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Aus der Stadt „Ich mag es, Geschichten zu erzählen“
Hannover Aus der Stadt „Ich mag es, Geschichten zu erzählen“
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00:17 17.08.2017
Von Simon Benne
Sucht nach Gemeinsamkeiten der Konfessionen: Bernward Kalbhenn in der Ruine der Aegidienkirche.
Sucht nach Gemeinsamkeiten der Konfessionen: Bernward Kalbhenn in der Ruine der Aegidienkirche. Quelle: Villegas
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Hannover

Man muss schon das Haupt erheben, um die steinernen Statuen zu entdecken. Sie stehen über dem dunklen Portal der Aegidienkirchenruine in so erhabener Höhe, dass man sie leicht übersieht: „Oft ist ein derart prominenter Platz Petrus und Paulus vorbehalten, doch hier stehen seit 1888 Luther und Melanchthon“, sagt Bernward Kalbhenn.

Der Journalist Bernward Kalbhenn bietet ökumenische Führungen zu Hannovers Kirchen an. 

 Irgendwie passen die beiden ja auch ganz gut in die Stadt: „Wegen der vielen protestantischen Institutionen nennt man Hannover auch das evangelische Rom“, sagt er.

Ruhestand als Kirchenführer

Hannovers Kirchen sind für den 69-Jährigen vertrautes Terrain. Dabei ist er von Haus aus Journalist; er war Redakteur beim Stern, wo er die Affäre um die gefälschten Hitler-Tagebücher miterlebte, und beim NDR, wo er 16 Jahre lang für „Religion und Gesellschaft“ über Päpste, Landesbischöfe und Kirchenskandale berichtete.

Im Ruhestand machte er dann eine Ausbildung zum Kirchenführer. In sein Ehrenamt wurde er von der evangelischen Kirche vor drei Jahren feierlich entsandt: „In einem Gottesdienst, ganz offiziell mit Handauflegen.“ Seither führt er regelmäßig Besucher durch Markt- und Clemenskirche. Und er bietet unter dem Titel „Reformation im Vorübergehen“ Touren durch die Stadt an, die er „ökumenische Spaziergänge“ nennt.

„Ich mag es, Geschichten zu erzählen“, sagt er lächelnd - und erzählt Geschichten, während es durch die Ebhardtstraße vorbei am Lutherhaus zur Marktkirche geht. Es geht bei ihm eher um Anekdoten als um dröge Zahlen; der erfahrene Journalist weiß, wie eine gute Story funktioniert und wie man Wissen an den Mann bringt.

Ökumene ist Herzenssache

Er erzählt von Hannovers Herzog Johann Friedrich, der 1651 zum Katholizismus konvertierte und in einer Art Toleranzedikt ein „Verbot von Lästern und persönlichen Anfeindungen unter den Konfessionen“ festschrieb. Und davon, dass die Reformation in Hannover anders als in anderen Städten eine „Reformation von unten“ war: „Es war eine Bürgerbewegung“, sagt er auf dem Marktplatz - dort, wo Hannoveraner sich 1533 zur Lehre Luthers bekannten.

Seine Tour durch die Kirchengeschichte führt zugleich an Stationen seiner eigenen Biografie. Manchmal fragen ihn Besucher, ob er selbst denn nun katholisch oder evangelisch sei. „Ich bin beides“, antwortet er dann: „Ich wurde in der Döhrener St.-Bernward-Kirche katholisch getauft und in der Kreuzkirche evangelisch getraut.“ Die Ehe sei 1971 noch vom „Schloßprediger“ geschlossen worden, sagt er vor der Kreuzkirche: „Diese Gemeinde hatte das Erbe der im Krieg zerstörten Schlosskirche im heutigen Landtag angetreten.“

Auf der Martin-Neuffer-Brücke bleibt Kalbhenn stehen: „Hier verlief die Grenze“, sagt er. In der Altstadt hatten nach einem alten Statut bis 1806 nur Lutheraner das Bürgerrecht. Katholiken, Juden und Reformierte bauten ihre Gotteshäuser westlich der Leine, in der Calenberger Neustadt, wo die „Straße der Toleranz“ entstand.

Gemeinsamkeiten der Konfessionen freizulegen ist für Kalbhenn ein Herzensanliegen. „Über Jahrhunderte haben sie sich wechselseitig diffamiert“, sagt er. Natürlich, heute funktioniere die Ökumene in Hannover gut. Doch gelegentlich erzählten ihm ältere Besucher, dass sie als Kinder nicht in die Marktkirche durften, weil die katholischen Eltern das verboten hatten. Und viele Protestanten hätten noch nie einen Blick in die Clemenskirche geworfen.

Kalbhenn blickt zur grünen Kuppel der Basilika hinüber: „Mit dem Bau dieser Kirche setzten Hannovers Katholiken vor 300 Jahren ein architektonisches Ausrufezeichen“, sagt er. „Italienischer Barock - das war anders als alle anderen Bauten der Stadt.“ Dann erzählt er, dass Donna Leon diese Kirche zum Schauplatz ihres Kriminalromans „Himmlische Juwelen“ gemacht hat. Noch so eine Story, von der die meisten Hannoveraner nichts wissen.

Kalbhenn genießt es, wenn er seine Besucher zum Staunen bringt. „Es ist einfach schön zu sehen, dass in den Köpfen etwas passiert“, sagt er. „Wenn die Leute ihre Stadt danach mit anderen Augen sehen.“

Info: Nächste Führungen „Reformation im Vorübergehen“ (Spende von 3 Euro erbeten): 5. September, 16 Uhr, 9. September, 15 Uhr. Start: Neues Rathaus. Anmeldung über die Marktkirchengemeinde: marion.wrede@evlka.de.

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