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Aus der Stadt Student an der Kasse fürchtete um sein Leben
Hannover Aus der Stadt Student an der Kasse fürchtete um sein Leben
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07:38 11.04.2013
Von Michael Zgoll
Ein 27-Jähriger muss sich wegen räuberischer Erpressung vor dem Landgericht verantworten.
Ein 27-Jähriger muss sich wegen räuberischer Erpressung vor dem Landgericht verantworten. Quelle: Thomas (Symbolfoto)
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Hannover

Ein Dezemberabend im Jahr 2012, kurz vor neun im Verkaufsraum der Esso-Tankstelle Brabeckstraße. Hinter der Kasse steht der Jurastudent René T. Er arbeitet hier dreimal pro Woche als Aushilfe, sieben Euro pro Stunde beträgt das Salär. Das Weihnachtsfest steht vor der Tür, der 27-Jährige freut sich auf seinen Feierabend gegen 22 Uhr. Dann kreuzt um 20.52 Uhr Andrzej Krystian N. in der Tankstelle auf, ein in Polen geborener Kleinkrimineller mit langem Vorstrafenregister. Dieser hält ihm eine Pistole vor die Brust und fordert Geld, flankiert wird er dabei von Dirk D. Am Mittwoch begegnen sich Täter und Opfer  beim Prozess wieder, in Saal 127 des Landgerichts Hannover. N. muss sich vor der 2. Großen Strafkammer wegen räuberischer Erpressung verantworten, T. tritt als Zeuge auf.

Die Esso-Tankstelle in Bemerode ist überaus gut überwacht. Zwölf Kameras hat der Pächter installiert. Sie dokumentieren das stümperhafte Vorgehen der beiden Täter bestens.

Andrzej Krystian N., auch er 27 Jahre alt, hat sich nur notdürftig mit Mütze und Schal verkleidet, sein Gesicht ist auf den Bildern der Kamera „Kasse 1“ gut zu erkennen. Es sieht nahezu normal aus, geschäftsmäßig, wie der Student an der Kasse erst Scheine, dann Münzen und Zigaretten in eine Plastiktüte packt. Gesamtwert: 500 Euro. Die Anweisungen, die ihm der leicht angetrunkene N. zuraunt, werden nicht aufgezeichnet. Doch die Pistole ist überaus präsent. „Ich habe funktioniert, wollte auch nicht den Helden spielen“, erklärt der junge Mann dem Gericht unter Vorsitz von Frank Rosenow. Später sagt er noch, dass er „wirklich Angst“ gehabt habe, dass er N. zugetraut habe, auf ihn zu schießen. Dass nur eine ungeladene Schreckschusspistole auf ihn gerichtet ist, konnte T. nicht wissen.

In den ersten Wochen nach der Tat dreht der Jurastudent den Tankstellenkunden möglichst nicht den Rücken zu, hat im Dunkeln beim Spazierengehen „leichten Verfolgungswahn“. Doch therapeutische Hilfe nimmt er nicht in Anspruch, ist jetzt auch über das Schlimmste hinweg. Die Entschuldigung, die ihm der Räuber vor Gericht anbietet, kann er akzeptieren.

Was Andrzej Krystian N. allein seit 2011 angestellt hat, ist Teil der Vita eines Menschen, für den es scheinbar wenig Hoffnung gibt. Es ist die Geschichte von einem, der kein Schwerkrimineller ist, sondern sich eher aus Bequemlichkeit, Gewöhnung und Verzweiflung von Straftat zu Straftat hangelt.

Im Juni 2011 überfällt er gemeinsam mit drei Kumpanen einen Kiosk mit Postschalter am Rübezahlplatz in Mittelfeld, versetzt zwei Frauen in Angst und Schrecken – für wenige Tausend Euro. Bei einer fernsehreifen Verfolgungsjagd setzt die Polizei einen Hubschrauber ein, gibt einen Warnschuss ab, kann nach kurzer Zeit drei Täter dingfest machen. N. entkommt zunächst nach Polen, wird aber im August in Beuthen festgenommen. Dort versucht er, einen Polizisten zu bestechen, bekommt dafür 14 Monate Haft aufgebrummt.

Im Herbst 2012 wird er nach Deutschland überführt und nutzt im November einen Zahnarztbesuch in der MHH zur Flucht. Am 18. Dezember überfällt er die Bemeroder Tankstelle, zwei Tage darauf nehmen ihn Zielfahnder fest. Wie sein Verteidiger Christoph Rautenstengel erklärt, hat N. seine gut einjährige Tochter bislang nur durch eine Trennscheibe gesehen – so schnell dürfte sich das auch nicht ändern.

René T. arbeitet inzwischen nicht mehr als Aushilfe in der Tankstelle. Doch er wohnt noch in der Brabeckstraße – und auch ein flüchtiger Blick auf Zapfsäulen und Verkaufsraum lässt die Erinnerung an 60 schreckliche Sekunden immer wieder aufflammen.

Jan Szyszka (fM) 13.04.2013
Bernd Haase 10.04.2013