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Aus der Stadt „Stimmung kommt hier nicht so richtig auf“
Hannover Aus der Stadt „Stimmung kommt hier nicht so richtig auf“
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00:15 21.12.2013
Von Jörn Kießler
Foto: „Gerade die Weihnachtszeit ist hier häufig etwas bedrückend“.
„Gerade die Weihnachtszeit ist hier häufig etwas bedrückend“. Quelle: Moritz Küstner
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Hannover

Das Christkind ist 29 Jahre alt, etwa 1,80 Meter groß und trägt Uniform und Bart. Zumindest im Haus 6 der Justizvollzugsanstalt (JVA) Hainholz. Hier beschenkt Philipp Gottschalk die Gefangenen zu Weihnachten, sofern die vorher einen Wunschzettel ausgefüllt haben. Der ist im Din-A3-Format gehalten und umfasst insgesamt 691 Produkte, die die Insassen der JVA bestellen können. Das Angebot reicht von der 1,5-Liter-Flasche Cola über Tierpostkarten, Haargummis und Toilettenpapier bis zur Dose Ravioli. „Am beliebtesten sind aber die Klassiker wie Tabak, Zigaretten und Kaffee“, sagt JVA-Sprecher Peter Landgraf. „Darin unterscheiden sich die Weihnachtsbestellungen nicht großartig von den anderen Bestellungen der Häftlinge.“

Die Order zu Weihnachten ist der Ersatz für die Pakete, die die Gefangenen früher von ihren Angehörigen und Freunden aus der Freiheit bekamen. „Seit 2008 gibt es das nicht mehr“, sagt Landgraf. „Der Aufwand war einfach zu groß.“ Die Beamten der JVA mussten schon Wochen vor Heiligabend die Kisten in Anwesenheit der Häftlinge durchsuchen, um sicherzugehen, dass keine Drogen, Waffen oder andere illegale Dinge eingeschmuggelt wurden. „Jedes Paket konnte bis zu 20 Kilogramm schwer sein und war meist voll mit einzeln verpackten Lebensmitteln“, sagt Landgraf. „Wir mussten jedes noch so kleine Tütchen aufreißen.“

Mit der Reform des Justizgesetzes 2008 wurden auch die Weihnachtspakete abgeschafft. Seitdem können die Insassen der JVA zu ihren zwei regulären Bestellungen im Monat eine dritte für Weihnachten aufgeben. Für diese haben sie noch einmal den gleichen Betrag zur Verfügung wie für ihre beiden anderen Bestellungen zusammen - 175 Euro. „Das Geld verdienen sie hier in der JVA oder bekommen es von ihren Verwandten und Freunden überwiesen“, erklärt Landgraf. Liefern tut dann sozusagen der Staat.

Martin Deutschmann wird einen Teil davon auf jeden Fall in Christstollen investieren. „Das gehört einfach zu Weihnachten dazu“, sagt der 34-Jährige, der seit September wegen Körperverletzung in Untersuchungshaft sitzt. „Genau wie Piroge.“ Mit seinem Wunschzettel will er sich die Zutaten für die polnischen Teigtaschen bestellen und sie in der Küche in Haus 6 zubereiten. „Dort können die Häftlinge während der Aufschlusszeiten kochen“, sagt Philipp Gottschalk.

Das Ersatzchristkind selbst ist an Heiligabend nicht im Dienst in der JVA. „Gerade die Weihnachtszeit ist hier häufig etwas bedrückend“, sagt der 29-Jährige. „Dadurch, dass hier so viele unterschiedliche Kulturen vertreten sind, von denen viele kein Weihnachten feiern, kommt hier keine richtige Stimmung auf.“ Zudem würde den Häftlingen gerade zur Weihnachtszeit, wenn sie ihre Familien nicht sehen können, noch bewusster, dass sie eingesperrt seien. „Wir versuchen, das mit möglichst vielen Aufschlusszeiten etwas zu kompensieren“, sagt JVA-Sprecher Landgraf. Zur weiteren Entspannung der Situation wird die JVA weihnachtlich geschmückt. So soll trotz allem ein wenig Besinnlichkeit in den kargen Gängen und kleinen Zellen aufkommen. In den Fluren vor den Zellen stehen behängte Tannenbäume, hier und da ist ein Adventskranz drapiert. Für die meisten der insgesamt 527 Gefangenen entsteht das richtige Weihnachtsgefühl aber an einer Stelle, wo die Wenigsten Zugang haben: in der Großküche der JVA.

„An Weihnachten gibt es ganz klassisch Kartoffelsalat und Würstchen“, sagt eine Mitarbeiterin. Sie bestellt die Lebensmittel und organisiert die Abläufe in der Großküche des Gefängnisses. 19 Häftlinge arbeiten hier und kochen für die anderen Insassen. Danny Müller ist seit Oktober dabei. Der 27-Jährige wurde für seine Ausbildung zum Koch von der JVA Rosdorf nach Hannover verlegt. „Wenn ich in zwei Jahren damit fertig bin, werde ich wahrscheinlich auch direkt danach entlassen“, sagt Müller, der seit 2011 seine Strafe wegen Betrugs absitzt. An Heiligabend hat er frei. Die beiden Weihnachtsfeiertage in der Küche wollte sich der Auszubildende aber nicht entgehen lassen. Es gibt Entenkeule mit Rotkraut und Kartoffelklößen und Hirschgulasch mit Preiselbeerbirne und Spätzle. „Das habe ich noch nie gekocht“, sagt Müller.

Nicht nur für ihn sind die Gerichte an den Festtagen etwas Besonderes. Das gute Essen lockt auch „Besucher“ in die JVA. „Wir erleben immer wieder, dass vor allem Obdachlose gezielt Straftaten begehen, wenn es auf Weihnachten zugeht“, sagt Landgraf. „Wenn sie erwischt werden, bekommen sie vier bis sechs Monate und sind dann über Weihnachten und während der kalten Jahreszeit bei uns.“ Für die Bedürftigen gibt es im Gefängnis an der Schulenburger Landstraße extra Geschenke. Die Kirche, die sich in der JVA engagiert, packt für alle Häftlinge, die mittellos sind und keine Angehörigen haben, Päckchen, die an Heiligabend verteilt werden. Vor dem Fest lagern sie in der Kapelle, in der am 24. Dezember der Weihnachtsgottesdienst abgehalten wird. „Wirklich gut besucht ist der aber genauso wenig wie die Gottesdienste an normalen Sonntagen“, sagt Landgraf. Auch in dieser Beziehung ändern die Häftlinge ihre Gewohnheiten nicht, nur weil Weihnachten ist. Ebenso wie bei den Bestellungen zum Fest.

Nur Danny Müllers Order wird dem Anlass irgendwie gerecht. „Ich bestelle mir frisches Obst, vor allem Mandarinen und Nüsse“, sagt der 27-Jährige und fügt hinzu: „Ich rauche aber auch nicht, und Kaffee trinke ich nur sehr wenig.“

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