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Aus der Stadt Stadt versucht, armen Zuwanderern zu helfen
Hannover Aus der Stadt Stadt versucht, armen Zuwanderern zu helfen
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00:16 24.03.2013
Von Veronika Thomas
Ausgerüstet mit Pappbechern hoffen Bettler aus Rumänien und Bulgarien in der hannoverschen City auf ein paar Euro oder Cent. Quelle: Akbaba
Hannover

Maria sitzt am Steintor und friert. Mit flehenden Blicken bettelt die 32-jährige Roma-Frau Passanten um Spenden an. Die meisten hasten nur vorüber. Nach etwa einer Stunde wird Maria völlig durchgefroren von einem Mitglied ihrer Familie an ihrem „Arbeitsplatz“ abgelöst. Eigentlich sollte die Mutter von fünf Kindern, das erzählt sie zumindest, gar nicht auf dem kalten Boden sitzen, sondern gehörte ins Bett. Sie hat eine Bronchitis und zeigt die Medikamente, die sie von den Ärzten der Malteser Migranten Medizin erhalten hat. Es ist schlicht die Not, die Maria und eine Reihe weiterer Armutsflüchtlinge aus Bulgarien und Rumänien, zumeist Roma, dazu zwingt, in Hannovers Innenstadt zu betteln.

„Das sind keine organisierten Banden, sondern Familienclans, die keine andere Möglichkeit sehen als zu betteln, um zu überleben“, sagt Samantha Rose, ehrenamtliche Mitarbeiterin der Beratungsstelle „Forum für Sinti und Roma“ und Mitglied des Integrationsbeirats im Stadtbezirk Hannover-Mitte. Für diese Familien bedeute Betteln eine Arbeit wie jede andere auch, weil sie nichts anderes kennten. „Wenn Punks in der Stadt betteln, wird das schließlich auch akzeptiert“, sagt die 25-jährige gebürtige Hannoveranerin, die zur Minderheit der Sinti gehört.

Das Gros der mittellosen Zuwanderer aus den neuen EU-Staaten Rumänien und Bulgarien hält sich mit Schwarzarbeit über Wasser. Einige von ihnen haben nach Beobachtungen von Fachleuten schon eine jahrelange Wanderung durch Europa hinter sich. Aufgrund der Wirtschaftskrise versuchen sie nun in Deutschland ihr Glück – häufig für Hungerlöhne von zwei, drei Euro etwa in Restaurants oder auf dem Bau. Andere musizieren auf der Straße oder gehen auf den Strich. „Manche haben auch sozialversicherungspflichtige Jobs“, sagt Rose.

Doch das seien wenige. Die weit verbreitete Meinung, die Armutseinwanderer kämen nur, um mithilfe einer Gewerbeanmeldung Kindergeld zu kassieren, wird vom Jobcenter nicht bestätigt. Es gebe zwar Gewerbeanmeldungen, aber das Jobcenter prüfe genau, ob tatsächlich eine selbstständige Arbeit ausgeübt werde und diese tragfähig sei oder ob eine Scheinselbstständigkeit vorliege, sagt eine Sprecherin.

Sehr viele können es jedenfalls nicht sein. Bei der Agentur für Arbeit Hannover sind 185 bulgarische und 98 rumänische Familien registriert, die Kindergeld für insgesamt 451 Kinder beziehen. Für die ersten zwei Kinder gibt es jeweils 184 Euro, für das dritte 190 Euro und ab dem vierten Kind 215 Euro. Bei den Hartz-IV-Leistungen sind die Zahlen ähnlich niedrig. Im November 2011 bezogen 125 Bulgaren und 154 Rumänen Geld vom Jobcenter, im November 2012 waren es 423 Bulgaren und 225 Rumänen. Die Zahlen sagen allerdings nichts darüber aus, ob die Bezieher aufstockende Leistungen, Kosten für die Unterkunft oder den Regelsatz erhalten. Als Hartz-IV-Leistungsbezieher sind sie automatisch auch krankenversichert.

Die Stadt Hannover schätzt, dass zwischen 2000 bis 3000 so genannte Armutseinwanderer an der Leine leben, das „Forum für Sinti und Roma“ spricht sogar von 5000 bis 7000 Menschen in Stadt und Umland von Hannover. Es ist offenbar nicht nur die Aussicht auf ein besseres Leben, dass sie ihre Heimat verlassen, sondern auch Repressalien, denen sie dort ausgesetzt sind.

Samantha Rose berichtet, dass Roma in ihren Heimatländern Rumänien und Bulgarien, aber auch in Serbien, Albanien und dem Kosovo schon mal „totgeschlagen“ würden. „Die Mehrheitsbevölkerung legt fest, wann die Roma ihre Slums verlassen dürfen.“ Hielten sie sich nicht an die festgesetzten Zeiten, gebe es Prügel. „In der Beratungsstelle hatten wir kürzlich einen Roma, der so misshandelt worden war, dass ihm ein Arm amputiert werden musste“, erzählt Rose. Seine andere Hand sei völlig verkrüppelt gewesen.

Die Stadt versucht, auf den Zustrom der neuen EU-Bürger zu reagieren. „Diese Menschen halten sich hier legal auf, haben aber keinerlei Kenntnisse über unser Bildungs- oder Rechtssystem“, stellt Sozialdezernent Thomas Walter fest. Der Haushalt 2013 sei gerade um zwei Stellen aufgestockt worden, um zwei City-Sozialarbeiter einzustellen. Sie sollen sich um die Zuwanderer bemühen.

Außerdem will Walter die Malteser Migranten Medizin finanziell unterstützen, die pro Jahr durchschnittlich 1000 Migranten und Menschen ohne Papiere behandelt, die Hälfte davon EU-Bürger aus Osteuropa. Die meisten seien nicht krankenversichert, die wenigsten geimpft, sagt Walter. „Wir erstellen gerade eine Drucksache, um die Malteser mit 60.000 Euro im Jahr zu fördern. Ich hoffe, dass sich die Region an den Kosten beteiligt.“ Im Gespräch ist die Stadt auch mit dem „Forum für Sinti und Roma“, das Hilfskonzepte entwickeln soll.

Das ist das Minimalprogramm, das die Stadt zurzeit leisten kann. Hinzu kommen Wohnheimplätze, die jenen Zuwanderern zur Verfügung gestellt werden, die sich die Wuchermieten vieler Vermieter nicht leisten könnten und deshalb schon mal unter Brücken schliefen, wie Walter erzählt. Die Bundesregierung hat eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe eingerichtet, die darüber berät, wie den Städten geholfen werden kann. Geplant ist eine Änderung des EU-Strukturfonds, um die Lebensbedingungen der Menschen in ihren Heimatländern zu verbessern. „Wenn sie aber hierbleiben, dann brauchen die Städte EU-Mittel“, fordert der Sozialdezernent.

Mehr Unterstützung wünscht sich auch Ulrike Strauch. Die Lehrerin an der Astrid-Lindgren-Schule in Badenstedt unterrichtet regelmäßig Kinder aus Rumänien und Bulgarien. „Unsere Schule war bereit, extra eine Förderklasse für diese Kinder einzurichten, aber sie kommen nur sehr unregelmäßig“, bedauert Strauch. Deren Eltern hätten kein Bewusstsein dafür, wie wichtig Bildung für ihre Kinder sei. „Wir bräuchten eine zentrale Anlaufstelle für diese Kinder, weil die Sprachlernklassen immer überfüllt sind.“ Ulrike Strauch berichtet von einer 13-jährigen Schülerin, die wochenlang nicht zum Unterricht erschien. „Ich habe sie dann gesehen, bettelnd am Steintor, mit Tüchern zurechtgemacht wie eine alte Frau.“

Um den EU-Zuwanderern zu helfen, plädiert das „Forum für Sinti und Roma“, ihnen Sozialleistungen zu gewähren – verbunden mit klaren Auflagen: „Schulpflicht für die Kinder, Sprach- und Alphabetisierungskurse für die Eltern, Bewerbungstraining“, zählt Samantha Rose auf. Bewerbungstraining? „Egal was jemand gelernt hat, jeder sollte zumindest versuchen, einen Job zu finden, und wenn es nur ein kleiner Hilfsjob ist.“

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