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Aus der Stadt "Niemand kann sagen, ob wir das schaffen"
Hannover Aus der Stadt "Niemand kann sagen, ob wir das schaffen"
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00:21 10.11.2015
Von Conrad von Meding
"Man darf nicht verdrängen, sondern muss darüber reden": Der Traumatologe Naiel Arafat. Quelle: Wallmüller
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Hannover

Naiel Arafat (54) lebt in Höver an der östlichen Stadtgrenze Hannovers. Er hat eine Praxis für Psychotherapie und Psychotraumatologie in Peine und hält Sprechstunden in Hannover und den Umlandgemeinden ab. Der Sohn palästinensischer Eltern ist in Libyen aufgewachsen und mit 17 Jahren zum Medizinstudium an die Freie Universität in Berlin gekommen. Seit 37 Jahren lebt er in Deutschland. Er hat die deutsche Staatsbürgerschaft, ist verheiratet und hat einen Sohn. Er ist Mitglied im Wirtschaftsverein Pro Hannover Region und Mitbegründer des Vereins „Verrückt nach Frieden“, der sich um die Aussöhnung von Deutschland, Israel und Palästina kümmert.

HAZ: Herr Arafat, in einem Kurzvortrag zu Wochenbeginn haben Sie gesagt: „Ihr Deutschen werdet Euch noch wundern, welche Probleme auf dieses Land zukommen.“ Was haben Sie gemeint?

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Arafat: Viele von den Flüchtlingen, die derzeit aus Bürgerkriegsländern und Diktaturen zu uns kommen, tragen schwere seelische Verletzungen mit sich. Wenn öffentlich behauptet wird, dass alle diese Menschen schnell ein produktiver Teil der deutschen Gesellschaft werden können, dann machen wir uns etwas vor. 

Sie meinen: „Wir schaffen das“ – nicht?

Es ist toll, was derzeit an sogenannter Willkommenskultur geleistet wird. Die Hilfsbereitschaft ist großartig, und sie ist nötig, um die schiere Menge der Ankommenden zu bewältigen. Ich will das nicht schmälern – aber Hilfe ist nicht alles. Natürlich ist es wichtig, Kleidung zu verteilen, Sprachkurse zu geben oder Wohnungen zu besorgen. Aber man sollte so ehrlich sein, sich einzugestehen: Viele der Ankommenden sind so schwer traumatisiert, dass sie große Probleme haben werden, sich hier zurechtzufinden.

Warum?

Die Menschen haben zum Teil Schreckliches durchgemacht. Das kann man sich als Deutscher heute wohl kaum noch vorstellen. Sie laufen Tausende Kilometer zu Fuß, sie schwimmen, sie sind Schleusern ausgeliefert. Sie werden gejagt, verfolgt. Sie sind quasi Freiwild: Sie haben oft Geld für die Reise bei sich und sind damit Ziel von Räubern. Wenn sie überfallen werden, ist ihr Leben wertlos: Niemand sucht nach ihnen, wenn sie verschwinden. Das alles bedeutet: Sie leiden unter schwerster, existenzieller Angst. Und wenn sie dann hier ankommen, dann müssen sie sich sofort in Arbeit stürzen. Denn oft haben ihre Familien Schulden gemacht, um ihnen die Reise zu ermöglichen, oder sie müssen Schleuserschulden abbezahlen. Sie haben also keine Zeit, sich mit ihrem Trauma auseinanderzusetzen. Wir wissen aber: Traumata, die nicht bearbeitet werden, brechen hoch. Diese Menschen sind tickende Zeitbomben.

Der junge Mann wollte eigentlich nicht nach Deutschland. Er war aus Syrien über Ägypten nach Libyen geflohen, Schleuser hatten ihn übers Meer nach Griechenland befördert, von dort ging es über Bulgarien, Italien nach Mitteleuropa, Ziel: Belgien. Dort waren Freunde, die Arbeit gefunden hatten. Doch in Köln griffen ihn Bundespolizisten auf, er wurde in Deutschland erst­registriert und durfte nicht weiter. Und so kam er nach Hannover, wo er gar nicht sein will. Seine Familie wartet auf Geld, also ackert er und ackert und ackert, für einen Euro pro Stunde, von dem er 70 Cent nach Hause schickt. In seiner Flüchtlingsunterkunft klagte er über massive Schlafstörungen, also wurde er zu Ärzten geschickt. Die haben ihm Schlaftabletten verschrieben, richtig viel – aber sie haben nichts genutzt. Er hat angefangen, Alkohol zu nehmen und leichte Drogen, doch die Ängste in der Nacht und die Schlafstörungen blieben. Also wurde er zu mir geschickt. Aber hier sagte er: „Ich bin nicht verrückt, ich will doch nur schlafen.“ Ich habe ihm erklärt, dass er zur Ruhe kommen und sich mit seinen traumatischen Erlebnissen beschäftigen muss. Aber er sagt, das gehe nicht, seine Familie brauche das Geld. Nach zwei Sitzungen ist er nicht mehr gekommen.

Nun haben Hunderttausende Deutsche nach dem Zweiten Weltkrieg ein ähnliches Schicksal erlitten, als sie über zugefrorene Haffe und an Zügen sich festklammernd aus dem Osten geflohen sind.

Der Vergleich ist zum Teil richtig, aber zum Teil auch nicht. Die Deutschen kamen damals immerhin in einer im Grunde ähnlichen Kultur an, in einem ähnlichen Sprachraum. Sie waren übrigens, das wird heute oft vergessen, beileibe nicht so willkommen wie die Flüchtlinge derzeit, aber es herrschte in Alltagsfragen zumindest ein Grundverständnis füreinander. Das kann man für die Flüchtlingsströme heute nicht sagen. Deutsche Pünktlichkeit, Sauberkeit, Ordnung – diese Werte sind in anderen Kulturen nicht so wichtig. Dafür herrscht dort eine ganz andere Nähe der Menschen zueinander, eine andere Art von Anteilnahme. So sind die Hürden zum Ankommen in der Gesellschaft heute also viel höher. Aber obwohl sie für die deutschen Vertriebenen einst geringer waren: Wir Psychotherapeuten merken heute noch bei den Kindern und Kindeskindern Nachwirkungen des Traumas von damals. Symptome wie Angst, Depression, die nicht aus eigenen Erfahrungen erklärbar sind und zum Teil sogar eine Generation übersprungen haben. Gleiche traumatische Muster finden Sie in den amerikanischen Familien der Vietnam-Rückkehrer oder auch denen, die unter dem israelisch-palästinensischen Konflikt leiden.

Das Ehepaar ist mithilfe von Schleusern über Bulgarien nach Hannover gekommen. Das Wohnhaus in Syrien ist zerbombt worden, viele Freunde und Verwandte sind gestorben. In Bulgarien wurden sie wie Kriminelle verhaftet und von der Polizei misshandelt: getreten, geschlagen, bespuckt. Schließlich wurden sie über Österreich des Landes verwiesen und kamen so nach Hannover. Vor allem die Ehefrau litt schwer unter dem Erlebten. Dann fanden die Behörden heraus, dass in ihrem Pass ein bulgarischer Stempel ist. Das bedeutet: Einreise über ein sicheres Herkunftsland, also Rückführung. Sie haben gefleht: Nein, nur nicht Bulgarien, dort wurden wir misshandelt. Sie hatten furchtbare Angst. Ich habe zusammen mit einem Kollegen Bescheinigungen ausgestellt, dass sie auf keinen Fall zur Ausreise gezwungen werden dürfen wegen akuter Suizidgefahr. Deshalb werden sie geduldet. Die Frau ist jetzt in Königslutter in der Psychiatrie.

Warum ist es so schwer, Menschen mit Traumata zu helfen?

Wenn jemand körperliche Verletzungen hat, dann ist das Problem einfach zu erklären, und man weiß in der Regel, wie es zu heilen ist. Was ein Beinbruch ist, versteht jeder, und die Therapieformen sind bekannt. Bei psychischen Verletzungen ist die gesellschaftliche Akzeptanz geringer, und Sie brauchen die Mitarbeit des Betroffenen. Die Flüchtlinge aber, die hier ankommen, haben doch ganz andere Probleme als sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Aber es wäre so dringend nötig. Was sie erlebt haben, gehört zum Teil zum Schlimmsten, was man erleben kann. Vergewaltigungen der Frauen und Töchter, Hinrichtungen von Verwandten und Freunden. Und denken Sie, wie viele Kinder während der Flucht sterben. Das gehört für Eltern zum schlimmsten, was passieren kann. Sie machen sich auf den Weg, um einem schrecklichen Leben zu entfliehen, und dann verlieren sie ihr Kind, es ertrinkt zum Beispiel auf der Überfahrt im Mittelmeer.

Wie kann dabei die Traumatologie helfen?

Wir helfen den Patienten, ihre schweren psychischen Verletzungen zu verarbeiten. Man darf nicht verdrängen, sondern muss darüber reden.

Nur reden?

Nein, nicht „nur reden“, sondern reden, reden und noch mal reden. Und dann das Trauma ausarbeiten. Das ist Intensivmedizin für die Seele. Und die Voraussetzung dafür, dass irgendwann ein Ankommen in einer neuen Gesellschaft gelingen kann.

Sie sprechen von tickenden Zeitbomben. Solch ein Begriff ruft Ängste hervor. Worauf muss man sich einstellen?

Es geht nicht um Menschen mit Sprengstoffkoffern. Es geht darum, dass wir große Skepsis haben sollten, dass die Integration in Arbeitsmarkt und Gesellschaft innerhalb von etwa drei Jahren gelingen könnte, wie es uns jetzt oft erzählt wird. Es mag Fälle geben, in denen das funktioniert, und ich freue mich über jeden. Ich selbst habe in vier Monaten Deutsch gelernt – aber ich war 17 und kein Flüchtling aus einem Kriegsgebiet, sondern bin zum Studieren gekommen. Wenn die Politik ehrlich ist, dann sagt sie der Bevölkerung in aller Klarheit, dass große Aufgaben bevorstehen.

Noch mal: „Wir schaffen das“ – nicht?

Niemand kann derzeit sagen, ob und wie wir das schaffen. Die These müsste heißen: Wir wollen das schaffen. Aber zu diesem Wunsch gehört dann bitte auch, dass wir uns eingestehen, dass nicht jeder, der jetzt zu uns kommt, eine Fachkraft wird, und dass die Integration nicht bei jedem vorbildlich gelingen wird. So viel Ehrlichkeit dürfen die Bürger erwarten.

Amnesty: Traumahilfe ist beschämend

Amnesty International hat gerade erst wieder die mangelnde Versorgung der Opfer von Menschenrechtsverletzungen angeprangert. In den bundesweit rund 30 psychosozialen Behandlungszentren für Flüchtlinge und Folteropfer könne nur etwa 15 Prozent der Betroffenen geholfen werden, kritisierte die Generalsekretärin für Deutschland, Selmin Çalişkan. Auch niedergelassene Psychotherapeuten und Ärzte können diese Lücke nicht schließen. Dass ausgerechnet in einem derart reichen Land die Verpflichtungen der EU-Aufnahmerichtlinie nicht eingehalten werde, sei beschämend.

Um traumatisierte Flüchtlinge in Niedersachsen kümmert sich unter anderem das 2014 gegründete Kriseninterventionszentrum KIZ in der Marienstraße. Schätzungen zufolge beträgt der Anteil traumatisierter Flüchtlinge unter den Asylsuchenden rund 40 Prozent. Der rechtliche und sprachliche Zugang zu Psychotherapie aber sei oft schwierig, heißt es beim KIZ. Das KIZ vermittelt Therapieplätze, regelt die Fragen der Kostenübernahme, besorgt Dolmetscher und leistet auch Fortbildungen in Zusammenarbeit mit der Ärztekammer und der Psychotherapeutenkammer Niedersachsen über soziale, psychische und somatische Aspekte von Menschenrechtsverletzungen, Folter und ihren Folgen.

Auch für die Region werde die Behandlung von Psychotraumata ein wichtiges Thema, sagt Sprecherin Sonja Wendt. Die Region ist unter anderem zuständig für die unbegleiteten minderjährigen Ausländer, die in den Kommunen eintreffen, in denen die Region Jugendhilfeträgerin ist. Nicht alle unbegleiteten Jugendlichen werden therapeutisch begleitet, aber in einem bis zu achtwöchigen Clearingverfahrens ärztlich untersucht. Ergebe sich therapeutischer Bedarf, vermittele die Region im Einzelfall. Derzeit führe man mit einem spezialisierten Träger Gespräche, um eine Versorgung sicherzustellen.

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