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Aus der Stadt Traumjob mit Akkord-Arbeit in der Fußgängerzone
Hannover Aus der Stadt Traumjob mit Akkord-Arbeit in der Fußgängerzone
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14:52 21.02.2018
Straßenmusik kann in Hannover jeder machen.  Quelle: Marta Krajinović
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Zu Besuch in Hannover

Karolin Semmler und Christoph Beiser spielen für ein neues Bahnticket – der Erfolg ist bei ihrer Straßenpremiere allerdings eher bescheiden. Foto: Krajinovic

Zwei Bierflaschen und ein umgekippter Strohhut stehen vor Christoph Beiser und Karolin Semmler, genannt Karo. Er hält eine Gitarre in seinen Händen, sie ein Smartphone. Mit dem Gerät sucht Karo im Internet nach Gitarrenakkorden und Songtexten. Während die beiden „Wonderwall“ von Oasis spielen, kleben ihre Blicke am Display.

Die Freunde musizieren zum ersten Mal auf der Straße – eine spontane Idee. „Wir sind vollkommen unvorbereitet“, erzählt Karo. Eigentlich studieren Karo und Christoph in Mainz. In Hannover sind die beiden 22-Jährigen bei Freunden zu Besuch. Die Lagerfeuerromantik ihrer Gitarrenklänge wird vom Lärm der Fußgängerzone verschluckt. Hin und wieder entfährt den beiden ein schiefer Ton, nicht jeder Einsatz sitzt perfekt. Die meisten Passanten hasten an Karo und Christoph vorbei, nur wenige blicken zu ihnen, einige davon skeptisch.

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Das macht Karo aber nichts aus. „Man darf keine Angst haben, Fehler zu machen“, sagt sie. Sonst musizieren sie und Christoph nur in ihrer Freizeit – jeder zu Hause in seinem Zimmer. Dort beschäftigt sich Christoph dann nicht nur „mit so einem Singer/Songwriter-Kram“, sondern auch mit Death Metal.

Auf die Idee, Straßenmusik zu spielen, kamen die beiden, weil sie ihr Bahnticket verloren hatten. Die Gitarre hatte Karo bei ihren hannoverschen Freunden vergessen und dementsprechend dabei. Das Geld für das neue Bahnticket wollen sie durch Musik erwirtschaften.

Nur: Bisher klappt das nicht. „Wir 
haben nach einer Dreiviertelstunde 
50 Cent und einen Kronkorken“, sagt Christoph. Er lacht. Karo auch. Was soll man auch machen? Im Endeffekt sei das aber nicht so wichtig, sagen die beiden also. „Wer mit der Einstellung raus geht, viel Geld verdienen zu wollen, dem macht die Straßenmusik keinen Spaß“, meint Christoph. Das Geld sei schließlich nicht Sinn der Sache. Wichtig sei, „die Musik zu teilen“.

Genre: Akustikpop


Verdienst pro Stunde: 50 Cent und ein Kronkorken   

Straßenmusik gehört zu Kevins Leben

Kevin Rabemanisa Andriamampandry erhält für seinen Auftritt auf dem Kröpcke von seinem Freund Burak Kocaman professionelle 
Unterstützung. Foto: Krajinovic

Der schwarze Hut ist das Markenzeichen von Kevin Rabemanisa Andriamampandry. Wenn der 22-jährige Hannoveraner Charthits wie „Stand by Me“ oder „Just the Way You Are“ in sein Mikrofon schmettert und dazu Gitarre spielt, hört man ihn dank Verstärker schon von Weitem. Heute unterstützt ihn sein Freund Burak Kocaman (24), von Beruf Musiker in der Berliner Pop-Rock-Band Stray Mood, an der E-Gitarre. Die beiden haben sich durch die Straßenmusik kennengelernt.

Kevin kommt aus Madagaskar, erst seit dreieinhalb Jahren wohnt er in Deutschland. „Ich finde die Sprache sehr schön, hatte in Madagaskar aber niemanden, mit dem ich sprechen konnte“, sagt er. Nach drei Jahren Deutschunterricht in der Schule in seinem Heimatland und einem Jahr Germanistikstudium entschied sich Kevin, für ein Jahr als 
Au Pair nach Deutschland zu gehen – und blieb im Anschluss hier.

Straßenmusik ist ein fester Bestandteil in Kevins Leben. Mindestens einmal in der Woche, meistens am Sonnabend, singt der Bäckerlehrling Coversongs am Kröpcke. „Ich spiele bekannte Lieder, weil ich so schneller eine Verbindung zum Publikum aufbauen kann“, sagt Kevin, der auch schon beim Lister-Meile-Fest und bei der Fête de la Musique auf der Bühne stand. Bei seinem Auftritt mit Burak bildet sich schnell eine Menschentraube um die beiden. Drei junge Mädchen bringen den beiden eine rote Rose, die Kevin an seinen Mikrofonständer steckt. Nach jedem Lied applaudiert das Publikum, und Kevin haucht ein Dankeschön ins Mikrofon. Junge und alte Menschen werfen Münzen in den Instrumentenkoffer.

Wegen der Stimmung und, ganz klar, wegen des Geldes treten Kevin und Burak auf der Straße auf. Pro Stunde verdienen die beiden an einem Sonnabend zwischen 50 bis 100 Euro. Für Burak ist das Musikerdasein sein Traumjob: „Die Zeit, die ich bei Rewe an der Kasse sitzen würde, kann ich auch in meine Musik investieren. Wenn man das mit der Musik wirklich will, dann schafft man das auch.“

Genre: Charts


Verdienst pro Stunde: 50 bis 100 Euro  

Bennet Karger und sein MPC

Mit geschlossenen Augen spielt Bennet Karger immer wieder Elektrobeats – auch am Kröpcke. Foto: Krajinovic

Regentropfen klatschen auf den Asphalt. Bennet Karger lässt sich davon nicht stören – noch nicht. „Jeder Wassertropfen ist gefährlich“, sagt der 30-Jährige. Er sitzt mit seinem Music Production Center (MPC), einem Gerät zum Produzieren von elektronischer Musik, am Kröpcke. Regen verträgt das MPC nicht.

Loungige, elektronische Musik hallt über den Platz. Während er diverse Knöpfe an seiner MPC drückt und Schalter verschiebt, hält Bennet die Augen geschlossen. Schwingend bewegt er seinen Körper im Takt der Musik und wirkt dabei wie im Rausch. Das passt zu seinem Künstlernamen: Ben Ebelt. Seit 15 Jahren nennt er sich so. Damals saß er in einer Kifferrunde und schaute einen Trickfilm, in der sich eine Figur als Ben Ebelt vorstellte. „Als ich sagte, dass ich ganz beduselt bin, meinten meine Freunde: ,Nein, du bist Ben Ebelt!‘“, erzählt Bennet und streckt seinen Arm zu einer zeigenden Geste aus.

Bennet spielt nicht nur auf der Straße, sondern in Clubs und Bars in der Stadt. Er ist im Jahr 2010 aus Lehrte nach Hannover gezogen, um auf Bühnen aufzutreten. Dann mixt er nicht nur elektronische Beats, sondern rappt schwelgerische, deutsche Tracks.

Pro Stunde verdient er mit Straßenmusik im Schnitt 30 bis 40 Euro. Manchmal stellt er gar keinen Koffer vor sich auf. „In Linden spiele ich für meine Nachbarschaft. Dafür will ich kein Geld“, sagt Bennet. Dann bieten ihm seine Zuhörer Getränke oder Zigaretten an. Einmal wollte jemand seinen Wocheneinkauf erledigen. Manchmal reagieren die Menschen aber komisch, wenn es keine Möglichkeit zum Bezahlen gibt. „Sie fassen mich an, um mir das Geld zuzustecken oder werfen es mir vor die Füße“, erzählt der Musiker.

Bennet mag es nicht, wenn Leute ihn wegen der Straßenmusik für einen Bettler halten: „90 Prozent der Leute denken, ich verdiene meinen Lebensunterhalt so.“ Dabei ist es für ihn ein Ausgleich zu seinem Job als Hausmeister in einem großen Hotel. „Ich möchte kein Leben außerhalb der Gesellschaft führen, also muss ich die Regeln akzeptieren“, sagt er und dreht sich eine Zigarette. Auf der Arbeit trägt er Hemd und Weste, auf der Straße einen Schlabberpullover und seine löchrigen Lieblingsturnschuhe.

Genre: Loungiger Hip-Hop


Verdienst pro Stunde: 
30 bis 40 Euro  

Jede Stadt hat ihre Regeln

Einfach in die Stadt gehen und musizieren, das dürfen Straßenmusiker in Hannover – wenn sie ein paar Regeln beachten. Jede Stadt definiert ihre eigenen Regelungen. Diese dienen dem Schutz vor Störungen der Geschäftsleute, Anlieger und Passanten.

Werktags ist Straßenmusik zwischen 
10 und 20 Uhr erlaubt. Für die Innenstadtbereiche gibt es diesbezüglich zeitliche Einschränkungen. Nach 30 Minuten müssen die Musiker ihren Standort um mindestens 100 Meter verlagern. Sie dürfen außerdem in einer Straße nur einmal am Tag spielen. Die Benutzung von besonders lauten Instrumenten wie Schlagzeug, Blechblasinstrumenten und Saxofon, ist nicht gestattet.

Blechbläser dürfen aber Weihnachtslieder in der Vorweihnachtszeit spielen. Gruppen mit mehr als vier Mitgliedern dürfen nicht auftreten. Ebenfalls sind elektrische Verstärker, Radios oder sonstige Geräte zum Abspielen von Musik nicht erlaubt. Lediglich einen Tonträger dürfen Straßenmusiker präsentieren, alles andere wertet die Stadt als gewerbsmäßig. Bei Regelverstößen kann die Stadt ein Bußgeld zwischen 5 und 5000 Euro verhängen.

„Wir schwingen aber erst einmal nicht die große Keule, sondern weisen auf die Regeln hin“, sagt Stadtsprecher Udo Möller. Erst nach mehrfachen Verstößen kann es zu einem Bußgeld kommen – meist zwischen 50 bis 150 Euro. „Das ist immer eine Einzelfallentscheidung“, betont Möller.

Damit haben es die hannoverschen Straßenmusiker allerdings noch gut getroffen: In München müssen Musiker in der Stadtinformation vorspielen, um eine von zehn pro Tag verteilten Erlaubnissen zu erhalten.  

Sprungbrett für Karrieren

Leiser wäre die City nicht ohne sie – aber ärmer an schönen Klängen. Straßenmusiker sind aus Innenstädten nicht wegzudenken. Auch in der Stadt Hannover, die sich seit letztem Jahr „City of Music“ nennen darf, hallt Musik durch die Straßen. Die HAZ hat mit drei Straßenmusikern gesprochen. Nicht immer geht es ihnen nur darum, Fußgängern eine Freude zu machen. Die Straße ist auch eine Plattform, um sich selbst zu vermarkten.

Vom Straßenmusiker zum Star – diesen Traum träumen wohl viele Künstler. Hin und wieder wird er wahr. Ein populäres Beispiel ist Mike Rosenberg, besser bekannt als Passenger, zu Deutsch Reisender. Bevor er durch seinen Song „Let Her Go“ international bekannt wurde, reiste der gebürtige Engländer als Straßenmusiker durch Australien.

In Deutschland ist neben dem Potsdamer Mundharmonikaspieler Michael Hirte die Kelly Family das wohl bekannteste Beispiel für Straßenmusik. In den Siebzigerjahren reiste die Familie mit einem Doppeldeckerbus durch Europa, Mitte der Neunzigerjahre gelang ihnen der große Durchbruch. Anfang der Neunzigerjahre spielte die damals noch recht unbekannte Familie auf dem Steintorplatz. Was laut Extremsportler Joey Kelly kaum jemand weiß: Fast ein halbes Jahr lang lag das Hausboot der Kellys am Mittellandkanal in Höhe Nordhafen vor Anker.

Von Sarah Franke      

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