Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Das war der Streik-Tag in Hannover
Hannover Aus der Stadt Das war der Streik-Tag in Hannover
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:49 15.03.2018
Mit erheblichen Beeinträchtigungen müssen die Menschen in Hannover heute rechnen: Üstra, aha und andere Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes streiken am Donnerstag. Die erste Kundgebung ist am Flughafen. Quelle: Rainer Dröse
Anzeige
Hannover

Einen Tag lang ging in Hannover vieles nicht mehr, was sonst selbstverständlich ist: Busse und Bahnen blieben in den Depots, die Müllabfuhr kam nicht, städtische Kindergärten blieben geschlossen. Mit Gelassenheit nahmen die meisten Menschen in Hannover die Verzögerungen hin. Eindrücke aus einer Stadt im Streik.

7:00 Uhr. Alles ist ruhig

Leere Gänge und Ebenen an der U-Bahn-Station Kröpcke, keine Menschenseele weit und breit: Wo sonst um diese Zeit ein Gewusel von Menschen herrscht, Pendler zu ihren Bahnen hetzen oder sich beim Bäcker noch einen Kaffee oder ein Brötchen gönnen, ist an diesem Morgen nur Stille. Zwei Tage hatten die Hannoveraner Zeit, sich auf den Streik einzustellen, folgerichtig verirrt sich niemand auf Hannovers Nahverkehrsumschlagplatz. Am Küchengarten in Linden warten zeitgleich aber Einzelne an der Haltestelle. Hat da jemand den Streik nicht mitbekommen? Nein, das ist schon richtig so, sagt Katrin Gellert: „Ich nutze den Regiobus, um zum Hauptbahnhof zu kommen. Normalerweise fahre ich Bahn.“ Es ist an diesem Morgen ein Geheimtipp für Berufspendler: Die Regiobuslinien 300, 500 und 700 fahren durch Linden, Ricklingen und die City – und werden nicht bestreikt. 

Anzeige
Busse und Bahnen der Üstra fahren nicht, der Müll bleibt liegen: Die Beschäftigten verleihen ihrer Forderung nach sechs Prozent mehr Gehalt in den Tarifverhandlungen mit einem Warnstreik in Hannover Gehör.

7:40 Uhr. Stauzeit in der Stadt

Es wird voll auf den Straßen. Wer am Frühstückstisch noch einen Blick auf den Routenplaner wirft, der sieht, wie die Straßen in Hannover sich orange und dann rot einfärben – Staus auf vielen wichtigen Strecken in der Stadt. Doch viele haben keine Wahl, steigen in ihre Autos und reihen sich in die Blechlawine ein. 

7:45 Uhr. Elterntaxis kommen

Was tun, wenn der Schulbus nicht fährt? Wegen des guten Wetters steigen viele Schüler weiterführender Schulen aufs Rad um, doch nicht jeder hat seine Schule in der Nachbarschaft. Zeit für die Elterntaxis. Es wird ein bisschen eng vor den Schulen, aber Eltern wie Schüler nehmen es gelassen. Lwira Trzcinska hat erst ihre Tochter zum Kaiser-Wilhelmratsgymnasium im Zooviertel gefahren und holt jetzt ihre Arbeitskollegin ab, um mit ihr zur Arbeit zu fahren: „Auf der einen Seite verstehe ich die Leute, die streiken, auf der anderen Seite bin ich halt selbst betroffen. Allerdings fühle ich mich nicht so betroffen, weil ich ja ein Auto habe.“ 

8:30 Uhr. Demo am Flughafen

Rund 600 kommunale Beschäftigte aus Regionsstädten von Neustadt über Garbsen und Ronnenberg bis Barsinghausen und Springe versammeln sich am Flughafen in Langenhagen. Viele kommen mit der S-Bahn – denn die wird nicht bestreikt. Die Demonstranten wollen mit der Kundgebung ihre Forderungen nach sechs Prozent mehr Lohn, mindestens aber 200 Euro mehr im Monat unterstreichen. Zu den Demonstranten zählen auch Claudia und Stefan Hoheisel, beide bei der Firma Aviation Handling Service (AHS) angestellt. Sie und ihre Kollegen hatten für den Streik ein eigenes Motto entworfen: „AHS = Alle haben’s satt“ war auf Schildern und Transparenten zu lesen. Die Arbeit in der Branche rund um das Einchecken und Boarding, aber auch der Vorbereitung der Maschinen für den Abflug – inklusive der Papierdokumentation und der Koordination der Reinigungskräfte – werde immer anspruchsvoller. „Wir müssen mehr machen, bekommen aber weniger Lohn“, sagt Hoheisel.

8:50 Uhr. Müll bleibt liegen

Auch die Müllabfuhr streikt, Tonnen werden nicht geleert, Säcke nicht abgeholt. Auch am nächsten Tag nicht, wie das nach einem Feiertag üblich ist. In Seelze haben einige Anwohner das nicht mitbekommen . Hier liegen die Müllsäcke fein säuberlich aufgereiht an der Straße – sie müssen wieder hereingeholt werden. In Letter ärgert sich ein Spaziergänger mit Hund mächtig darüber: „So eine Schweinerei. Jetzt müssen wir zwei Wochen warten, bis das geholt wird. Das stinkt doch.“

09.50 Uhr. Zentrale Demo in Hannover

Vor dem Neuen Rathaus und auf dem Üstra-Betriebshof Glocksee sammeln sich die Streikenden, um für ihre Ziele zu demonstrieren. Rund 1600 sind es nach Polizeiangaben insgesamt, bis zum Mittag ziehen sie zur Kundgebung am Bahnhof. Lautstark werben sie für ihre Forderungen.

10 Uhr. Vergebliches Warten

Horst Kolberg ärgert sich. Eigentlich habe er doch gewusst, dass die Üstra streikt, sagt der 90-Jährige. „Ich habe es aber heute Morgen wohl wieder vergessen.“ Nun steht er an der Haltestelle Saarbrückenstraße in Kirchrode und wartet vergeblich auf eine Bahn, die ihm zu einer Blutuntersuchung beim Arzt bringen soll. Er entscheidet sich, den Termin zu verschieben. „Selbst wenn ich jetzt mitgenommen werde, komme ich ja nicht wieder zurück“, sagt er. 

12:45 Uhr. Freude bei den Taxifahrern

Orhan Akdag ist zufrieden. Der Taxifahrer ist heute deutlich gefragter als sonst. Schon am Vormittag hatten sich Schlangen an den Taxiständen gebildet. „Die Fahrgäste schimpfen über die Streikenden, aber für uns ist das natürlich ein gutes Geschäft“, sagt er. Viele Kunden hätten bereits am Vortag ein Taxi vorbestellt, um rechtzeitig zur Arbeit zu kommen. Allein Hallo Taxi hat 580 Fahrzeuge im Einsatz.

13:40: Rush Hour an der Schule

Am Bonifatiusplatz liegen mit der Ricarda-Huch-Schule, der Comeniusschule und der Bonifatiusschule gleich drei Lernanstalten. Mittags ist es hier immer wuselig, aber: „Heute ist es wirklich extrem“, sagt eine Mutter. Autos parken in zweiter Reihe, verstopfen die ohnehin nicht sehr breiten Straßen. Huptöne und Schulgongs bilden die akustische Kulisse des Platzes. 

14:15 Uhr. Einsamer Streiker in Pattensen

Auch in Pattensen waren Mitarbeiter der Kommune zum Streik aufgerufen – doch nur ein einzelner Mitarbeiter habe tatsächlich die Arbeit niedergelegt, sagt Stadtsprecherin Andrea Steding

17:30 Uhr. Es löst sich auf

Zum Berufsverkehr am Nachmittag wird es wieder voll. Auch, weil mehr Autos unterwegs sind als nötig. „Viele sind auf das Auto umgestiegen, aber kaum jemand bildet Fahrgemeinschaften“, sagt ein Mitarbeiter der Verkehrsmanagementzentrale. Abends ist dann wieder alles normal – Hannover hat den Streiktag überstanden.

Der Live-Ticker vom Tag zum Nachlesen