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Aus der Stadt Hoffnung auf ein Leben ohne Angst
Hannover Aus der Stadt Hoffnung auf ein Leben ohne Angst
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00:19 14.05.2015
Von Gunnar Menkens
Nanda* hat schon zwei Fluchten hinter sich. Nach Ablehnung ihres Asylantrages droht ihre Familie auseinandergerissen zu werden. Quelle: Krajinović
Hannover

Als Nanda* das kleine Fischerboot im Hafen von Tripolis sah, verstand sie gleich, dass etwas nicht stimmte. Dies war nicht das Boot, für das sie einem Schlepper 3000 Libysche Dinar (2000 Euro) pro Platz bezahlt hatten. Vereinbart war, dass für diese Summe ein stärkeres, sichereres Schiff warten würde für die gefährliche und lange Fahrt über das Mittelmeer. Aber jetzt stiegen 400 Männer, Frauen und Kinder auf einen kleinen Kahn, verteilt nur auf Ober- und Unterdeck. Aber was sollten Nanda und ihre Familie tun? Sich beim Schlepper beschweren? Zurück in den Bürgerkrieg, dem sie entkommen wollten? Die sieben gekauften Plätze aufgeben, und damit die Hoffnung auf ein besseres Leben in Europa?

„Wir hatten keine Wahl. Das Risiko war eigentlich viel zu groß, wir hätten sterben können. Aber wir dachten, so oder so würden wir sterben“, erzählt Nanda. Entweder zwischen den Fronten des Krieges oder auf dem Meer.

Zweite Flucht der Familie

Zwei Tage war die Familie unterwegs. Die Sonne brannte auf das Schiff, unter Deck sahen die Menschen, wie Wasser durch die Ritzen drang. Flüchtlinge ohne Trinkwasser und Nahrungsmittel, die Kinder schrien, alle saßen dicht gedrängt in Reihen, wer auf die Toilette ging, würde seinen Platz verlieren. Sie bangten um das Boot oben auf den Wogen des Meeres, wo kein Land in Sicht war. „Ich habe gebetet“, sagt Nanda. Einmal kippte ihr kleiner Sohn um, er war seekrank und stand nahe der Bordwand, beinahe wäre er in die See gefallen. Und welcher Schlepperkapitän hätte angehalten für ein kleines Flüchtlingskind? Trotz allem hatte die Familie Glück: Sie erreichten Italien, sie waren alle am Leben.

Es war die zweite Flucht der Familie. Ihr Heimatland, den Sudan, verließen sie bereits 1994. Nanda wollte ihre beiden Töchter vor der Beschneidung bewahren, es ist das harmlose Wort für Genitalverstümmelung, die in dem afrikanischen Land weitgehend üblich ist. Sie verkauften ihren Besitz und ließen sich in Libyen nieder. Bis dort 2011 der Bürgerkrieg begann. Ihre Kinder wuchsen mit dem Lärm von Schüssen und Granaten auf, sie versteckten sich vor den Explosionen und warfen sich auf den Boden, wenn sie Flugzeuge hörten.

Kein Geld und keine Hilfe

In Italien indes werden Flüchtlinge nicht lange geduldet. Zwei Monate nach ihrer Ankunft teilten die Behörden mit: Von nun an mussten sie sehen, wie sie klarkommen. Es gab kein Geld mehr und keine Hilfe. Seit zwei Jahren leben Nanda und ihre Familie jetzt in Hannover in einem Heim für Flüchtlinge. Auch Hannover war bislang jedoch kein sicherer Hafen. Nandas Asylantrag ist abgelehnt worden – weil gemäß dem Dublin-II-Abkommen Italien als Aufnahmeland zuständig sei. Um die Gründe ihrer Flucht ging es nicht. „Ich kann das nicht verstehen“, sagt sie, „es kommt mir vor, als glaubt man uns unsere Geschichte nicht. Aber wir haben unser Land nicht freiwillig verlassen.“

Nanda kommt noch immer regelmäßig ins Therapiezentrum. Sie leidet unter Schlaflosigkeit, die Bilder von der Flucht kommen ihr in den Kopf. Wenn sie Treppen hinuntergeht, wie in dem Kahn mit seiner klaustrophobischen Enge. Oder der Moment, als ihr Kind beinahe ins Meer gefallen und vielleicht ertrunken wäre. In den Stunden im Zentrum erlebt sie, dass Therapeuten ernst nehmen, was sie erlebt hat, „hier werde ich ruhiger“.

Ob Nanda bleiben kann, ist ungewiss. Sie wäre bereits wieder in Italien, wenn nicht die Härtefallkommission des Landes ihren Fall zur weiteren Beratung angenommen hätte. Es kann passieren, dass die Familie auseinandergerissen wird, dann könnten womöglich die Kinder in Deutschland bleiben, ihre Mutter aber würde abgeschoben. Nanda möchte bleiben. Sie hat gute Erfahrungen
mit den Menschen in Hannover gemacht. Sie möchte ein Leben ohne Angst führen und sie hofft, dass ihre Kinder die Chance auf eine gute Ausbildung bekommen.

Fast 200 Flüchtlinge in Behandlung

Das Netzwerk für traumatisierte Flüchtlinge in Niedersachsen hat seine Räume zentrumsnah in der Marienstraße. Es wird vom Land pro Jahr mit 300 000 Euro unterstützt, Schirmherrin ist Sozialministerin Cornelia Rundt (SPD). Drei Therapeutinnen und eine Verwaltungskraft arbeiten hier, unterstützt von einer ehrenamtlich tätigen Ärztin, die einmal in der Woche Flüchtlinge medizinisch betreut. Dazu kommen weitere fünf Therapeutinnen und Psychiaterinnen, die ohne Rechnung verschiedene Formen von Hilfe anbieten, sie reichen von Diagnostik über Kunst- und Gestalttherapie bis hin zu besonderen Angeboten für Frauen und Familien. Weitere Hilfen sind dem Netzwerk willkommen. In diesem Jahr hat die Einrichtung mehr als 110 Flüchtlinge neu aufgenommen, dazu kommen 78 Menschen, die seit dem vergangenen Jahr in Behandlung sind. Etwa die Hälfte der Patienten lebt in der Region Hannover. Therapien finden nicht nur in der Marienstraße statt, sondern auch in weiteren Praxen in Niedersachsen.

Im Therapiezentrum wird mit unterschiedlichen Hilfsmitteln versucht, Erwachsenen und Kindern eine entspannte Atmosphäre zu vermitteln. Quelle: Krajinovic

Eine der schlimmen Geschichten, die Tarek* erzählt, spielt in einer Gefängniszelle in Damaskus. Ein Loch, nur wenige Quadratmeter groß, 25 Männer drängten sich darin. Einer von ihnen blutete stark am Bein, er hätte schnell versorgt werden müssen. „Wir haben um Hilfe gebeten, keiner ist gekommen“, sagt Tarek. Er sah den Mann leiden und konnte nichts tun. Drei Tage lang ging das so. Erst als er tot war, schafften Wärter ihn heraus. Tarek entkam nach zwei Monaten dieser Hölle, in der er einsitzen musste, weil er nicht im Bürgerkrieg für die Regierung kämpfen wollte. Sein Vater kaufte ihn heraus.

Nach einer langen Flucht über den Libanon, die Türkei, Bulgarien, Belgien und Finnland lebt der junge Syrer seit zehn Monaten in Hannover. Er ist 21 Jahre alt, ein höflicher, schüchterner Mann mit dunklen Haaren und dunklen Augen, der in kurzer Zeit so gut Deutsch lernte, dass er seine Erlebnisse fast ohne Übersetzungshilfe seiner Therapeutin erzählen kann. Manchmal spricht Tarek sehr leise, er ist dann nur schwer zu verstehen. Draußen fahren Autos vorbei, der Blick aus dem Fenster geht auf eine Kirche, der Himmel ist blau, es ist eine friedliche Welt. Schon ein Autohupen ist laut.

Rebellen forderten ihn auf, für sie zu kämpfen

Tarek war 17 Jahre alt, als er zum ersten Mal aus seiner Heimat Syrien flüchtete. Er hatte gerade das Abitur bestanden, nun streckte die Regierungsarmee ihre Hände aus. Doch er wollte nicht mitwirken in einem Bürgerkrieg, der sein Land zerstörte und Menschen tötete. Er rettete sich in den Libanon, ein Jahr lang blieb er dort und wurde an der Grenze gestellt, als er wieder zurück wollte zu seiner Familie. Als er frei kam aus dieser Zelle in Damaskus, meldete sich bald erneut die Armee. Rebellen forderten ihn auf, für sie zu kämpfen.

Tarek wusste, was passieren kann, wenn man nicht tut, was verlangt wird. Ein Neffe, angestellt an einem Flughafen, verbrannte qualvoll, als ihn Soldaten mit Benzin überschütteten und anzündeten, weil er sich weigerte, ihre Befehle auszuführen. Rebellen erschossen einen Freund mit einem Maschinengewehr, auch er wollte nicht für sie kämpfen. Der Krieg hatte das Haus seiner Familie zerstört. „Ein Bombenangriff, sie haben alles kaputt gemacht.“ Menschenleben zählten nichts.

Tarek* hat eine Odyssee durch halb Europa hinter sich. Er hofft auf Sicherheit und darauf, in Deutschland studieren zu können. Quelle: Krajinovic

Auf der Suche nach Sicherheit und einer Zukunft ging er in die Türkei. Doch studieren konnte er nicht, weil ihm Papiere fehlten. In Bulgarien lebte Tarek auf der Straße, er war obdachlos und ein Bettler wie so viele, das Land kümmerte sich nicht um Flüchtlinge. Er fuhr zu einer Cousine nach Belgien, wurde nach Finnland weitergereicht von den Behörden und dort sagten sie nach ein paar Monaten, Tarek müsse zurück nach Bulgarien. Das wollte er nicht. Er entschied sich, Asyl in der Bundesrepublik zu beantragen.

Das Leben der Menschen in Deutschland kommt ihm nicht unwirklich vor, aber doch sind die Verhältnisse so, wie er sie lange entbehren musste. „Die Menschen leben in Sicherheit, sie haben zu essen und zu trinken und Wohnungen“, sagt Tarek über Deutschland. Wer krank wird, geht ins Krankenhaus, wer keine Arbeit hat, bekommt staatliche Hilfe. „Ich weiß es nicht genau, aber ich glaube, niemand muss hungern.“

„Ich warte auf Antwort. Ich weiß nicht, was passiert.“

Im Psychosozialen Zentrum ist Tarek wegen seiner posttraumatischen Belastungsstörung in Behandlung. Er schläft schlecht, Bilder aus dem Krieg in Syrien, der Gefängniszelle und dem Leben auf der Straße kommen ihm unvermittelt in den Kopf. Wenn er davon erzählt, beugt er sich manchmal in seinem Stuhl ein wenig nach vorn und legt sein Gesicht in beide Hände. Er lernt, diese schlimmen Bilder einzusperren wie in einem Tresor. Er übt, sich zu entspannen, sich positive Dinge vorzustellen, durch schöne Landschaften zu spazieren, wenn die Erinnerungen kommen. Tarek war lange unterwegs. Er hat seine Familie seit drei Jahren nicht gesehen, er lebte ohne Sicherheit und Perspektive.

Jetzt hofft er, dass er in Deutschland bleiben und studieren kann. Über seinen Asylantrag ist noch nicht entschieden. „Ich warte auf Antwort. Ich weiß nicht, was passiert.“

* Namen von der Redaktion geändert.

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