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Aus der Stadt Selbstbestimmtes Leben fängt beim Zähneputzen an
Hannover Aus der Stadt Selbstbestimmtes Leben fängt beim Zähneputzen an
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20:48 01.09.2014
Durch den Joystick von Ilka Woronzow kann Frau Katzer ohne Maus am Computer arbeiten (links im Bild Christian Kropp). Quelle: Insa Cathérine Hagemann
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Hannover

Nicola Schnakenberg hat Studierende der Hochschule Hannover gebeten, ein technisches Hilfsmittel zu entwickeln, das ihr ein Stück mehr selbstbestimmtes Leben ermöglicht. Am Montag ist im Annastift in Wülfel der Prototyp vorgestellt worden, den die beiden Nachwuchswissenschaftler Thiemo Schunder und Hendrik Priemer entwickelt haben.

Der Roboter, der mit einem Seilzug arbeitet, kann alle unterschiedlichen Positionen lernen, die beim Zähneputzen nötig sind. Und das sind ganz schön viele. „Zähneputzen ist ein sehr komplexer Vorgang“, sagt Prof. Jörg Wehmeier, der das Projekt betreut. Bis zu 32-mal wird mit der Zahnbürste während des Putzens die Position verändert. „Eigentlich erstaunlich, dass ein Mensch so etwas kann“, fügt er augenzwinkernd hinzu. „Sie haben eben sehr bewegliche Arme“, antwortet Nicola Schnakenberg trocken. Weil ihr diese Beweglichkeit fehlt, ist sie auf technische Hilfsmittel angewiesen.

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Studenten der Hochschule Hannover haben in Kooperation mit dem Annastift in Hannover Alltagshilfsmittel für Menschen mit Behinderung entwickelt.

Seit Anfang vergangenen Jahres arbeiten die Annastift Leben und Lernen GmbH und der Fachbereich Elektro- und Informationstechnik der Hochschule Hannover zusammen und erfinden Geräte, die auf die individuellen Bedürfnisse der behinderten Bewohner zugeschnitten sind. „Es sind oftmals die kleinen, selbstverständlichen Dinge im Leben, die Menschen mit körperlichem Handicap den Alltag erschweren“, betont Dirk Semrau, Prokurist von Annastift Leben und Lernen. Die neuen technischen Geräte sollten keine Pflegekräfte ersetzen, sondern den Behinderten zu mehr Eigenständigkeit verhelfen. „Das ist Teilhabe am normalen Leben“, sagt Semrau.

Auch der Hochschule Hannover (HsH) geht es nicht um die Entdeckung neuer technischer Absatzmärkte, sondern um „zielgerichtete, individuelle Lösungen“ für den einzelnen Anwender, wie Karl-Heinz Niemann von der HsH sagt. Außerdem sei es für die Studierenden, die ansonsten eher Projekte für die Industrie entwickelten, ein ganz neues Arbeitsumfeld. Bei der Präsentation der Speziallösungen merkt man schnell, wie eng der Draht zwischen den Studenten und den Bewohnern ist. Laura Katzer lobt die kombinierte Joystick-Maus mit Knopfdrucktastatur, die sie viel leichter bedienen kann. „Früher habe ich durch eine unkontrollierte Bewegung mal versehentlich eine Datei gelöscht“, sagt die Bürokauffrau im Rollstuhl. „Jetzt arbeite ich nur noch mit der Joystick-Maus, und das passiert nicht mehr.“ Studentin Ilka Woronzow lächelt.

Gerade Eingabewerkzeuge für Computer wie PC-Mäuse oder Tastaturen stellen Menschen mit Handicaps oft vor große Schwierigkeiten. Eine Maustaste lange gedrückt zu halten, um etwa bestimmte Icons auf der Bildschirmoberfläche zu verschieben, klingt einfach, kann aber bei bestimmten Behinderungen eine unlösbare Aufgabe sein.

Student Christian Kropp zeigt mit Annastift-Bewohner Jörg Czekalla eine Spezialanwendung für zwei Bildschirme. Es dauert lange, bis Czekalla die vier Buchstaben seines Vornamens mit Joystick und Tastatur eingegeben hat. Aber jetzt kann er alleine schreiben und auch E-Mails verschicken. „Es ist ein großer Unterschied, ob man schreiben kann oder nicht“, sagt Semrau. Die Studenten haben technische Hilfsmittel entwickelt, die den Annastift-Bewohnern den Zugang zum Internet und zu sozialen Netzwerken wie Facebook eröffnen. Auch das ist ein Stück Selbstständigkeit, auf das Menschen wie Nicola Schnakenberg nicht mehr verzichten möchten. Das ist beim Zähneputzen nicht anders als beim E-Mail-Schreiben an eine Freundin.

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