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Aus der Stadt Tausende bekennen ihren Glauben
Hannover Aus der Stadt Tausende bekennen ihren Glauben
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00:15 02.05.2015
Foto: Konfirmation will 
geübt sein: In der Woche 
vor dem großen Tag proben die 
Jugendlichen in der 
Lister Johannes- und 
Matthäus-Kirchengemeinde mit Diakonin Gabriele Strahl.
Konfirmation will 
geübt sein: In der Woche 
vor dem großen Tag proben die 
Jugendlichen in der 
Lister Johannes- und 
Matthäus-Kirchengemeinde mit Diakonin Gabriele Strahl.  Quelle: hilipp von Ditfurth
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Hannover

Selbstbewusst knallen die Absätze auf die Marmorfliesen: Mit weiten, fließenden Schritten ziehen die Konfirmandinnen in die Matthäus-Kirche ein, als sei der Weg zum Altar ein Laufsteg. Früher mussten Mädchen vor der Konfirmation wochenlang das Gehen auf hohen Schuhen üben – heute sind sie dank Heidi Klums Fernsehshow „Germany‘s Next Topmodel“ bestens ausgebildet. Zumindest in dieser Disziplin.

Damit Konfirmanden im Jahr 2015 auch bibelfest und gottesfürchtig genug sind, um in den mündigen Kreis der Gemeinde aufgenommen zu werden, müssen Menschen wie Gabriele Stahl ran. Zwei Jahre lang unterrichtete die 64-jährige Diakonin einmal wöchentlich die Konfirmanden. Erst danach traut die evangelische Kirche den 14-Jährigen zu, sich aus freien Stücken öffentlich zu Gott zu bekennen.

In den Kirchengemeinden von Stadt und Umland bekennen in diesen Wochen Tausende Konfirmanden ihren Glauben.

Gegen 11 Uhr an einem sonnigen Sonntagvormittag ist es endlich so weit. Pastor Ulrich Pehle-Oesterreich fragt die Konfirmanden, die in Dreiergruppen vor ihm knien. „Wollt ihr unter Jesus Christus leben, im Glauben an ihn wachsen und als evangelische Christen in seiner Gemeinde bleiben, so antwortet: Ja, mit Gottes Hilfe.“ Keines der Mädchen zögert. „Ja, mit Gottes Hilfe.“ Fast alle tragen offene Haare, halblange Kleider oder Röcke mit Blusen in klassischen Farben. Schwarz, grau, weiß. Bei den Jungen trägt die große Mehrheit einen Anzug, weiß Strahl. Zumindest am Outfit der Konfirmanden scheint sich in den vergangenen Jahrzehnten nicht viel geändert zu haben.

Wenige Tage zuvor hatten die 15 Mädchen – durch Zufall betreut Gabriele Strahl eine reine Mädchengruppe – den Kniefall am Altar geübt. „Lasst euch Zeit, wenn ihr aufgerufen werdet“, mahnt die Diakonin. „Nicht aufspringen und losrennen!“ Ganz selbstverständlich duzen die Mädchen die 64-Jährige. Offenbar ist der Zeitgeist doch nicht ganz spurlos an der Konfirmation vorbeigegangen ist.

„Wir machen heute keinen Frontalunterricht mehr wie früher“, sagt Strahl. Ich musste damals 57 Lieder auswendig lernen und eine Prüfung vor dem Superintendenten und der Gemeinde ablegen.“ Das gibt es in der Lister Johannes- und Matthäus-Kirchengemeinde nicht mehr. Stattdessen haben sich die Mädchen mit einem selbst gestalteten Vorstellungsgottesdienst vor der Gemeinde präsentiert. Selbstständig hatten sie Gebete formuliert, die Gemeinde begrüßt, Lieder ausgewählt. Sie hatten die Idee, ihre alten Taufkleider in der Kirche auszustellen. Und sie haben die Predigt selbst geschrieben. Um Perlen des Glaubens drehte sie sich: „Nacht, Liebe, Ich, Stille, Wüste, Gott ...“ zählen die Mädchen auf.

Die Themen des Konfirmandenunterrichts legen die Schüler oft selbst fest – aber sie sollten natürlich kirchennah sein, sagt Strahl. „Die Flüchtlingsproblematik beispielsweise interessiert sie sehr.“ Auswendig können müssen die Mädchen nur noch wenig: Das Vaterunser, die zehn Gebote, der Psalm 23. „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln ...“ Mit sicherer Stimme trägt die Gruppe den Psalm vor. Aber wichtiger als Auswendiglernen ist Strahl, dass sich ihre Gruppe in der Bibel zurechtfindet und ihren Aufbau verstanden hat.

Lernen müssen die Jungen und Mädchen heutzutage schon genug, findet Strahl. Durch die Mehrfachbelastung durch Ganztagsschule, Hausaufgaben, Projekte und Hobbys seien die Jugendlichen heutzutage oft so erschöpft, dass der Konfirmandenunterricht darauf Rücksicht nehmen müsse. „Da hat sich in den vergangenen Jahrzehnten wirklich etwas geändert.“

Gut 1000 Euro bekommen die Konfirmandinnen im Durchschnitt geschenkt – aber das Geld sei nicht so wichtig, sagen die Mädchen unisono. „Dass die ganze Familie zusammenkommt und ich im Mittelpunkt stehe – das ist wichtiger“, sagt Marie Langer. Und Hannah von Lingen trinkt bei dieser Gelegenheit zum erstem Mal Alkohol. Zumindest offiziell.

Und wie ist es mit den anderen wichtigen Fragen des Lebens? „Hand aufs Herz: Wer von euch glaubt an Gott?“ Alle Hände schnellen hoch. „Wer von euch glaubt stärker als vor dem Konfirmationsunterricht?“ Die Hälfte der Mädchen hebt die Hände. „Wer von euch wäre lieber bei Heidi Klums Topmodel-Show als eine Konfirmandin?“ Keine Hand hebt sich, unsicher blicken sich die Mädchen an. Eine fragt zaghaft: „Äh ... als Zuschauerin oder als Kandidatin?“     

Von Sarah Franke

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