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Aus der Stadt Eine Szene sagt mehr als 100 Worte
Hannover Aus der Stadt Eine Szene sagt mehr als 100 Worte
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20:11 09.10.2014
Von Saskia Döhner
„Hier spielen sie sich frei“: Theaterpädagogin Petra Henniger von Wallersbrunn (links) arbeitet mit Kindern an der Peter-Ustinov-Schule.
„Hier spielen sie sich frei“: Theaterpädagogin Petra Henniger von Wallersbrunn (links) arbeitet mit Kindern an der Peter-Ustinov-Schule. Quelle: Tobias Kleinschmidt
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Hannover

Levent sitzt niedergeschlagen auf einem Stuhl, hängender Kopf, krumme Schultern. Dann kommt Seinab und setzt sich daneben. Ihr Körper ist etwas aufrechter, aber besonders glücklich sieht auch sie nicht aus. Mitschüler Mirko scheint besser gelaunt, er lächelt immerhin ein bisschen. Schechmous hingegen strahlt, als könne er die Welt aus den Angeln heben. „Bravo“, ruft Petra Henniger von Wallersbrunn. „Das geht doch super.“ Die Sechstklässler der Peter-Ustinov-Hauptschule stellen spielend Stimmungen dar – wechseln in Sekundenschnelle von zu Tode betrübt zu himmelhochjauchzend und wieder zurück. Dafür brauchen sie nicht viele Worte, sondern ihren Körper.

Transkulturelles Lernen ist das, was die Kinder mit Theaterpädagogin Henniger von Wallersbrunn und Diplomgeografin Birgit Böhm machen. Sie lernen, sich mit Mimik und Gestik und wenn sie können auch mit Sprache auszudrücken. Denn viele sind Flüchtlinge und leben erst seit Kurzem in Hannover. In den Szenen geht es um Themen wie Freundschaft und Armut, aber auch um Berufswünsche und Zukunftsvorstellungen. „Eine Sprachlernklasse, in der Schülern Deutsch beigebracht wird, um sie möglichst schnell in den normalen Unterricht zu integrieren, ist das eine“, sagt Schulleiterin Karin Haller, „das Theaterspielen ist etwas ganz anderes, da gehen auch stillere Kinder, die noch wenig Deutschkenntnisse haben, aus sich heraus und entwickeln Selbstbewusstsein.“

An der Peter-Ustinov-Hauptschule in Oberricklingen lernen Kinder aus Migrantenfamilien, wie sie sich ausdrücken können.

Ohne Theaterstunden würden viele Schüler hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben, sagt Haller. Amir aus Albanien zum Beispiel hat im vergangen Schuljahr seine Liebe zur Bühne entdeckt. „Vielleicht werde ich einmal Schauspieler“, sagt der Zwölfjährige. Auch sein Sitznachbar Schechmous, der aus dem Libanon kommt und jetzt am Mühlenberg wohnt, genießt die Aufmerksamkeit der anderen sichtlich.

An der Peter-Ustinov-Schule findet das Projekt bereits zum zweiten Mal statt wie auch an der Kooperativen Gesamtschule Hemmingen. Gestartet war es ursprünglich in einer Sprachlernklasse im Schulzentrum Badenstedt. Viele Flüchtlingskinder kommen verängstigt, traumatisiert, mit schlimmen Erinnerungen nach Deutschland. „Hier spielen sie sich frei“, sagt Henniger von Wallersbrunn. Und das macht vielen sogar mehr Spaß als Unterricht. „Ansonsten muss man stillsitzen und nur zuhören, lesen oder schreiben“, sagt Mirko (13). „Oder Arbeitsblätter ausfüllen“, ergänzt Levent. Im Theaterkurs kann der Junge mit den türkischen Wurzeln seiner Fantasie freien Lauf lassen und als Kellner in einem feinen Restaurant auf den Vorwurf der Gäste, die Speisen seien teuer, geschickt kontern: „Unsere Kochfirma ist arm, wir brauchen das Geld.“

Schüchternere Mädchen lernen sich durchzusetzen, und Jungen mit Macho-Allüren nehmen sich zurück und werden ganz leise. „Viele merken zum ersten Mal, dass sie ganz andere Möglichkeiten haben, sich auszudrücken“, sagt Schulleiterin Haller, „man muss nicht sofort zuschlagen.“ Theaterspielen verbindet auch: „Wenn man sich gestritten hat und dann eine Szene zusammenspielt, ist alles wieder gut.“ Die Stunden seien spannend, sagt Saleem, dessen Familie aus dem Irak gekommen ist und jetzt in Linden-Süd lebt. Und das Beste: Es gibt keine Noten, sondern nur ein Zertifikat.

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