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Aus der Stadt Torten-Attacke auf Trittin schockiert Ballhof-Akteure
Hannover Aus der Stadt Torten-Attacke auf Trittin schockiert Ballhof-Akteure
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23:57 23.09.2010
Die Torte trifft Trittin am Kopf und besudelt seinen Anzug - der Grünen Fraktionsvorsitzende bleibt ruhig.

Jeden Morgen treffen sich die Bewohner des Theaterhüttendorfs „Republik Freies Wendland“ auf dem Ballhofplatz zum Plenum. Das war auch schon 1980 in Gorleben so, als dort die eigentliche „Republik Freies Wendland“ aufgebaut wurde – ein Widerstandsdorf gegen das Endlager und die Atomindustrie. Normalerweise sind Gäste beim Plenum willkommen. Nicht aber gestern, am Tag nach dem Joghurttortenwurf auf den Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Bundestag, Jürgen Trittin.

Am Morgen danach ist es den meisten Bewohnern des Hüttendorfs anzumerken, dass sie immer noch geschockt sind von dem, was Mittwochabend auf der großen Theaterbühne des Dorfes geschehen ist. Ein Unbekannter in einem weißen Overall hatte Trittin eine Torte an den Kopf geworfen. Der Politiker hätte das Gespräch mit der Aktivistin Hanna Poddig trotzdem noch weiterführen wollen, weil diese sich aber nicht von dem Angriff distanzierte, sondern ihn sogar noch guthieß, distanzierte Trittin sich von der Veranstaltung. Er ging.

Die Bewohner des Hüttendorfes diskutierten bis nach Mitternacht, wie man mit diesem Vorfall umgehen sollte, das junge Presseteam verfasste noch in der Nacht eine Stellungnahme, in der sich die Teilnehmer eindeutig vom Tortenwurf und auch von der Meinung Poddigs distanzierten. Denn einig waren sie sich schnell darin, dass Tortenwürfe und ähnliche Angriffe kein Mittel der politischen Auseinandersetzung sein sollten. „Das war ein Schock für uns“, sagt die 16-jährige Jessica.

Am frühen Nachmittag hat sich die Aufregung allerdings wieder gelegt, im Hüttendorf ist wieder Alltag: Die Jugendlichen besuchen Theater- und Filmworkshops, das Radioprojekt oder helfen beim Ausbau der Hütten. Sarah und Jana bemalen eine Bank mit bunten Blumen. Die lange Nacht steckt ihnen zwar noch etwas in den Knochen, doch mit dem Streit und den anschließenden Diskussionen haben sie ihren Frieden gemacht. Zwar fürchten sie, dass die Tat des Tortenwerfers einen Schatten auf das Projekt legen könnte.

Doch sie haben auch etwas aus dem Konflikt gelernt. „Wir wissen, dass man alle Standpunkte anhören muss und auch erst seine Wut wieder etwas verfliegen lassen sollte, bevor man handelt“, sagt die 16-jährige Jana. Bereits in den Tagen vor dem Tortenwurf sei das stets die Maxime im Camp gewesen. Regelmäßig seien da schon Politiker vorbeigekommen, mit denen die Schüler diskutiert hatten. „Wir hatten oft andere Ansichten, aber wir mussten niemals Torten werfen“, sagt Sarah.

Dann setzt sich Lehrer René Mounajed von der IGS Roderbruch zu den Schülern. „Euer Direktor macht sich Sorgen um euch“, sagt er und schüttelt dann lachend den Kopf, um klarzumachen, dass er nur einen Scherz gemacht hat. Seit dem Start der „Republik Freies Wendland“ ist der Pädagoge täglich auf dem Ballhofplatz – nicht zur Kontrolle, wie er sagt, sondern aus Neugier.

Die IGS Roderbruch kooperiert seit Jahren mit dem Schauspielhaus Hannover. Die Theaterleute waren für das Projekt auf die Schule zugekommen. Allerdings sei die von den Eltern genehmigte Teilnahme der rund 30 Gesamtschüler im Kollegium durchaus umstritten gewesen, sagt Mounajed. Einige Lehrer hätten Zweifel wegen der politischen Einseitigkeit gehabt. Der Vorfall am Mittwochabend habe bei ihm Ärger hervorgerufen – und Stolz, weil seine Schüler so professionell mit der Situation umgegangen seien. „Die ,Republik Freies Wendland‘ hat den Vorfall mit ihrer Dynamik aufgefangen. Das spricht für die Aktion.“ Einen Grund, die Teilnahme der Schule abzubrechen, sieht auch Schulleiter Bernd Steinkamp nicht: „Ich habe nicht den Eindruck, dass der Dramaturg sich leichtfertig verhält.“

Hanna Poddig, die Aktivistin, die mit Jürgen Trittin diskutiert und sich dann nicht von dem Angriff distanziert hat, war vom Theater in die reaktivierte „Republik Freies Wendland“ eingeladen worden. Sie hat auf dem Ballhofplatz bereits Workshops im Anti-Atom-Argumentationstraining und Transparentemalen geführt. Damit ist gestern vorerst Schluss: Das Theater löst den Vertrag mit Poddig, die ihr Honorar nach eigenen Angaben für politische Projekte spenden möchte, auf.

Am Mittag aber schon kehrt die Aktivistin auf Wunsch der Teilnehmer ins Camp zurück, am Nachmittag leitet sie wie geplant einen Kletterworkshop. „Ich habe gestern nicht deutlich genug gesagt, dass ich für mich spreche und nicht für die Aktion. Das hat die Jugendlichen enttäuscht“, sagte Poddig. Ihre Meinung zum Tortenwurf ändert die 24-Jährige hingegen nicht: „Mal abgesehen davon, dass ich die Torte nicht geworfen habe, ist so eine Aktionsform im Einzelfall durchaus ein vertretbares Mittel.“

Eine Position, die außerhalb des Ballhofplatzes für Unmut sorgt: Das Schauspiel Hannover distanzierte sich direkt nach dem Tortenwurf von dieser Ansicht. Die führende Atomkraftgegnerin Janka Weber-Knierim aus dem Wendland, die erst am Wochenende selbst auf dem Podium im Hüttendorf saß, verurteilt die Torten-Attacke ebenfalls. Es sei zwar sehr wichtig, auch kritisch mit Jürgen Trittin über die Versäumnisse in der Atompolitik unter Rot-Grün zu reden, allerdings nicht mit körperlichen Angriffen. „Das ist nicht mein Stil“, sagt sie.

Herrschte am Morgen noch gedrückte Stimmung und eine gewisse Niedergeschlagenheit im Dorf, konnte man gegen Abend schon wieder Witze machen. Auf die Frage, was denn beim „Politischen Kochstudio“ am Abend serviert werden solle, sagt Wam Kat, der Mitbegründer des niederländischen Kochkollektivs „Rampenplan“, der die Bewohner des Hüttendorfes bekocht: „Torte oder Joghurt.“ Dann lacht er und sagt: „Kürbissuppe.“

Ronald Meyer-Arlt, Dany Schrader, Bärbel Hilbig und Dirk Schmaler

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