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Aus der Stadt Tausende bei Demo gegen Missstände im Bildungssystem erwartet
Hannover Aus der Stadt Tausende bei Demo gegen Missstände im Bildungssystem erwartet
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22:35 16.11.2009
Alle fördern statt alles fordern: Mit diesem Slogan gehen Lea Haneberg, Jan Drewitz und Sebastian Bitterlich (von links) heute für ein besseres Bildungssystem auf die Straße. Quelle: Rainer Surrey

Urlaub hat Mark schon lange nicht mehr gemacht. Der Terminkalender des Studenten ließ es in den letzten Monaten nicht zu. Der 23-Jährige muss nicht nur Seminare und Vorlesungen in der Uni besuchen und Klausuren und Hausarbeiten schreiben. Hinzu kommen Praktika und Nebenjobs. Um die Studiengebühren zu finanzieren, arbeitet der Bachelorstudent der Anglistik und Politik nebenbei als wissenschaftlicher Mitarbeiter an seinem Institut. „Da kommt man schon auf eine 80-Stunden-Woche“, sagt Mark. Wie viele andere Studierende, Schüler und Eltern bundesweit geht er deshalb heute auf die Straße, um sich für Verbesserungen im Bildungssystem einzusetzen.

In Hannover sind sogar zwei Demonstrationen angemeldet, eine startet um zwölf Uhr am Steintor, die andere fast zeitgleich um 11.55 Uhr am Opernplatz. Es werden insgesamt rund 4000 Teilnehmer erwartet. Die Bildungsdemonstrationen in Hannover waren in den vergangenen zwei Jahren bisher meist stark von Schülern bestimmt, die sich gegen volle Klassen, Lehrermangel und Turboabitur wandten. Angesichts der wachsenden Unzufriedenheit an den Unis könnte der Anteil der Studenten dieses Mal größer werden als bisher.

Jonathan zum Beispiel, der im 7. Semester Wirtschaftswissenschaften an der Leibniz-Uni studiert, fühlt sich mit seinem Studium überfordert. „Wir müssen in sechs Semestern dasselbe leisten wie die Diplomstudenten in zehn Semestern“, sagt der 26-Jährige. Hinzu komme der Konkurrenzdruck unter den Studierenden. „Jeder strebt einen lückenlosen Lebenslauf mit möglichst vielen Praktika und Auslandssemestern an.“ Auch die überfüllten Hörsäle seien nicht unbedingt förderlich für eine gute Lernatmosphäre. In den Geisteswissenschaften berichten viele Studenten von Seminaren, die mehr als 100 Teilnehmern an die Größe von Vorlesungen heranreichen. Manchem bleibt da nur noch ein Sitzplatz auf dem Fußboden.

Das verschulte Hochschulsystem treibt auch Lea Haneberg auf die Straße. „Es ist fast unmöglich, während des Studiums eigene Schwerpunkte zu setzen. Die Kurse werden uns fast alle vorgegeben“, sagt die Lehramtsstudentin. Viel Zeit für soziale Tätigkeiten und Praktika bleibe ihr neben dem Studium eigentlich nicht. Trotzdem engagiert sie sich im AStA. „Dadurch kann ich den straffen Zeitplan des Studiums kaum einhalten“, sagt die 20-Jährige. Und so sorgt sie sich auch um die Zulassungsbeschränkungen für das Masterstudium. Sie benötigt einen Notenschnitt von 2,5, um das Studium nach dem Bachelor fortsetzen zu können. „Ohne Master rechne ich mir als angehende Lehrerin auf dem Arbeitsmarkt wenig Chancen aus.“

Am Steintor engagieren sich neben Schülern und Studenten auch der DGB Niedersachsen-Mitte sowie etliche Gewerkschafts-Jugendorganisationen. Zu den Forderungen gehören eine existenzsichernde Ausbildungsvergütung sowie mehr Lehrstellen durch eine Umlage bei nicht ausbildenden Betrieben. Die vom sogenannten B-Team angemeldete Demo an der Oper will kleinere Klassen und Kita-Gruppen, mehr Lehrer und mehr Integrierte Gesamtschulen erreichen. Beide Demonstrationszüge setzen sich für die Abschaffung von Turboabitur und Bildungskosten wie Büchergeld oder Studiengebühren und eine Reform des Bachelorsystems ein.

Die Polizei erwartet nicht, dass es wie vor einem Jahr zu Störungen kommt. Die Route des vom Bildungsbündnis angemeldeten Demonstrationszuges führt zwar wieder am Landtag vorbei, dort findet heute aber keine Sitzung statt.

Die Polizei rät Autofahrern, die Innenstadt zwischen 11 und 17 Uhr heute weiträumig zu umfahren oder gleich auf Bus und Bahn umzusteigen.

Von Stefanie Nickel, Bärbel Hilbig und Tobias Morchner

Nachgefragt: "Betreuung nicht verbessert"

Können Sie verstehen, warum Studenten jetzt für bessere Studienbedingungen auf die Straße gehen?
Peter Schlobinski (Linguist an der Leibniz-Uni): Ich habe mich eigentlich gewundert, dass sie es nicht schon früher getan haben. Vieles, was man sich bei der Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge vorgenommen hat, ist nicht realisiert worden.

Wo liegen die Probleme?
Die Betreuung der Studenten hat sich überhaupt nicht verbessert. Angepeilt war eine Betreuungsquote von 1 zu 25. In Germanistik haben wir zum Teil Kurse mit 80 bis 120 Teilnehmern. Das ist kein Seminar mehr, noch dazu in Räumen, in die keine 120 Studenten reinpassen. Man hat über Jahre gekürzt. Wenn die Mittel für Personal nicht erhöht werden, ist nicht viel zu machen.

Und wie sieht es mit der Angleichung an internationale Standards aus?
Wir hatten neulich den Fall eines Studenten hier, der einfach nur an die Uni Oldenburg wechseln wollte. Dort wurden einige seiner Studienleistungen nicht anerkannt. Das ist natürlich ein Unding. Beim Wechsel in ein anderes Bundesland sind die Probleme fast schon notorisch. Und ein Semester oder ein Jahr an einer Uni im Ausland zu verbringen, was sehr sinnvoll wäre, ist bisher kaum einfacher geworden.

Stimmt es, dass der Bachelor auf dem Arbeitsmarkt bisher nicht gefragt ist?
Der Bachelor soll eigentlich berufsqualifizierend sein. Doch das ist bei uns bisher nicht angekommen. Wir haben alte Inhalte in neue Schläuche gegossen. Auf dem Arbeitsmarkt ist der Bachelor bisher kaum akzeptiert. Für Geisteswissenschaftler ist das sehr problematisch. Und wer in der Wirtschaft einen wirklich guten Job will, braucht den Master.

Alle reden von Lehrermangel. Doch was macht ein Lehrer mit Bachelor?
Für angehende Lehrer ist es sinnvoll, praktische Erfahrungen zu sammeln. Doch das wird bis zum Masterstudium hinausgeschoben. Bachelor-MasterSystem und Lehrerausbildung passen nicht zusammen. Der Bachelor ist mehrgleisig, Fachdidaktik und Unterrichtserfahrung kommen zu kurz. Die Studenten entscheiden sich nach dem Bachelor, ob sie mit dem Master für Lehrer oder dem fachspezifischen Master weitermachen.

Interview: Bärbel Hilbig

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