vergangen“, sagt die Rentnerin. Gerade war eine Frau mit Kopftuch bei ihnen und hat die Hand hingehalten.

Das Phänomen ist derzeit eine Dauerbegleitung in der Innenstadt. Es wird so viel gebettelt wie schon lange nicht mehr, oft von frühmorgens vor Geschäftsöffnung bis spätabends, und oft nur im Abstand von wenigen Metern. Die Stadt bestätigt die Beobachtung: Ungewöhnlich viele Menschen aus Südosteuropa bettelten derzeit in der Innenstadt. Einschreiten könne die Verwaltung allerdings nicht: Betteln sei schließlich nicht verboten, solange niemand aggressiv auftrete, sagt ein Sprecher. Nur wenn die Rathausmitarbeiter bettelnde Personen mit kleinen Kindern anträfen, schritten sie ein.

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Den Geschäftsleuten in der Innenstadt ist das nicht genug. Für sie wird das gehäufte Auftreten der Bettlerinnen inzwischen zum ernsten Problem. Martin Prenzler, Geschäftsführer der City-Gemeinschaft, sorgt sich „um die Aufenthaltsqualität der Innenstadt“. Die sinke mit der hohen Zahl der Bettler. „Wenn man auf dem Weg vom Bahnhof bis zum Kröpcke zehnmal angebettelt wird, kann man die Lust verlieren, wieder in die Innenstadt zu kommen“, sagt Prenzler. Er wünsche sich von der Stadt eine härtere Gangart, wie sie „in vergleichbaren Städten durchaus üblich“ sei. Und er fordert die Besitzer von Straßencafés auf, die Frauen anzuzeigen, wenn sie aggressiv bettelten. „Die müssen richtig merken, dass sie hier nicht erwünscht sind“, sagt Prenzler.

Nicht nur die Steuern zahlenden Geschäftsleute der Innenstadt sind verärgert. Die Bettler sind sogar Konkurrenz für die Punker, die auf einer Bank in der Bahnhofstraße Geld schnorren. „Das sind doch richtige Banden“, sagt eine junge Punkerin namens Sarah. Jeden Abend würden die Frauen „mit einem fetten Mercedes“ aus der Innenstadt wieder abgeholt. Die bettelnden Frauen seien schlecht für ihre eigenen Einnahmen, weil sie die Passanten belästigten, erzählt Sarah: „Wir verscheuchen die hier.“ In der sozialen Rangordnung der Innenstadt rangieren die Südosteuropäerinnen eben ganz unten.

Betteln ist nicht verboten

Woher die Häufung der um Almosen Bittenden auf einmal kommt, weiß niemand. Um Weihnachten gibt es regelmäßig einen Höhepunkt, dann ist es etwas ruhiger, ab März kommen die Bettler zurück. In diesem Jahr aber sind es auffällig viele. Mit der neuen Arbeitnehmerfreizügigkeit für Rumänien und Bulgarien muss das nicht zusammenhängen. Dass es sich aber um organisierte Gruppen handelt, gilt als wahrscheinlich. „Zeitweise gehen Frauen in Gruppen mit bis zu fünf Personen in einer Reihe mit Bechern in der Hand die Fußgängerzone auf und ab“, berichtet Stadtsprecher Udo Möller. Mit der HAZ reden wollen die Frauen am Freitag nicht: Wortlos strecken sie ihre Arme aus, verziehen dabei das Gesicht, als hätten sie Schmerzen. Antworten gibt es nicht.

Passantin Hayedeh Adni-Azar tun die Bettlerinnen im Grunde leid – und trotzdem schimpft auch sie. Zu manchen Zeiten könne man kaum noch einen Meter gehen, ohne angesprochen zu werden, sagt sie. Geld zu geben lohne kaum: „Das fließt doch ohnehin nicht in die Taschen der Frauen, die sind im Grunde ganz arm“, sagt die 47-Jährige aus der List und fordert: Man müsse die Hintermänner ausfindig machen.

Auch die Polizei aber kann nur darauf verweisen, dass Betteln nicht verboten ist. Probleme habe es in den vergangenen Wochen nicht gegeben, berichtet ein Polizeisprecher. Die Geschäftsleute in der Innenstadt haben zum Teil ihre eigenen Wege gefunden, mit dem Problem umzugehen. So muss der Pächter einer Schnellimbisskette in der Nähe des Kröpcke täglich einen Mitarbeiter bereitstellen, um die bettelnden Frauen aus seinem Lokal zu vertreiben. Auch das Personal in den Cafés der Innenstadt gerät immer häufiger mit den Frauen in Konflikt. „Wir versuchen, sie zu vertreiben, weil wir nicht wollen, dass unsere Gäste draußen belästigt werden“, berichtet eine Kellnerin, die ungenannt bleiben will. Aber nicht immer ließen sich die Frauen davon beeindrucken. „Neulich hat eine auf den Tisch gespuckt.“

Die Wohnungslosenhilfe des Diakonischen Werks hat versucht, Kontakt zu den Frauen aufzunehmen. „Aber sie sind nicht bereit, mit sich reden zu lassen“, sagt Gottfried Schöne. An fehlenden Sprachkenntnissen habe das nicht gelegen. Doch handele es sich „offenbar nicht um Menschen, die aus dem Hilfesystem herausgefallen sind“, sagt Schöne. Er warnt davor, bei der Hilfsbedürftigkeit zwischen der Herkunft der Menschen zu unterscheiden. Freiwillig bettele schließlich niemand in der Innenstadt.

Kirche sammelt für Bettler

Nicht nur in diesem Frühjahr, auch vor Weihnachten war die Zahl der Bettler, vor allem Frauen, in Hannover stark angestiegen. Diese versuchten vor allem auf dem Weihnachtsmarkt und dort besonders vor der Marktkirche ihr Glück. Drei Wochen vor Weihnachten hatte sich Marktkirchenpastorin Hanna Kreisel-Liebermann hilfesuchend an den Verein für Sinti und Roma gewandt, weil sich zeitweise bis zu sechs Bettler im Portal der Kirche gleichzeitig postiert hatten. „Das war nicht mehr tragbar“, sagte Kreisel-Liebermann damals. Einige Kirchenbesucher hätten sich beschwert, weil sie kaum noch in die Kirche gekommen seien. Die Polizei wurde jedoch nicht gerufen. Die Marktkirchengemeinde sammelte stattdessen in zwei Gottesdiensten insgesamt rund 700 Euro. Von dem Geld wurden Lebensmittel und Hygieneartikel gekauft. „Ich weiß, dass diese Menschen in Not sind“, hatte Kreisel Liebermann gesagt. Der Verein für Sinti und Roma in Niedersachsen verteilte dann Brot, Wurst, Milch, Schokolade und anderes an die bettelnden Menschen. Und der Vorsitzende des Vereins, Channy Rosenbach, rief die Bettler dazu auf, nicht im Pulk auf Spendenwillige zu warten oder die Menschen durch das Zupfen am Arm zum Spenden zu drängen. mak

Von Mathias Klein

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