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Aus der Stadt Tagesmutter wegen Körperverletzung verurteilt
Hannover Aus der Stadt Tagesmutter wegen Körperverletzung verurteilt
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00:18 29.10.2015
Von Michael Zgoll
Die Tagesmutter und ihr Anwalt sehen dem Urteil am Amtsgericht Hannover entgegen. Quelle: Uwe Dillenberg
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Hannover

Einen elf Monate alten Jungen, der weinerlich war und keinen Mittagsschlaf halten wollte, brüllte sie an, schüttelte ihn und setzte ihn grob auf den Boden ihrer Wohnung in der List. Ein Mädchen, knapp zwei Jahre alt, schlug die Tagesmutter mehrmals kräftig auf den Handrücken. Das Kind hatte eine Zimmertür mehrfach geöffnet und geschlossen.

Die Stadt Hannover entzog der Tagesmutter wenige Tage nach Bekanntwerden der Vorfälle die Pflegeerlaubnis; inzwischen arbeitet die gelernte Zahnarzthelferin in einem Kosmetikstudio. Die 34-Jährige, die selbst vier Kinder hat, ist bereits vorbestraft, allerdings nicht einschlägig. 2013 wurde sie wegen versuchten Betrugs zu einer Geldstrafe verurteilt, 2014 wegen Betrugs und Urkundenfälschung in 29 Fällen zu einer Bewährungsstrafe von 17 Monaten.

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Das Schütteln und Schlagen der Kinder war öffentlich geworden, weil es mehrere Zeugen gab: eine Praktikantin, eine ehemalige Freundin der Tagesmutter sowie den Sohn dieser Freundin, heute 13 Jahre alt. Sie alle sagten im Prozess aus, ebenso wie die Mutter des kleinen Jungen. Wie die 31-jährige Hebamme erklärte, habe ihr die Tagesmutter schon Tage vor dem Schütteln ihre Sohnes berichtet, dass sie sich überfordert fühle und nicht mehr wisse, wie sie mit dem zahnenden Säugling fertig werden solle. Ein Wohnungsbrand und der Umzug in andere Räume seien hinzugekommen.

Unter Tränen erzählte die Hebamme, dass ihr Sohn immer mehr Widerwillen an den Tag gelegt habe, bei der Betreuung zu bleiben. Deshalb hätten sie und ihr Mann sich schon vor dem Zwischenfall nach einer anderen Tagesmutter umgeschaut.

Eine Rechtsmedizinerin erklärte vor Gericht, das Schütteln eines Kleinkindes sei potenziell lebensbedrohlich. Um Nervenbahnen oder Blutgefäße im Gehirn zu schädigen, müsse dieses allerdings sehr heftig vonstatten gehen sowie fünf bis zehn Sekunden – oder auch zehn- bis dreißigmal – andauern. Die Zeugen hatten nur ein ein- bis fünfmaliges Schütteln beobachtet. Auch wurden bei dem Jungen keine ernsthaften Verletzungen festgestellt, nur ein blauer Fleck vom festen Zupacken an einem Arm.

Der Staatsanwalt forderte eine Geldstrafe von 900 Euro, der Verteidiger plädierte auf Freispruch. Er meinte, die drei Hauptbelastungszeugen hätten ihre Aussagen abgesprochen, um seiner Mandantin zu schaden. Warum sie dies hätten tun sollen, sagte er nicht. Der Richter wies darauf hin, dass die Tagesmutter nicht wegen einer Misshandlung von Schutzbefohlenen verurteilt worden sei, da sie die Kinder nicht absichtlich quälen wollte. Auch sei das Schütteln des Jungen nicht so heftig gewesen, dass es lebensbedrohlich war; insofern sei eine Verurteilung wegen gefährlicher Körperverletzung – die zu einer Haftstrafe geführt hätte – nicht angezeigt gewesen. Nichtsdestotrotz habe die 34-Jährige die ihr anvertrauten Kinder völlig unangemessen behandelt und das Vertrauen der Eltern missbraucht. „Sie hätten ihr eigenes Versagen und ihre Überforderung niemals an den Kindern auslassen dürfen“, sagte Schnelle.

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