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Aus der Stadt Streik-Ende lässt nicht nur Bahnkunden aufatmen
Hannover Aus der Stadt Streik-Ende lässt nicht nur Bahnkunden aufatmen
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12:22 08.11.2014
Foto: Die große Leere am Hauptbahnhof hat am Sonnabend ein Ende: Die streikenden Lokführer wollen um 18 Uhr die Arbeit wieder aufnehmen.
Die große Leere am Hauptbahnhof hat am Sonnabend ein Ende: Die streikenden Lokführer wollen um 18 Uhr die Arbeit wieder aufnehmen. Quelle: Dillenberg
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Hannover

Der Streik der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) endet früher als geplant. Statt den angekündigten 109-stündigen Ausstand durchzuziehen, wollen die rund 350 hannoverschen Mitglieder ab 18 Uhr wieder den Dienst aufnehmen. Diese Geste der Versöhnung, wie GDL-Chef Claus Weselsky den Abbruch des Ausstandes nennt, könnte jedoch ganz andere Gründe haben. „Seit Donnerstagabend kam es immer wieder zu Anfeindungen, von denen uns Mitglieder erzählt haben“, sagte der hannoversche Ortsvorsitzende der GDL, Jan Manfras. Mehrfach sei es zu Übergriffen von Bahnkunden auf Lokführer oder Zugbegleiter gekommen. „Beleidigungen und das Anspucken der Betroffenen gehörten dabei noch zu den geringeren Vergehen“, sagte Manfras.

Doch nicht nur die Bahnkunden haben genug von ausfallenden Zügen und leeren Bahnhöfen. „Auch uns gehen viele Kunden verloren“, sagt Alemu Tadesse. Der Taxifahrer ist wie seine Kollegen am Hauptbahnhof enttäuscht und aufgebracht. Ohne Streik wäre es ihnen besser ergangen, sagt der 45-Jährige. Die Leute hätten sich vorbereitet, würden sich umorganisieren und mit eigenen Autos fahren. Ein Kollege, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, stimmt Tadesse zu. „Wenn keine Leute mit dem Zug ankommen, wen sollen wir dann fahren?“, fragt er. Dass die Taxifahrer vom Streik profitieren würden, sei ein Irrglaube.

Genau wie die Vorstellung, dass die Lokführer und Zugbegleiter Spaß an ihrem Streik haben. Bereits am ersten Tag des bereits vierten von der GDL organisierten Ausstandes hatten nicht alle Gewerkschaftsmitglieder teilgenommen. Zwar bezeichnete Manfras die Beteiligung als sehr gut und verwies darauf, dass schließlich jeder Streikende „50 Euro pro Streiktag bekommt“. Jedoch verdient schon jeder Auszubildende mit der schlechtesten Steuerklasse nach dem aktuellen GDL-Tarifvertrag mehr an einem Arbeitstag – Nacht- oder Feiertagszulagen nicht eingerechnet.

Ganz gleich aus welchen Gründen die GDL ihren Streik am Sonnabend beendet, für ihren Arbeitgeber bedeutet das zunächst wieder eine zusätzliche Belastung. Nachdem in kürzester Zeit ein Ersatzfahrplan bis Montagmorgen ausgearbeitet wurde, der in den vergangenen Tagen auch nahezu erfüllt wurde, muss die Deutsche Bahn nun möglichst schnell wieder den Nah- und Fernverkehr nach dem regulären Fahrplan aufnehmen. „Daran arbeiten wir mit Hochdruck“, sagte eine Unternehmenssprecherin gestern. Dies werde jedoch vor allem im Fernverkehr aufgrund der komplexen Einsatzplanung von Zügen und Personal einige Zeit in Anspruch nehmen und auch am Sonntag zu einem deutlich eingeschränkten Angebot führen. „Im Nahverkehr können Fahrgäste aber im Verlauf des Sonntags schrittweise wieder auf deutlich mehr Züge zurückgreifen“, so die Sprecherin.     

Läden im Hauptbahnhof klagen über Umsatzeinbußen

Marko Molkentin schüttelt verständnislos den Kopf. „Ich sehe keinen Grund für so einen Streik“, sagt der 30-Jährige, der bei der Landbäckerei Bosselmann im Hauptbahnhof verkauft. Denn nicht nur für viele Kunden der Bahn ist der Streik ein Ärgernis. Auch die Läden im Hauptbahnhof bekommen die Auswirkungen des Lokführerausstandes zu spüren. Etwa ein Viertel weniger Kunden als sonst kämen vorbei, sagt Molkentin. Das Verständnis halte sich bei vielen in Grenzen.

Bei Sesam-Döner schätzt man den Verlust durch die Streiktage sogar noch höher ein. Bis zu 40 Prozent weniger Kunden kämen, berichtet Verkäufer Mohamed Al-Zein. „Diejenigen, die etwas kaufen und vom Streik betroffen sind, bleiben dann aber teilweise stundenlang bei uns sitzen“, erzählt der 21-Jährige. Immer wieder bekommen die Verkäufer im Dönergeschäft auch den Ärger mit, den die Reisenden mit sich herumtragen. Allein sieben Leute wären es bereits Freitagvormittag gewesen, die ihrem Ärger Luft gemacht hätten.

Dass die Kunden genervt sind, merkt man auch in der unteren Etage des Bahnhofes. Zwar sprechen die Verkäufer etwa im Nudelgeschäft Golden Dragon oder im Schuhladen wenige Meter weiter nicht von starken Umsatzeinbußen. Dennoch bekommen sie die Hektik und den Ärger einiger Fahrgäste mit, erzählen sie. Die Mitarbeiter der Geschäfte spüren die Folgen des Streiks aber auch ganz unmittelbar: Sie sind teilweise auf Bahnen angewiesen, um zur Arbeit zu kommen. Dass das nicht immer leicht ist, weiß auch Molkentin eine Etage höher zu berichten. „Wenn um 22 Uhr die letzte Bahn fährt, aber die Schicht eigentlich bis Mitternacht geht, dann müssen wir tauschen“, erklärt er. Der Arbeitsplan müsse daher teilweise komplett verändert werden.

Bei Mr. Clou nebenan gibt es immerhin ein halbwegs glückliches Gesicht. Zwar geht auch frisch gepresster Saft während des Streiks schlechter. Doch Verkäuferin Meike Peter nimmt es gelassen – für die 31-Jährige bedeutet das: Der Feierabend beginnt früher.s     

Von Jörn Kießler und Sabine Gurol

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