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Aus der Stadt Was bleibt von dieser Schreckensnacht?
Hannover Aus der Stadt Was bleibt von dieser Schreckensnacht?
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00:15 21.11.2015
Die Lichterkette sollte gegen den Terror stehen - doch dann wurde es doch ein Abend im Zeichen des Terrorismus. Quelle: Ole Spata
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Hannover

Es sollte eine Demonstration der Freiheit und Solidarität werden, doch am Ende bleibt in Hannover nur Ohnmacht übrig. Die Lichterkette aus 1000 trotzigen Hannoveranern ist gerade am Stadion angekommen, man gruppiert sich, es hätte ganz beeindruckend sein können. Dann sagt die Polizei das Fußball-Länderspiel zwischen Deutschland und den Niederlanden ab. Damit beginnt eine unruhige Nacht, in der der Terror auf einmal ganz nah ist.

Nach den Attentaten von Paris wurden die Sicherheitsmaßnahmen in Hannover verschärft. Bundespolizisten patrouillieren mit Maschinenpistolen im Hauptbahnhof und am Flughafen. Auch vor dem Sporthotel Fuchsbachtal in Barsinghausen und vor der HDI-Arena gibt es verstärkte Sicherheitskontrollen. 

Schon zuvor ist die Stimmung rund ums Stadion und in der gesamten Stadt nervös. Polizisten rund ums Stadion kontrollieren Passanten intensiv, auch Journalisten mit Presseausweisen. Beamte mit Maschinenpistolen prägen das Bild am Hauptbahnhof und flankieren die Straßen auf dem Weg zum Stadion. Eine Weile ist es noch hin bis zum Spiel, da steht ein herrenloser Koffer nahe der HDI Arena. Kurz ist die Aufregung groß, bis irgendwann die Meldung kommt: Der Koffer sei harmlos, er gehöre einem Flaschensammler. Falscher Alarm.

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Und dann ist der Alarm echt. Mit Lautsprecherwagen fährt die Polizei vorm Stadion auf und ab und verkündet, dass das Länderspiel abgesagt ist. Viele Fans reagieren eher missmutig als panisch. Die meisten zeigen Verständnis, mancher ist aber auch sauer. „Die Reaktion der Polizei ist völlig übertrieben“, ereifert sich Thomas Görtz, der aus Cuxhaven angereist ist. Aber was kann schon übertrieben sein, vier Tage nach den Anschlägen von Paris?

Newsticker zur Terrorwarnung

Die Ereignisse des Abends können Sie auch in unserem Newsticker noch einmal nachlesen. Dort halten wir Sie auch weiterhin auf dem Laufenden.

Und plötzlich kann man sich ein bisschen vorstellen, wie die Stimmung gewesen sein muss am Freitagabend in der französischen Hauptstadt. Menschen streben den U-Bahnen zu, doch irgendwann schließt die Üstra die Innenstadtstationen. In sozialen Medien fragen Hannoveraner, ob sie ihre Wohnungen verlassen sollen oder nicht. „Warum informiert uns keiner?“, heißt es. Warum? Weil doch niemand etwas Genaues weiß.

Im Großen und Ganzen aber verläuft der Abzug vom Stadion ruhig und gesittet. Im Stadioninneren sind noch nicht viele Besucher, und die, die draußen sind, tun das, was die Polizei ihnen sagt: Sie bleiben ruhig, gehen nach Hause – und meiden größere Menschenansammlungen. Da sind die U-Bahnstationen wieder offen. Wo man hinfahren soll? Nach Hause, sagt die Polizei. Einige Zeit später sind fast nur noch Journalisten vor dem Stadion. Wer jetzt noch die Bannmeile verlassen will, wird von mehreren Polizisten kontrolliert.

Einsatzkräfte haben am Hauptbahnhof eine mutmaßliche Bombe in einem Zug gesprengt. Der Zug stand auf Gleis 11. Nach der Sprengung stellte sich heraus, dass es sich ein harmloses Paket handelte.

Die deutsche Nationalmannschaft hat das Stadion gar nicht erst erreicht, sondern ist auf dem Weg umgedreht – ebenso die Kanzlerin. Etwas später, als eigentlich so etwa die 20. Spielminute hätte laufen müssen, holen Limousinen des DFB die letzten Mitglieder des niederländischen Teams vom Courtyard Hotel neben dem Stadion ab. Das Team fliegt sofort von Langenhagen nach Hause.
Derweil treffen mehrere Hundertschaften und Spezialeinsatzkommandos der Polizei aus dem gesamten Bundesgebiet am Stadion ein. Die Polizisten, die schon da sind, kontrollieren die, die kommen. Viele gehen durch die Stadiontore nach drinnen und durchsuchen das weite Rund. Draußen kursieren Gerüchte. Einmal heißt es, es seien noch gefährliche Personen im Stadion. Da hat Polizeipräsident Volker Kluwe im Fernsehinterview gerade gesagt, dass es den Verdacht eines Anschlags gebe. Wenig später filzt die Polizei Rettungswagen, sodass schnell die Rede davon ist, Terroristen hätten einen Sprengsatz in einem Einsatzfahrzeug platziert. Die Meldung geht schnell um die Welt. Wie es wenig später scheint, ist sie falsch.

In der ganzen Stadt hält die Polizei in den Stunden nach dem ausgefallenen Spiel Autos an und kontrolliert die Fahrer. Dramatisch wird es gegen 22 Uhr am Hauptbahnhof. In einem Intercity auf Gleis 11, den die Polizei untersucht, schlägt ein Sprengstoffhund an. Fahrgäste hätten einen verdächtigen Gegenstand bemerkt und dessen mutmaßlichen Besitzer darauf angesprochen, heißt es. Der sei daraufhin weggelaufen. 

Die Polizei kommt, der Hund schlägt an, ein Röntgengerät zeigt Gegenstände, die einer Bombe ähneln. Kurz vor halb elf beschließt die Polizei, den Gegenstand zu sprengen – im Zug. „Gleich wird es ein bisschen laut“, sagt ein Polizist. Dann knallt es. Wenig später ist klar, dass es eine Bombenattrappe war.
Sonst ist nicht viel klar in dieser Nacht.

iro/lis/med/tm/jki/gum

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