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Aus der Stadt Zill wagt Neustart nach 100 Jahren
Hannover Aus der Stadt Zill wagt Neustart nach 100 Jahren
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20:19 21.07.2013
Von Gunnar Menkens
Die Geschäftsführer Matthias Werr und Stephanie Quentin (oben) mussten sich mit ihren Ideen erst durchsetzen. Quelle: Philipp von Ditfurth
Hannover

Das erklärte Ziel war die Abkehr vom Rot-Weiß, diesem ewigen Rot-Weiß. Hintergrund rot, Schrift weiß, der Klassiker für Schlussverkauf, Räumungstage und Nachlässe aller Art. Prozentzahlen in Signalfarben, fett gedruckt auf Pyramiden, Würfeln, auf Tafeln und sogar, fürs Schaufenster, auf selbstklebenden Schablonen von Füßen. Orange war eine Alternative, auch mal Schwarz-Gelb. Aber die Kaufleute bestellen Bewährtes. Um reduzierte Waren anzupreisen, fiel ihre Wahl mit Vorliebe auf die Kombination Rot mit Weiß. Die Erkenntnis war: andere Farben, weniger Umsatz.

Wenn Kunden in Geschäften Mode an Puppen und Büsten betrachten, Jeans in Regale zurücklegen, Kleider aus Ständern ziehen oder von Bügeln nehmen, Preisschilder begutachten, Kleidung in Tüten mitnehmen, am Wühltisch wühlen und an einem rot-weißen „Stark reduziert“-Schild stoppen - dann ist es möglich, dass sie mit Produkten von Zill zu tun haben. Zill Ladenausstattung, im Familienbesitz seit 1913, gegründet von Otto Zill, damals Goseriede 4. Ein hannoversches Traditionsunternehmen. Immer schon da, an wechselnden Adressen, öffentlich aber kaum in Erscheinung getreten.

Matthias Werr, 49, und Stephanie Quentin, 38, wissen das natürlich. „Nein, sehr bekannt sind wir wirklich nicht, obwohl es uns schon so lange gibt“, sagt Inhaber Werr. Gemeinsam mit seiner Kusine führt er das Unternehmen, beide haben es von ihren Vätern übernommen. Und beide sind, wenn man so will, in das Geschäft hineingewachsen. Es ist Tradition im Betrieb, dass alle Heranwachsenden der verzweigten Familie irgendwann einmal hier jobben. Matthias Werr und Stephanie Quentin sind dabei geblieben, als Einzige. Persönliche Vorlieben und Interessen passten zueinander.

Damit führen jetzt ein Ökonom und eine Kauffrau die Geschäfte. Wobei Stephanie Quentin offenbar eine besondere Nähe von Theorie und Praxis suchte. Ihre Diplomarbeit beschäftigte sich mit dem Stabwechsel in Familienunternehmen, diesem komplizierten Geflecht aus wirtschaftlichen Interessen, umstrittenen Neuerungen und persönlichen Verquickungen. Dazu später mehr.

Die Übernahme war ein allmählicher Prozess, und sie fiel mitten in einen Wandel, der auch Ladenausstatter erfasst. Das Internet wird immer wichtiger. Weil immer mehr Menschen das Netz als Einkaufszentrum nutzen, gebe es etwa weniger kleine Boutiquen als noch vor zehn Jahren, sagt Werr. Was bedeutet, dass Zill weniger Regale, Mittelraumständer und Büsten, zum Beispiel des Typs „Dame, beige“, verkauft. Darauf hat Zill reagiert. Um wachsen zu können, setzt das Geschäftsführerduo verstärkt auf die Ausgestaltung von Empfangs- und Eingangsbereichen. Unternehmen, Krankenhäuser, Behörden, Altenheime können bestellen, was nötig ist. Prospektständer, Aufsteller, Kartenhalter, Türschilder, Fahnen, Schaukästen, Wegweiser, Leitsysteme, Rahmen, Rollbanner. Erst bei näherer Betrachtung fällt auf, was es in Entrees alles zu sehen gibt. Oder geben könnte.

Womit ein guter Teil der Arbeit für die nächste Zeit beschrieben ist. Weil all die Produkte, gut 7000 sind es bei Zill, im Internet angeboten werden sollen, müssen sie dort angemessen präsentiert werden. Dazu sind Datensätze nötig. Und das ist, wenn man Stephanie Quentins Schilderung zuhört, ungeheuer kleinteilig. Produkte müssen fotografiert werden, vermessen und beschrieben. Heranzoomen, drehen und wenden, alles soll möglich sein. Ist alles fertig, soll es so sein, wie es Kunden von vielen Internethändlern schon kennen. Wer die Lamellenwand „Spacewall“ kauft, soll ein ergänzendes Produkt empfohlen bekommen. Und eine zweite Rubrik nennt Produkte, die Menschen gekauft oder angesehen haben, die sich ebenfalls für „Spacewall“ interessierten. Man muss Agenturen beauftragen, die dafür sorgen, dass der Name Zill möglichst weit oben steht, wenn Kunden bei Google nach Ladenausstattungen suchen.

Eine neue Welt für eine neue Generation. Der Übergang war nicht immer leicht. Stephanie Quentin hatte das Internet schon im Blick, als sie noch keine Geschäftsführerin war. Sie hatte die Vorstellung, die Produkte anders zu präsentieren, als es lange Jahre üblich war, auch in den Katalogen. Frischer, emotionaler sollten Kunden angesprochen werden, die Prospekte einzelne Zielgruppen herausheben. Aber noch war ihr Vater Chef im Haus. „Es hat lange gedauert, bis ich Gehör gefunden habe“, sagt sie heute. Die digitale Gedankenwelt im Internet habe ihr Vater nicht gekannt, und das Unternehmen sei ja erfolgreich geführt worden. Auch Matthias Werr hat die Erfahrung gemacht, dass es den insgesamt drei vorherigen Geschäftsführern „nicht leichtgefallen ist, sich abzunabeln, das hat Jahre gedauert“. Und inzwischen? Da sind sie sich einig. „Wir werden beäugt, aber man lässt uns in Ruhe.“

Wandel hat es im Familienbetrieb immer geben müssen. Vor einhundert Jahren begann Otto Zill mit grafischen Maschinen, nach dem Zweiten Weltkrieg fiel dann ein großer Teil der früheren Märkte in Ostdeutschland aus. Bestellkarten wurden ins Sortiment aufgenommen und der erste Katalog herausgegeben. Es war der erste Schritt Richtung Ladenausstattung. Als von Bleisatz auf Fotosatz umgestellt wurde, konnte Produkte wie Setzkästen und Bleibuchstaben kaum noch jemand gebrauchen. In den siebziger Jahren kamen Verpackungen hinzu und Preisauszeichnungen. Vorgänger von Werr und Quentin hatten dazu die Idee, Händlern Tesafilm anzubieten. Zill wurde so zu einem großen Vertreiber von Tesa-Hersteller Beiersdorf. 1987 dann wurde das Logo neu gestaltet und die Einrichtung von Einzelhandelsgeschäften endgültig zum Hauptgeschäft. Das ist die wirtschaftliche Geschichte, eine private gibt es dazu. Werr sagt, dass das Unternehmen durch alle Zeiten hindurch „immer der Anker der Familie ist“.

In der Gegenwart scheint eines zumindest sicher zu sein. Das ewige Rot-Weiß. Der Versuch von Zill, mehr Farben ins Spiel zu bringen, ging nicht auf. Und ein zweiter Wesenszug der Branche dürfte sich wohl nie ändern. Zum Weihnachtsgeschäft bestellen Kaufleute immer größere Einkaufstaschen. Es ist auch eine gute Zeit für das aufgedruckte Motiv „Santa Claus“, die Tragetasche „Pepita“ muss so lange zurückstehen.

Bei Internetauktionen gehen die Preise für das beliebte Kleinkunstfestival durch die Decke. Ein HAZ-Leser hatte 175 Euro für zwei Karten geboten - und wurde trotzdem überboten. Normalerweise kostet jede Karte 28 Euro. Der Cheforganisator Harald Böhlmann kritisiert: Das ist unerträglich und schädigt Konzept und Künstler.

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