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Aus der Stadt Tausende Kita-Angestellte streiken
Hannover Aus der Stadt Tausende Kita-Angestellte streiken
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21:15 16.04.2015
Von Saskia Döhner
Richtig was wert: Am Donnerstag wurde in Hannover demonstriert. Quelle: HAZ
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Hannover

Eltern in Hannover müssen in den nächsten Wochen vielleicht mehr Urlaubstage nehmen als ihnen lieb ist. Nach dem erneuten Scheitern der Tarifverhandlungen im kommunalen Sozial- und Erziehungsdienst drohen vermutlich ab Mai wochenlange Streiks. Fast 240 Kitas in der Region könnten geschlossen bleiben, Jugendämter und Behindertenwerkstätten nur mit Notbesetzungen arbeiten. Nach Ansicht des Verdi-Landesvorsitzenden Jürgen Hohmann ist die Streikbereitschaft der Beschäftigten dieses Mal noch höher als 2009 bei den letzten Tarifverhandlungen. Auch damals war wochenlang gestreikt worden. 

Fast 10.000 Kita-Angestellte und Sozialpädagogen aus neun verschiedenen Bundesländern haben am Donnerstag auf dem Opernplatz gestreikt. Fotos: Rainer Droese

Die Arbeitgeber hätten bislang immer noch kein ernsthaftes Angebot auf den Tisch gelegt, kritisierte Hohmann gestern am Rande einer Kundgebung mit knapp 10 000 Teilnehmern auf dem Opernplatz. Die Behauptung der Kommunen, es hätte eine Gehaltssteigerung von 30 Prozent in den vergangenen fünf Jahren gegeben, sei eine Lüge: „Jeder Beschäftigte im kommunalen Dienst hat 12,5 Prozent mehr Gehalt seitdem bekommen, aber mehr nicht.“

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Erzieher und Sozialarbeiter klagen, dass die Anforderungen und Aufgaben immer weiter wachsen, der Lohn aber nicht angepasst werde. Alle Tarifverhandlungen waren bislang von eintägigen Warnstreiks begleitet. Auch gestern blieben erneut rund 240 Kitas geschlossen, auch zahlreiche Beschäftigte im kommunalen Sozialdienst, in Jugendzentren oder Behinderteneinrichtungen legten ihre Arbeit nieder. Während es in Umlandgemeinden wie Laatzen und einigen Ortschaften Hemmingens Notdienste gab, mussten sich Eltern in Hannover selbst um ihre Kinder kümmern.

Georg Weil vom Kita-Stadtelternrat bekräftigte die Solidarität der Eltern: „Die Erzieher machen tolle Arbeit, wir stehen voll hinter euch“, rief er von der Bühne aus den Demonstranten zu. Die Arbeitgeber setzten darauf, dass Erzieher und Sozialarbeiter irgendwann ein schlechtes Gewissen bekämen, weil sie sich im Streik kaum noch um die Kinder oder Behinderten kümmern könnten, sagte Hohmann. Aber auch die Beschäftigten in sozialen Berufen hätten ein Recht, für ihre Belange zu kämpfen, genauso wie jeder andere Arbeitnehmer auch. „Und wir haben einen langen Atem“, kündigte er an. In der nächsten Woche wollen die kommunalen Kitas nicht warnstreiken, sondern Protestaktionen mit Eltern und Kindern veranstalten.

„Eigentlich wollten wir während der Ratssitzung am Donnerstag eine Aktion auf dem Trammplatz machen“, sagte Hohmann. Das habe die Stadt untersagt: Zum einen müssten derartige Versammlungen Monate im Voraus angemeldet werden, zum anderen finde dort an dem Nachmittag eine technische Überprüfung statt. Die Stadt kommentierte dies gestern nicht. Von der Verdi-Anfrage sei nichts bekannt, hieß es. 

Die Eltern – „Langsam reicht es, eine Einigung wäre schön“

Doreen Berthold und Nicola Herbst (v.l.) sind mit ihren Kindern auf dem Spielplatz am Moltkeplatz, da die Kita auf Grund des Warnstreiks der Erziehungs- und Sozialberufe unter Ver.di auf dem Opernplatz geschlossen ist. 

Spielplatz statt Kita: Die zweijährige Marie rennt ein wenig verzweifelt über den Moltkeplatz. Sie sucht ihr Sandspielzeug. Eigentlich wäre sie um diese Zeit in der Kita an der Röntgenstraße. Doch da auch dort das Personal an diesem Tag die Arbeit niedergelegt hat, verbringt das Mädchen den Vormittag gemeinsam mit seiner Mutter, seiner Schwester Greta und anderen Betroffenen aus der Kita Röntgenstraße auf dem Spielplatz im Herzen der List. Doreen Berthold, Maries Mutter, hat auch am dritten Kita-Streiktag Verständnis für die Anliegen der Streikenden. „Der Streik ist gerechtfertigt, auch wenn es für uns Eltern ein zusätzlicher Aufwand ist“, sagt sie. Auch Nicola Herbst, deren Sohn Justus die gleiche Einrichtung besucht, kann die Gründe für den Arbeitskampf der Kita-Mitarbeiter nachvollziehen. „Langsam reicht es aber, es wäre schön, wenn es bald zu einer Einigung käme“, sagt sie.

Immerhin werde der Streik fünf bis sechs Tage im Voraus angekündigt, sodass sich alle Beteiligten gut darauf einstellen könnten.
Den beiden Müttern fällt es noch relativ leicht, die Streiktage zu überbrücken. Beide sind derzeit wegen der Geschwisterkinder von Marie und Justus in Elternzeit. „Aber es gibt auch Mütter bei uns in der Kita, die können nicht einfach bei ihrem Arbeitgeber Urlaub einreichen“, sagt Berthold. In so einem Fall helfen die übrigen Eltern der Einrichtung regelmäßig aus und nehmen das Kind für den Streiktag unter ihre Fittiche. Die kleine Marie hat sich inzwischen im Sandkasten an dem Spielzeug der anderen Kinder bedient und scheint damit zufrieden. Der zweijährige Justus reibt sich unterdessen bereits zum ersten Mal die Augen. Bald ist Zeit für seinen Mittagsschlaf.

Die Streikenden – „Unsere Arbeit muss gerecht entlohnt werden“

Kim Müller und Jeani Schwarz (v.l.) sind Erzieherinnen und streiken auch für die Lohnerhöhung in den Erziehungs- und Sozialberufen unter Ver.di.

Opernplatz statt Hort: Gerechter Lohn für anstrengende Jobs: „Unsere Arbeit muss gerecht entlohnt werden“, fordern Kim Müller (22) und Jeani Schwarz (27). Die beiden Erzieherinnen betreuen in einer Hortgruppe Grundschulkinder. „Wir essen mit ihnen Mittag, helfen bei den Hausaufgaben, danach basteln wir zusammen oder gehen zum Sport“, erzählt Schwarz. Wenn eine Erzieherin gleichzeitig die Hausaufgaben von zehn Kindern im Blick behalten muss, sei das schon eine große Herausforderung, betont Müller. Zudem gebe es immer mehr verhaltensauffällige Kinder, die intensiv betreut werden müssten. „Für die anderen Schüler fehlt dann die Zeit“, sagt Schwarz. Die Erzieherinnen aus Holzminden wissen, dass die Eltern ihrer Hortkinder ihre Tarifforderung unterstützen. „Die finden es gut, dass wir hier demonstrieren“, sagt Hort-Leiterin Schwarz.
Dagmar Gessert, die beim Landkreis Göttingen den Einsatz der Familienhebammen koordiniert, sagt, der Druck auf die Mitarbeiter im Sozialdienst nehme ständig zu. Hohe Krankheitsquoten unter den Beschäftigten seien deshalb nicht erstaunlich. Gute Arbeit müsse auch gut entlohnt werden. Ein Jobwechsel dürfe nicht zum finanziellen Risiko werden, es müsse Übergangsregelungen geben.

„Wir werden kämpfen“, ruft Monika Gleitze, die in der Jugendgerichtshilfe arbeitet. „Wer kämpft, kann verlieren, wer gar nicht kämpft, hat schon verloren.“ Viele Streikende, so auch Jürgen Süß von der Lebenshilfe im hessischen Frankenberg, weisen darauf hin, dass es bei dem Streik nicht nur um Kitas, sondern auch um die Beschäftigten in der Behinderten- oder Jugendhilfe geht: „Das wird immer ein bisschen vergessen“, kritisiert er.

Darum geht es im Tarifstreit

Gewerkschaften und kommunale Arbeitgeber verhandeln für 240.000 städtische Kita- und Jugendheim-Beschäftigte. Dabei geht es nicht um eine prozentuale Tariferhöhung, sondern vielmehr darum, wie die Arbeit von Erzieherinnen und Sozialarbeitern bewertet und bezahlt wird. Die Gewerkschaften wollen durchsetzen, dass die Beschäftigten im Sozial- und Erziehungsdienst mehrere Tarifstufen höher eingruppiert werden. Nach ihren Angaben hätte dies im Durchschnitt eine Gehaltserhöhung um zehn Prozent zur Folge. Die Einstufung im Tarifsystem des Sozial- und Erziehungsdienstes erfolgt nach Tätigkeit und Berufserfahrung. Eine Kinderpflegerin erhält als Anfangsgehalt 2043 Euro brutto im Monat, die Leiterin einer Kita kann, bei besonders großen Einrichtungen, bis zu 4749 Euro im Monat verdienen.

Eine Erzieherin mit achtjähriger Tätigkeit bekommt nach Verdi-Angaben derzeit 2946 Euro im Monat, nach den Vorstellungen der Gewerkschaft soll sie künftig 3387 Euro erhalten. Die Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände hält dem entgegen, dass die meisten Erzieherinnen bereits jetzt in die höchste Erfahrungsstufe eingruppiert seien und damit monatlich 3289 Euro verdienten. Die Arbeitgeber vergleichen die Bezahlung der Erzieherinnen mit der von Handwerkern im öffentlichen Dienst oder Brandmeistern bei der Feuerwehr. Das Einkommen des Ausbildungsberufs Erzieherin liege oberhalb dieser Gruppen.

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