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Aus der Stadt Telefonzellen in Hannover: Ruf doch mal an!
Hannover Aus der Stadt Telefonzellen in Hannover: Ruf doch mal an!
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08:21 23.04.2009
Von Sonja Fröhlich
„Das ist meine Freundin“: Lutz Ahane telefoniert fast täglich in der Telefonzelle am Braunschweiger Platz – obwohl auch er ein Handy besitzt. Quelle: Kris Finn

Es gibt sie noch. Es gibt sogar mehr von ihnen, als der moderne Mobiltelefonierer vermutet – etwa weil er die Telefonzellen einfach übersieht, weil er sie nicht braucht oder weil sie nicht mehr gelb sind. Doch wer einmal auf die Häuschen mit dem „T“ auf dem Dach achtet, sieht sie an vielen Ecken stehen, selbst außerhalb der Innenstadt. Auf dem Weg von Bemerode bis zum Aegi trotzen auf zwei Kilometern ein halbes Dutzend öffentlicher Fernsprechautomaten der Handyeuphorie. Allerdings sind sie am Nachmittag verwaist, kaum jemand kommt und greift zum Hörer. Auch nicht am Bischofsholer Damm, wo die graue Zelle mit pinkfarbener Aufschrift gleich um die Ecke von Bäckerei und Dönerrestaurant zu finden ist. „Am Dienstag war mal einer hier, der kam aus dem Ausland und hat gefragt, ob sie funktioniert“, sagt ein Mitarbeiter. „Ich habe ihm gesagt, dass ich keine Ahnung habe.“ Warum auch? Bis auf Dienstag dieser Woche, dem Tag des großen Netzausfalls bei T-Mobile, funktionieren ja die Handys meistens.

Am Braunschweiger Platz dauert es eine Weile, bis jemand kommt, der nicht mobil telefonieren will. „Mit dem Handy ist mir das innerhalb der Woche viel zu teuer“, sagt Lutz Ahane und wirft 20 Cent ein. Der Altenpfleger schließt die Tür, telefoniert kurz mit seinem Arbeitgeber, bespricht den Dienstplan für nächste Woche. Bis zu siebenmal in der Woche telefoniert er dort. „Das ist meine Freundin“, sagt er und lächelt zur Zelle. Doch er kennt auch ihre Macken. Wechselgeld spuckt der Automat nicht aus und schluckt es auch, wenn der Anrufer nicht schnell genug eine neue Nummer wählt. „Ich habe schon mal die Telekom deswegen angerufen – die haben gesagt: ‚Telefonzellen sind eben keine Wechselautomaten.‘“ Nun hat er immer passendes Kleingeld dabei.

In Hannover gibt es 746 öffentliche Telefonstandorte der Telekom und ein paar wenige anderer Anbieter. In ganz Deutschland betreiben die Konkurrenten nur drei Prozent der insgesamt gut 104.000 öffentlichen Fernsprecher. Insgesamt hat sich ihre Zahl in den vergangenen 25 Jahren um ein Fünftel reduziert. Als die Telekom die postbetriebenen Anlagen in den neunziger Jahren übernahm, hat sie nicht nur den Anstrich von Post-Gelb auf Telekom-Grau-Magenta verändert. Sie begann auch den Abbau und die Umstellung auf die schlichte Lösung der Telestationen, wie es sie am Kröpcke oder am Steintor dutzendfach gibt. Die einfachen Telefonsäulen machen mittlerweile fast ein Viertel der Versorgung aus.

Denn erst vor drei Jahren erlebten die Telefonzellen als schlanke Säulen in Hannover eine ungeahnte Wiedergeburt. An mehr als 60 Standorten der Stadt wurden die Telestationen aufgestellt, manchmal gleich mehrere, Rücken an Rücken, oder Seite an Seite. Doch immerhin sind fast die Hälfte der öffentlichen Fernsprechautomaten noch Telefonzellen – auch wenn ihre Zahl wohl schwinden wird. Wie von der Bundesnetzagentur zu erfahren ist, plant die Deutsche Telekom zwar den Abbau von 11.000 besonders unrentablen Standorten. Doch zunächst sollen in einem Pilotprojekt nur 1000 Standorte weichen. Welche das in Hannover sind, will das Unternehmen nicht bekannt geben.

Tatsache ist, dass lange Schlangen wie sie sich noch in den siebziger Jahren vor den Telefonhäuschen bildeten, der Vergangenheit angehören. Damals riefen Schilder mit der Aufschrift „Fasse Dich kurz“ Anrufer auf, Rücksicht auf die Wartenden zu nehmen. Fast wehmütig denkt der Hannoveraner Harri Kussike an die Jahre mit den gelben Klassikern zurück. Zu seiner Zeit dienten die Telefonzellen der Bundespost auch als beliebte Treffpunkte für die Jugend oder als Rückzugsorte. „Mit einer netten Dame ging man da rein, um sich näherzukommen“, sagt der 70-Jährige und schmunzelt. „Da war es nicht so eng wie in den Goggos, den kleinen Automobilen, die wir damals fuhren.“ Heute aber benutzt selbst er die Zellen nur noch, wenn die Prepaidkarte seines Handys kein Guthaben mehr aufweist. Manch jüngerer Handybesitzer weiß heute gar nicht, wie eine Telefonzelle überhaupt funktioniert. „Warum auch – ich habe doch ein Handy“, sagt der 19-jährige Konstantin Kohlratz.

Doch Benutzer der öffentlichen Fernsprecher gibt es noch genug: Es sind die, denen die Handytarife zu teuer sind oder die sich dauerhafte Telefongebühren nicht leisten können. Es sind ältere Menschen ohne mobiles Telefon oder aber Menschen, deren Familien im Ausland leben. In Stadtteilen wie Linden oder dem Sahlkamp setzen die Anbieter deshalb verstärkt auf Telefonzellen, auch wenn ihnen dort zunehmend private Telefonshops mit billigen Angeboten Konkurrenz machen. Und dann gibt es natürlich noch die Geschichten von denjenigen, die Bombendrohungen, Amokläufe oder Drogengeschäfte lieber von den anonymen Zellen aus tätigen. Manche Telefonhäuschen schaffen es auch in die Schlagzeilen. In der Silversternacht 2008 hatten Vandalen ein Bündel Böller unter einer Telefonzelle in Ricklingen hochgehen lassen. Es gab einen gewaltigen Knall, das Dach riss ab, und die Scheiben zerbarsten in alle Richtungen. Erst nach Monaten ersetzte die Telekom die zerstörte Station. Bis dahin hatten viele wütende Kunden ein neues Telefonhäuschen gefordert.

Ein Spruch des französischen Gewerkschaftsführers Xavier Mathieu zur Stimmung in der Belegschaft des Conti-Werks im nordfranzösischen Clairoix wurde in Hannover aufmerksam registriert. „Wir sind jetzt keine Schafe mehr sondern Löwen“, sagte er.

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