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Aus der Stadt Suchtklinik am Kronsberg: Der Rückfall ist einkalkuliert
Hannover Aus der Stadt Suchtklinik am Kronsberg: Der Rückfall ist einkalkuliert
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21:19 03.04.2009
Von Felix Harbart
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Beschäftigung statt Dauerkontrolle: Therapeutin Petra Köller mit Patienten bei der Ergotherapie. Quelle: Martin Steiner
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Es trifft sich, dass Peter* gerade heute entlassen wird, glücklich und zuversichtlich, nach 22 Wochen Therapie. Denn Peters Entlassung fällt in eine Zeit, in der viel Kritik über das Drogenhilfenetzwerk Step und seine Klinik für Suchterkrankungen auf dem Kronsberg hereingebrochen ist. Zu lax sei es dort lange zugegangen, hieß es, ein Mangel an Kontrollen habe zu Drogenhandel auf dem Gelände der Drogenklinik geführt, überhaupt leiste das neue, offene Konzept der Klinik solchen Zuständen Vorschub. Die Vorwürfe lasten schwer, sie hätten „ganz schön Wirbel verursacht“, sagen die Step-Verantwortlichen. Da ist es gut, wenn jemand die andere Seite der Medaille schildern kann, jemand wie Peter. Denn Peter ist eine Erfolgsgeschichte.

So sitzt Peter im Büro von Klinikleiter Frank Siegele, ein junger Mann mit Jackett, modischem Schal und einer gefährlichen Kokainkarriere. In seinem „Entlassungsgespräch“ berichtet er dem Klinikchef nun von seinen Erfahrungen – und gibt dessen umstrittenem Konzept so gewissermaßen ein Gesicht. Ein Umstand, der für Siegele nach all der Kritik eine glückliche Fügung ist.

Peter, dessen Alter gegen Ende 20 geht, hat immer gerne gefeiert. In den hannoverschen Klubs, die jeder kennt, und zuletzt auf eine Weise, die, glaubt man Peter, längst nicht mehr außergewöhnlich ist. Mittlerweile, sagt er, gehöre das „Koksen“ für viele „ganz normal“ zum Feiern dazu. Schon die 18-jährigen Mädchen täten es, manche vielleicht nur gelegentlich. Er selbst aber hat es irgendwann übertrieben, an einem Punkt im vergangenen Jahr hat das Kokain sein Leben in Beschlag genommen, er verlor seinen Job, und seine Tage verloren die Struktur. Also rettete Peter sich in die ambulante Therapie.

Anfangs, sagt Peter, sei es für ihn „verdammt schwierig“ gewesen, Tag für Tag aufzustehen und zum Kronsberg rauszufahren. „Aber irgendwann ging es“, sagt er, und Klinikchef Siegele nickt zufrieden. Peter erzählt von der Sportwoche im Januar, in der er mit dem Laufen begann. Davon, dass er sich seither jeden Morgen aus dem Bett gequält habe und durch die Kälte gejoggt sei, noch vor der Fahrt in die Klinik. Und dann kommt er auf seine Rückfälle zu sprechen, drei an der Zahl. „Beim ersten war ich drei Tage lang drauf.“ Siegele nickt wieder, an diesem Punkt wird es spannend für ihn. „Und was haben Sie dann gemacht?“

Seit der vergangenen Woche, seit der aufkommenden Kritik an ihrer Einrichtung, versuchen Siegele und Step-Geschäftsführer Heiner Peterburs die Sache mit dem Rückfall zu erklären. Gebetsmühlenartig haben sie seither wiederholt, dass man schließlich „mit dem Rückfall arbeitet“. Hier, bei Peter, lässt sich diese Theorie nun besichtigen. „Ich habe mich in der Klinik gemeldet“, sagt Peter, „und ich war froh, dass ich nicht gleich rausgeflogen bin, sondern man sich mit mir hingesetzt und nach den Gründen geforscht hat.“ Zweimal noch ist Peter Ähnliches passiert, jedes Mal aber sei der Rückfall ein bisschen weniger stark gewesen, und nun sei er seit Wochen drogenfrei. Nach dem Gespräch geht Peter hinaus in die Frühlingssonne, er fühle sich „richtig gut“, sagt er, im Mai soll er bei einem neuen Arbeitgeber anfangen.

Es überrascht nicht, dass sich neben Peter auch andere Patienten klar für die auf dem Kronsberg praktizierte offene Methode der Therapie aussprechen – jene Philosophie, nach der Drogenkranke nach einem Rückfall nicht sofort aus der Einrichtung entlassen werden. Kai* zum Beispiel war zuvor in einer Einrichtung, in der es Leibesvisitationen gab und auf der Suche nach Drogen die Wäsche durchwühlt wurde. „Das war eine Dauerkontrolle, die kein Mensch aushält“, sagt Kai, der wegen seiner Heroinsucht in der Klinik ist. Auf dem Kronsberg sei das anders. Jetzt sind seine Prognosen gut, demnächst kann er nach Hause.

Allerdings, sagt Kai, habe das Konzept der Klinik nicht immer ganz reibungslos funktioniert. „Bis vor einer Weile hat es hier eine Gruppe gegeben, die hier ganz schön für Unruhe gesorgt hat“, sagt er. Diese Gruppe nutzte die freien Zeiten nach 16 Uhr, um sich in Hannover mit Drogen zu versorgen – und diese an Mitpatienten weiterzuverkaufen. Bei den Mitgliedern dieser Gruppe habe es sich um sogenannte Fünfunddreißiger gehandelt, sagt Kai – jene Patienten, die aufgrund des Betäubungsmittelgesetzparagrafen 35 statt einer Haftstrafe die Therapie angetreten haben. Probleme wie diese, beteuern die Klinikverantwortlichen, gebe es überall, und schon gar nicht dürfe man sich zu sehr auf die „Fünfunddreißiger“ einschießen. Und doch verfestigt sich der Eindruck, dass sie auf dem Kronsberg zeitweise eine größere Dimension annahmen als anderswo. Insider sprechen von einem schwunghaften Handel, den es zeitweise gegeben haben soll, Einschätzungen von Experten untermauern Kais Beobachtung, dass durchaus „Fünfunddreißiger“ eine entscheidende Rolle dabei spielten.

Irgendwann wies ein Patient der Klinik die Deutsche Rentenversicherung auf die Missstände hin, über die gut 60 Prozent der Patienten auf den Kronsberg kommen. Seither wurden die Sicherheitsmaßnahmen verschärft, passen zwei Wachmänner auf, was auf dem Gelände passiert, müssen die Patienten Ausweise tragen. „Was glauben Sie, was ich hier mache, Drogen verkaufen?“, hat Patient Dieter* mal im Spaß einen Wachmann gefragt, der seinen Ausweis sehen wollte. „Alles schon mal dagewesen“, sagte der Wachmann nur. Ohne externe Aufpasser sei es für Therapeuten und Ärzte schwierig, sowohl den unterstützenden Part darzustellen, der Ausrutscher verzeihen soll, als auch den kontrollierenden Part, der diese Ausrutscher bestrafen soll, sagt die Leitende Ärztin Ilona Lojewski. „Deswegen ist es gut, dass es Wachleute gibt, die nichts mit der Therapie zu tun haben.“ Das mache die Lage auch für die Patienten einfacher.

In einer der vormittäglichen Gesprächsgruppen geht es an diesem Tag um den Rückfall. Was tue ich, wenn es passiert? Wie sage ich es meiner Frau? Viele in der Gruppe leiden an Alkoholsucht. „Meiner Frau muss ich nicht viel sagen, wenn ich wieder gesoffen habe, die riecht das“, sagt ein Mann. Er selbst habe es noch gut, seine Frau stehe zu ihm und verteufele ihn nicht jedes Mal, wenn er wieder zur Flasche greife. „Da hast du wirklich ein verdammtes Glück“, sagt ein Leidensgenosse.

Auf einem Stuhl sitzt eine dunkelhaarige Frau. Ihr Gesicht wirkt ausgezehrt, meist schaut sie zu Boden, nervös fingert sie an ihrem Handy herum. Seit 26 Jahren kämpfe sie nun gegen ihre Drogensucht, sagt sie. „Ich will mich bei keinem melden, wenn ich mir wieder den Kopf vollgehauen hab.“ Dann blickt sie auf, streicht sich die Haare aus dem Gesicht. „Ich will keinem mehr auf den Wecker fallen.“ Auf einem Flipchart hinter ihr stehen mögliche Maßnahmen bei einem Rückfall, die die Gruppe besprochen hat. Neben einem der Spiegelstriche steht: „Therapeuten anrufen“.

Zum Teil, sagt Klinikleiter Siegele, ließen sich die Sicherheitsprobleme vielleicht als Kinderkrankheit der neuen Klinik beschreiben, die man in den Griff zu bekommen versuche. „Das ist aber nur die halbe Wahrheit“, sagt er. Eine Klinik wie diese, ein Konzept wie dieses, werde nie „ganz zur Ruhe kommen“. Natürlich könne man die Patienten wegsperren, ihnen so gut wie möglich den Weg zur Droge verbarrikadieren. „Dann hätten wir alle hier ein leichteres Leben.“ So aber, sagt Kai, wäre er von der Droge nicht losgekommen. „Man muss es zu einem guten Teil selber schaffen“, sagt er. „Alles andere hat keinen Sinn.“

* Namen der Patienten wurden von der Redaktion geändert.