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Aus der Stadt Stadt sucht nach Lösungen für Blechlawinen am Maschsee
Hannover Aus der Stadt Stadt sucht nach Lösungen für Blechlawinen am Maschsee
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23:33 18.11.2009
Von Conrad von Meding
Viel los: Die Fahrzeugdichte am Rudolf-von-Bennigsen-Ufer ist etwa genauso hoch wie auf den großen Ausfallstraßen Hannovers.
Viel los: Die Fahrzeugdichte am Rudolf-von-Bennigsen-Ufer ist etwa genauso hoch wie auf den großen Ausfallstraßen Hannovers. Quelle: Michael Thomas
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Von ihrer Terrasse im achten Stock aus bekommt Regina Klein nur selten etwas mit von all dem Verkehrslärm, der unter ihr am Rudolf-von-Bennigsen-Ufer tobt. „Höchstens mal, wenn ein Motorradfahrer so richtig aufdreht“, sagt sie. „Auch vom Maschseefest ist hier kaum etwas zu hören.“ Dabei liegt ihre Wohnung direkt am schönen Maschseeufer Hannovers, an dem einem aktuellen Gutachten zufolge bis zu 28 000 Autos pro Tag entlangrauschen. Diese Zahl hat Verkehrsplaner und Politiker in Hannover aufgeschreckt. Denn auf der parallel verlaufenden Hildesheimer Straße sind es dem Gutachten zufolge nur durchschnittlich 21 000 Fahrzeuge – ein Viertel weniger als am Seeufer, das doch eigentlich keine Hauptverkehrsstraße sein soll.

Unmittelbare Anlieger mit Zufahrten zum Rudolf-von-Bennigsen-Ufer sind im Wesentlichen nur das Sprengel Museum, der NDR und die Waldorfschule. Deren sogenannter „Ziel- und Quellverkehr“ dürfte die extreme Verkehrsbelastung von 26 600 Fahrzeugen an Werktagen (beim Maschsefest sogar 27 670 Fahrzeuge) nicht verursachen. Vielmehr hat sich die Straße, da sind sich die Experten einig, spätestens beim Bau der U-Bahnstrecke unter der Hildesheimer Straße als optimale Ausweichstrecke etabliert. In weiten Teilen vierspurig befahrbar, dank des langgestreckten Sees mit wenig Kreuzungen belastet – Hannovers „Rudi-Ufer“ ist die ideale Abkürzung für alle, die aus der Stadtmitte oder vom Leibnizufer Richtung Südstadt, Döhren, Laatzen oder weiter gen Süden fahren.

Die Uferstraße an Hannovers Haussee, Schmuckstück und Aushängeschild der Stadt, droht zur Verkehrsachse zu verkommen mit all den absehbaren Folgeproblemen wie Lärm und Gestank. Dabei soll es eigentlich ein Flanierufer sein – welche Stadt kann sich schon mit einem derart großen See schmücken, der bis ans Zentrum reicht?

Seit Jahren gibt es daher Forderungen, die Verkehrsmengen einzudämmen. Tempolimit, Spurverengungen, teilweise Sperrungen sind in der Diskussion.

Tempo 30 und nur zwei Spuren: Der bisher radikalste Vorschlag kam vor einem Jahr von Hannovers Polizeipräsident Uwe Binias. Auf ganzer Strecke Tempo 30 und eine Verengung auf eine Fahrspur pro Richtung, regte der oberste Polizist an. Zudem sei ein Verlegen der Parkplätze auf die seeabgewandte Straßenseite denkbar, damit parkendes Blech nicht den Ausblick auf den See versperrt – das würde auch mehr Platz für Radler und Skater am Seeufer schaffen. Binias hatte allerdings auch betont, dass aus Polizeisicht keine Notwendigkeit für Umplanungen besteht: Die Unfallzahlen am Ufer sind trotz der zuweilen chaotischen Verkehrsverhältnisse absolut unauffällig.

Sperrung ab Altenbekener Damm: Die örtlichen Aktivisten vom Verkehrsclub Deutschland (VCD) haben jetzt in einer Anhörung des Bauausschusses den Vorschlag gemacht, die Uferstraße ab Einmündung Altenbekener Damm Richtung Süden vollständig zu sperren. Der Vorschlag dürfte wenig Aussicht auf Erfolg haben: VCD-Mann Dieter Apel fordert zwar ein Gesamtkonzept, damit nicht der Maschsee-Verkehr zusätzlich die Hildesheimer Straße belastet, aber kaum jemand kann sich vorstellen, wie das verhindert werden könnte.

Radfahrer auf die Straße: Vertreter der Radfahrerlobby ADFC forderten in der gleichen Anhörung, je Fahrtrichtung einen Radfahrerstreifen auf der Fahrbahn aufzumalen. Das könne den Radweg am Ufer entlasten und würde die Straße verengen, auf der dann auch nur Tempo 30 erlaubt sein dürfe. Der ADFC ist unzufrieden mit dem neu angelegten kombinierten Fuß- und Radweg auf der seeabgewandten Seite. Vor allem während des Maschseefests kam es häufig zu Unfällen und gefährlichen Situationen, etwa an der Ausfahrt des NDR-Parkplatzes. Beim Maschseefest war der seeseitige Radweg gesperrt, der gegenüberliegende wurde intensiv genutzt.

„Falsche Dreispurigkeit“: Als eine Art Kompromiss wurde in der Anhörung die sogenannte falsche Dreispurigkeit als mögliche Variante für den Verkehr auf dem Rudolf-von-Bennigsen-Ufer dargestellt. Der Begriff meint, dass der Autoverkehr auf ganzer Strecke nur eine Spur pro Fahrtrichtung hat, Linksabbieger aber bei Einmündungen und Kreuzungen eine eigene Mittelspur erhalten, damit der Folgeverkehr nicht aufgehalten wird. Genug Platz für diese Lösung gebe es zwar am Maschseeufer. Allerdings widerspricht die Anordnung der Parkplätze auf der stadtauswärts führenden Seite der Praktikabilität dieser Idee: Weil nahezu alle 750 seeseitigen Stellplätze im rechten Winkel zur Fahrbahn liegen, würde jeder Ausparkvorgang bei einspuriger Straßenführung jedes Mal zu langen Rückstaus führen. Wenn die Parkplätze parallel zur Straße angeordnet würden, wäre das Problem reduziert – und auf dem Schützenplatz stehen ausreichend seenahe und in der Regel ungenutzte Parkflächen zur Verfügung.

Culemannstraße sperren: Der aktuell interessanteste Vorschlag dürfte eine Sperrung der Culemannstraße sein, dem Hauptzubringer der Uferstraße aus Richtung Innenstadt. Die Idee wurde erstmals beim Stadtdialog City 2020 formuliert – da allerdings weniger aus verkehrstechnischen Erwägungen als vielmehr aus dem Wunsch, die historische Einheit des Maschparks wiederherzustellen, der einst bis ans Ufer der Leine reichte und heute von der viel befahrenen Straße zerschnitten wird. „Eine Sperrung der Culemannstraße erscheint für eine Entlastung des Rudolf-von-Bennigsen-Ufers sinnvoll“, sagt Grünen-Fraktionsvize Michael Dette. „Bei den weiteren Überlegungen sollte diese Variante beachtet werden.“ Tatsächlich würde ein Kappen der Straße, die zwischen Friederikenplatz und Rathaus beginnt und direkt zum Nordufer des Maschsees führt, die Attraktivität des Schleichwegs am Maschsee erheblich reduzieren. Straßen zurückzubauen, bedeutet andererseits auch, Werte zu vernichten und Mobilität einzuschränken. Baudezernent Uwe Bodemann meint denn auch: „Aus freiraumplanerischer Sicht könnte eine Sperrung der Culemannstraße sinnvoll sein.“ Allerdings habe die Straße eine „wichtige verkehrliche Erschließungs- und Verbindungsfunktion“. Vor einer Entscheidung müssten in jedem Fall die Verlagerungseffekte geprüft werden.

Das auf Verkehrsfragen spezialisierte Ingenieurbüro Schubert hat nun den Auftrag, bis Frühjahr 2010 technisch umsetzbare Vorschläge für eine bessere Verkehrsführung am See zu entwickeln. Anwohnerin Regina Klein können die Ergebnisse fast gleichgültig sein: Von ihrer Hochhausterrasse aus genießt sie ungestört vom Verkehr die Aussicht auf den See.

18.11.2009
Nicola Zellmer 18.11.2009